Tunnelräuber gruben monatelang

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Andreas Rabenstein

Berliner Polizei nennt spektakulären Bankeinbruch ein Werk von Profis. Aber niemand kennt Täter und Beute

Berlin. Planung und Ausführung des Coups dauerten mindestens ein Jahr: Die Gangster, die einen 45 Meter langen Tunnel zu einer Bank in Berlin gegraben und im Tresorraum Schließfächer aufgebrochen haben, gingen sehr umsichtig und gründlich vor. Das zeigen erste Erkenntnisse der Kriminalpolizei, die einen Tag nach der Entdeckung des spektakulären Einbruchs in eine Filiale der Volksbank im Südwesten der Hauptstadt die Sonderkommission "Tunnel" einsetzte. Eines ist den Fahndern dabei klar: "Es waren auf jeden Fall Profis", sagte am Dienstag Polizeisprecher Thomas Neuendorf.

Bereits im Februar 2012 hatten die Täter mit gefälschten Ausweisen einen Stellplatz in einer Tiefgarage unter einem Ärztehaus angemietet, ergab eine Befragung der zuständigen Hausverwaltung. Die einfache Garage ohne Kameras liegt nahe der Volksbank in der Wrangelstraße im gutbürgerlichen Steglitz. Der Platz konnte mit einem Rolltor verschlossen werden - und so vermochten die Einbrecher seit einem knappen Jahr weitgehend ungestört zu arbeiten. In drei Meter Tiefe grub sich die Bande Richtung Bank - 45 Meter weit. Am Dienstag hatte ein kleiner Roboter 3-D-Aufnahmen von der Strecke gemacht. "Man erkennt am Eingang: Das ist sehr professionell gebaut. Das waren keine Anfänger, die mal eine Sandburg buddeln", sagte Neuendorf. Die Decke und die Wände des Tunnels seien gesichert und abgestützt. Ein Mensch könne gebückt durch den Gang gehen. "Das hat sicher viele Monate gedauert." Vermutlich setzten die Täter Maschinen zum Graben ein. Günstig für sie war dabei, dass das Bankgebäude ein alleinstehendes Haus ist und Lärm oder Vibrationen im Boden nachts oder am Wochenende unbemerkt blieben.

Die Erde schaffte die Bande nach und nach mit Autos weg. "Zeugen, die sich jetzt gemeldet haben, sahen, dass immer wieder Bauarbeiter an der Garage und dem Haus unterwegs waren", berichtete der Polizeisprecher. Erst jetzt hätten die Nachbarn auf einen Zusammenhang mit dem Einbruch geschlossen. Mehr als 20 Hinweise gingen bis Dienstag bei der Polizei ein.

Nach monatelangem Graben stemmten die Täter am vergangenen Wochenende die Kellerwand der Bank auf. Sie drangen in den großen Raum mit den Schließfächern ein und brachen eins nach dem anderen auf. Dabei verlief offenbar aber nicht alles wie geplant. Bei einem Wachschutz der Bank wurde Alarm ausgelöst. Die Wachleute konnten aber nichts entdecken. Die Polizei fragt sich nun, ob die Täter bei ihrem Diebstahl unterbrochen wurden. Nur etwa 300 der 1600 Schließfächer wurden nach einer ersten Einschätzung der Volksbank geknackt. Etwa 900 Schließfächer sind überhaupt vermietet, sodass auch nicht klar ist, wie viele "Nieten" die Täter erwischten. "Warum haben sie abgebrochen?", fragte Neuendorf. "Vielleicht ist doch etwas schiefgelaufen? Man gräbt nicht monatelang, um dann zwei Drittel der Beute liegen zu lassen."

Antworten erhofft man sich von den Experten der Spurensicherung, die nun penibel den Tunnel untersuchen. Winzige Spuren und Details könnten zu einem Erfolg führen, sagte Neuendorf. "Spurensuche, Spurensuche und noch mal Spurensuche. Es geht um akribische Kleinstarbeit." Das könne noch viele Tage dauern. Wie viel Geld, Gold oder Schmuck die Einbrecher erbeuteten, wissen nur sie selbst. Die Bank durfte bisher nur einen kurzen Blick in den Keller werfen. Nur sehr oberflächlich lasse sich einschätzen, welche Fächer unbeschädigt seien, sagte eine Sprecherin. Erst wenn die Spurensicherung beendet ist, kann die Bank alle Nummern der aufgebrochenen Fächer notieren. Dann müssen sich einige Mieter der Schließfächer, die je zwischen 45 und 170 Euro im Jahr kosten, auf eine böse Überraschung gefasst machen. Nur wer eine eigene Versicherung für den Inhalt abgeschlossen hat, bekommt den Verlust ersetzt.

Der Südwesten Berlins war wiederholt Schauplatz spektakulärer Banküberfälle und Geiselnahmen. Erst im Dezember hatte ein Mann in einer Bank neun Stunden einen Angestellten als Geisel in seiner Gewalt, bevor die Polizei ihn zum Aufgeben bewegte. Der spektakulärste Fall in Deutschland liegt 17 Jahre zurück. Am 27. Juni 1995 gruben vier Räuber einen Tunnel in eine Bank in Zehlendorf und nahmen 16 Geiseln. Kurz bevor die Polizei die Bank stürmte, flohen die Männer mit ihrer Millionenbeute durch den Tunnel. Ein aufsehenerregender Einbruch ereignete sich auch im Januar 2009. Fette Beute machten Diebe, als sie im Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe teure Uhren und Schmuck stahlen. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt. Es wurde zwar eine DNA identifiziert. Sie führte jedoch zu einem Zwillingspaar mit identischem Erbmaterial. Für eine Anklage reichte das nicht.

Vor knapp drei Jahren plünderten Einbrecher 200 Schließfächer einer Bank in Paris. Auch diese Gangster hatten sich durch einen Tunnel in den Tresorraum gegraben. Ein Sicherheitsmann erwischte die Täter zwar auf frischer Tat. Sie konnten ihn jedoch überwältigen und fliehen.