"Einen Typen totgeschlagen"

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Gesuchter Haupttäter von Berlin prahlte offenbar mit seinem Verbrechen. Wowereit bei Trauerfeier für 20-jähriges Opfer

Berlin. Mehrere Hundert Berliner haben gestern Abschied von dem 20-jährigen Jonny K. genommen, der vor knapp zwei Wochen auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt wurde. Der Fall hatte weithin für Erschütterung und Empörung gesorgt, unter anderem deshalb, weil zwei dringend Tatverdächtige wieder auf freien Fuß gesetzt wurden und der mutmaßliche Haupttäter offenbar in der Türkei untergetaucht ist. Es soll sich, wie gestern bekannt wurde, um einen einschlägig vorbestraften ehemaligen Amateurboxer handeln, der türkischer Herkunft ist. Nach Angaben von Bekannten hat der 19-Jährige Stunden nach der Tat damit geprahlt, "einen Typen totgeschlagen" zu haben, berichtet der "Spiegel".

An dem nicht öffentlichen Teil der Trauerfeier in Berlin-Charlottenburg nahmen neben Familie und Freunden auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), Justizsenator Thomas Heilmann (CDU), Parlamentspräsident Ralf Wieland sowie der Opferbeauftragte Roland Weber teil. Ein Mönch leitete die buddhistische Zeremonie.

"Heute ist ein Tag der Trauer", sagte Wowereit. Durch diese "sinnlose Tat" sei ein junger Mann seiner Perspektive beraubt worden. "Wir müssen dafür Sorge tragen, dass Gewalt kein Thema mehr ist", mahnte Wowereit. Das Opfer war in der Nacht zum 14. Oktober von mehreren jungen Männern am Alexanderplatz bewusstlos geprügelt worden. Der 20-Jährige starb am Tag darauf an seinen schweren Verletzungen.

Ein 19-Jähriger sitzt unter Tatverdacht in Untersuchungshaft. Über die Freilassung von zwei weiteren Verdächtigen im Alter von 19 und 21 Jahren hingegen gibt es eine heftige Debatte in der Stadt. Die beiden jungen Männer, die sich selbst bei der Mordkommission gestellt hatten, waren am Donnerstagabend wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Ein Richter ordnete in beiden Fällen keine Untersuchungshaft an. Zwar war gegen den 21-Jährigen wegen des Verdachts auf Körperverletzung mit Todesfolge Haftbefehl erlassen worden, er wurde jedoch wegen seines Geständnisses und seiner sozialen und familiären Bindungen freigelassen. Justizsenator Heilmann äußerte gestern Verständnis für den Unmut über die Entscheidungen des Haftrichters. Die Kritik sei berechtigt, sagte er. Berlins Opferbeauftragter Weber betonte, dieser Richter sei eigentlich nicht dafür bekannt, "laxe Urteile" zu fällen.

Auch der evangelische Landesbischof Markus Dröge zeigte sich erschüttert über diese und andere Gewalttaten der vergangenen Monate und Wochen in Berlin. "Mitbürger, die offen zu ihrer Religion stehen oder erkennbar aus einem anderen Kulturkreis stammen, wurden angepöbelt, niedergeschlagen, ja sogar ermordet", sagte der Bischof beim Fest zum 775. Stadtjubiläum.

Bei dem mutmaßlichen Haupttäter handelt es sich nach mehreren Medienberichten um einen früheren Amateurboxer und polizeibekannten Gewalttäter. Er ist demnach wegen Körperverletzung, Nötigung und Waffenbesitzes vorbestraft. Als Boxer war er dem Nachrichtenmagazin "Focus" zufolge Berliner Junioren-Vizemeister. Wenige Wochen vor der Tat soll er wegen mehrfacher Vorstrafen ein Anti-Gewalt-Seminar absolviert haben. Von seinem Umfeld werde er als äußerst aggressiv beschrieben, hieß es.

Könnte sich der Täter durch seine Flucht in die Türkei der Strafe entziehen? Um eine Auslieferung zu erreichen, müssen drei Voraussetzungen erfüllt ein: Erstens muss ein gültiger, möglichst internationaler Haftbefehl vorliegen, zweitens ein Rechtshilfeersuchen der Staatsanwaltschaft, dem auch - so ein sachkundiger westlicher Diplomat in der Türkei - "Beweise" beigefügt sein sollten. All das in beglaubigter türkischer Übersetzung. Nur wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, würden die türkischen Behörden überhaupt nach dem Täter fahnden. Sollten sie ihn dann fassen, bedarf es noch eines deutschen Auslieferungsantrags.

Angesichts der Brisanz des Falles dürften sich die türkischen Behörden bemühen, den Täter zu fassen. Es stimmt deutsche Ermittler optimistisch, dass einer der anderen Verdächtigen offenbar nach der Tat kurz in die Türkei gereist war, dann aber zurückkehrte und sich der Polizei stellte. Er mag eingesehen haben, dass es keinen Zweck hatte.

Auch eine im Berliner "Tagesspiegel" zitierte Aussage der deutschen Ermittler, wonach es nur eine Frage der Zeit sei, bis der Täter ausfindig gemacht werde, deutet darauf hin, dass die deutsche Polizei ihren türkischen Kollegen den Zugriff zutraut.

Bilder von der Trauerfeier und weitere Berichte www.abendblatt.de/jonny

( (dapd/HA) )