BBC-Moderator

Sir Jimmy Savile - vom Helden zum Kinderschänder

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Britta Gürke

Entsetzen in England: Der 2011 gestorbene BBC-Kultmoderator Sir Jimmy Savile soll 40 Jahre lang Mädchen missbraucht haben.

London. Als Jimmy Savile vor gut einem Jahr mit 84 starb, trauerte Großbritannien. Tausende säumten die Straßen im nordenglischen Scarborough, als seine sterblichen Überreste in einem goldenen Sarg zum Friedhof gefahren wurden. Tagelang waren Titelseiten und Fernsehprogramme voll mit Berichten über den einstigen BBC-Kultmoderator. Und auch in diesen Tagen kann man der weißblonden Mähne und dem schrillen Kleidungsstil des Exzentrikers auf der Insel erneut kaum entgehen. Doch diesmal ist alles anders: Der einstige Volksheld soll jahrzehntelang Minderjährige sexuell missbraucht und vergewaltigt haben, manche sollen erst zwölf gewesen sein.

Die Polizei hat eine Untersuchung begonnen, die BBC - weltgrößte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt - steht schwer in der Kritik. Auch generelle Fragen werden aufgeworfen - nach dem Umgang mit sexueller Befreiung in den 60er- und 70er-Jahren, nach Kultur und Machtverhältnissen am Arbeitsplatz, und ob so etwas heute wieder passieren könnte.

Jahrzehntelang hatte Savile die beliebte Schlagersendung "Top of the Pops" präsentiert. Und mit seiner eigenen Show "Jim'll Fix it" (Jim arrangiert es), in der er Träume und Wünsche von Kindern erfüllte, machte er sich endgültig zu einer Institution im Land. Die Spenden, die er damit für wohltätige Zwecke einspielte, werden auf 40 Millionen Pfund (knapp 50 Millionen Euro) geschätzt. 1990 schlug Königin Elizabeth II. den Mann, der aus einfachen Verhältnissen stammte und im Zweiten Weltkrieg als Bergarbeiter schuftete, zum Ritter. Im selben Jahr wurde er auch mit dem vom Papst verliehenen Ritterorden des heiligen Gregor des Großen geehrt.

Nun melden sich fast täglich weitere Opfer, die von Savile missbraucht worden seien. Der Leiter der zuständigen Polizeieinheit für besondere Straftaten erklärte nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", es sei eindeutig, dass Savile ein "beutehungriger Sexualstraftäter" mit Vorliebe für junge Mädchen gewesen sei, der vier Jahrzehnte lang Vergehen von "nationalem Ausmaß" begangen habe. Zehn Beamte seien mit dem Fall befasst. Rund 120 Ermittlungsanträge würden schon verfolgt.

"Absolut erschreckend" nannte auch Grant Shapps, Führungsmitglied der konservativen Partei von Premierminister David Cameron, die Zahl der mutmaßlichen Opfer, die sich innerhalb kurzer Zeit gemeldet haben. Cameron selbst warf die Frage auf, ob Savile sein Titel Sir aberkannt werden sollte.

Die BBC müsse in jedem Fall einige Fragen beantworten, forderten Shapps, andere Politiker und die Öffentlichkeit. Die altehrwürdige Einrichtung steht vor allem wegen zwei Punkten in der Kritik: Zum einen soll Savile seine Position als Moderator von BBC-Erfolgssendungen ausgenutzt haben. Zum anderen sollen Saviles Taten bei der BBC möglicherweise lange bekannt gewesen sein. In einer Dokumentation des BBC-Konkurrenten ITV beschrieben Frauen, wie sie als Minderjährige von Savile in der BBC-Garderobe befummelt, zu sexuellen Akten gezwungen oder gar vergewaltigt worden seien. Zwei ehemalige Produzenten berichten, wie sie Savile in flagranti erwischt hätten, sich aber nicht trauten, es zu melden. Die BBC muss sich auch vorwerfen lassen, dass sie Ende 2011 eine Dokumentation nicht ausstrahlte, die sich mit den Missbrauchsvorwürfen beschäftigte. Grund sollen journalistische Zweifel gewesen sein. Der Sender hat sich mittlerweile entschuldigt und eine Untersuchung angekündigt.

Savile soll keineswegs nur in Hinterzimmern von TV-Studios Kinder missbraucht haben, sondern möglicherweise auch in Krankenhäusern, Schulen und Heimen, für die er Spenden sammelte. Krankenschwestern sollen seine Besuche gefürchtet und Kindern geraten haben, sich schlafend zu stellen. Die Polizei habe Bescheid gewusst, behaupten einige der Opfer. Wegen der Prominenz des mutmaßlichen Täters sollen sich viele machtlos gefühlt haben. Manche sagen auch, die Zeiten seien damals anders gewesen. Sexuelle Befreiung traf auf alte Geschlechterrollen und Machtstrukturen.

Heute stellt sich kaum noch jemand hinter Savile. Seine Familie hat seinen erst vor wenigen Wochen aufgestellten Grabstein in Scarborough entfernen und zertrümmern lassen. Einige Freunde verteidigen ihn und verweisen auf sein unermüdliches soziales Engagement. Ende November will die Polizei einen Bericht zu Savile vorlegen.