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In der Hafenstadt Marseille tobt ein Bandenkrieg

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Ansgar Haase

Die Mittelmeer-Metropole wird 2013 Europas Kulturhauptstadt. Doch die Polizei scheint machtlos gegen die Morde auf den Straßen.

Marseille. Die französische Hafenstadt Marseille hat als Ganovensitz fast so einen schlechten Ruf wie die Mafia-Hochburg Neapel. Dass die Unterwelt die Mittelmeer-Metropole schon in den 1930er-Jahren fest im Griff hatte, zeigte der Gangsterfilm "Borsalino" mit Jean-Paul Belmondo und Alain Delon: Die skrupellosen Kriminellen François Capella und Roch Siffredi übernahmen die Macht in der Stadt.

Und diesen Ruf als Stadt der Gangster wird Marseille bis heute nicht los. Hinrichtungen auf der Straße, verbrannte Leichen und schweigende Zeugen: Ausgerechnet in der künftigen europäischen Kulturhauptstadt eskaliert ein Konflikt zwischen Drogenbanden. Ein halbes Jahr vor der Übernahme des prestigeträchtigen Titels liefern sich in der Hafenmetropole Kriminelle brutale Revierkämpfe.

+++ HafenCity am Mittelmeer +++

Seit Jahresbeginn starben 14 Menschen, die nähere Umgebung miteingerechnet sind sogar 19 Tote zu beklagen. Polizei und Politik scheinen im Kampf gegen Drogen- und Waffenhandel hilflos. Nach einer Mordserie unter Bandenmitgliedern werden Forderungen nach einem Militäreinsatz laut. Die Öffentlichkeit ist entsetzt. "In dieser Stadt beschränkt sich die Rolle der Polizei darauf, die Erschossenen auf den Straßen zu zählen", kommentierte vor Kurzem bitterböse die elsässische Zeitung "Dernières Nouvelles d'Alsace", nachdem Walid M., 25, kaltblütig ermordet worden war. Der junge Franzose, der Polizei als Dealer bekannt, war in einem schwarzen Kleinwagen im Norden von Marseille unterwegs. Seine Freundin, die am Steuer saß, bremste vor einer roten Ampel auf dem Boulevard Casanova. Ein anderes Auto stoppte neben dem Paar. Sekunden später war Walid M. tot - durchsiebt von Kugeln aus einer Kalaschnikow. Polizisten fanden am Tatort rund 30 Patronenhülsen. Die junge Frau überlebte.

Er ist das bisher letzte Opfer der Drogenmafia in diesem Jahr. Verzweifelt forderte jüngst Bezirksbürgermeisterin Samia Ghali, 44, sogar eine Intervention des Militärs. Die Regierung unter Präsident François Hollande will davon aber bislang nichts wissen. Heute Abend soll es nun ein Krisentreffen zur Lage in Marseille geben. Bürgermeister Jean-Claude Gaudin hofft auf bis zu 300 zusätzliche Polizeikräfte. Die Pariser Zeitung "Le Figaro" fordert: "Man muss auf den Hilferuf der sozialistischen Senatorin Samia Ghali rasch reagieren. Man hat Marseille zu lange als französische Ausnahme behandelt, als ob die Kriminalität dort eine Fügung des Schicksals wäre. Bei dem Krisentreffen der Regierung wird es dazu hoffentlich mehr geben als schöne Worte. Dies muss man Marseille und Frankreich wünschen."

+++ Stadtgeschichte +++

Dass sich die Probleme allein mit mehr Sicherheitskräften lösen lassen, glaubt allerdings kaum jemand. In vielen Stadtteilen gibt es extrem viele Arbeitslose, die kaum Hoffnung auf sozialen Aufstieg haben. Besonders für Jugendliche aus unteren Schichten und Einwandererfamilien ist die Versuchung groß, ins lukrative Drogengeschäft mit Cannabis oder Kokain einzusteigen. Hinzu kommt die leichte Verfügbarkeit von Waffen. Eine Kalaschnikow gibt schon für ein paar Hundert Euro. Drogen, Waffen und Tristesse ergeben "einen tödlichen Cocktail".

Für die zweitgrößte Stadt Frankreichs mit 900 000 Einwohnern kommen die negativen Schlagzeilen zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Im Januar werden Marseille und die Provence europäische Kulturhauptstadt, die Region löst damit Guimarães in Portugal und Maribor in Slowenien ab.

Solange im "Tor zum Orient" Gangsterbosse wie Farid Berrhama für Gesprächsstoff sorgen, wird die Stadt ihren schlechten Ruf wohl nicht los. Der "Röster" brachte seine Rivalen in der Unterwelt nicht nur um, er steckte auch ihre Autos an und ließ ihre Leichen darin verkohlen. 2006 bezahlte er seine Verbrechen mit dem Leben. Er wurde in einer Brasserie erschossen, als er mit Freunden ein Fußballspiel im Fernsehen anschaute.