Gute Laune im trüben Juli

Sommer ist, wenn man trotzdem lacht

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Irene Jung

Bei Sonne sind alle lustig, aber erst bei diesen miesen Temperaturen laufen wir Hamburger zur Bestform auf - auch und gerade auf Facebook.

Hamburg. Kaltfront. Man möchte das gar nicht mehr so genau wissen. In Großbritannien, erinnern wir uns, besuchte die Queen Ende Mai noch die Chelsea Flower Show bei subtropischer Hitze, feierte dann im Juni diamantenes Thronjubiläum bei strömendem Regen, inzwischen herrschen arktische Temperaturen bei 16 Grad. In der Schweiz, beklagte die Schriftstellerin Sibylle Berg in der "Neuen Zürcher Zeitung", versuchen die Wetterpropheten seit Mai, "die Menschen zu besänftigen", und zwinkern verheißungsvoll, so als käme demnächst aberwitzig gutes Wetter. "Seit wann liegt Muenchen eigentlich am Polarkreis?", postet mein Kollege Alexander Schuller aus dem Urlaub. Venedig: nass-schwüle 27 Grad bei verhangenem Himmel. Nur Griechenland sonnt sich, das kostet nichts.

Aber Sommer sieht anders aus. Farbsprühend, leuchtend, Sonnenschutzfaktor 25, Badesee: Man pult eine Ameise aus dem Badeanzug und stürzt ins Wasser, das die Haut erfrischt, aber nicht wie jetzt vereist. Lange Balkonnächte bei Windlichtern und eisgekühltem Roséwein mit guten Freunden, während die Lavendelblüten im Kübel sanften Duft verströmen. Meinetwegen auch pralle Sonne, sodass man abends erst mal mit Blumenwässern beschäftigt ist. Und schon den Ausflug an die Ostsee plant.

Stattdessen sitzen wir bedröpst vor dem Fernseher und hören die bekannten Textbausteine wie in einer Endlosschleife: "... setzt im Norden teils länger anhaltender Regen ein, der sich bis zum Morgen ... Luft kühlt sich auf 13 bis 8 Grad ab ..." Kein Wunder, dass manche am PC schon Fotobücher aus älteren Urlauben zusammenstellen. An irgendwas muss sich der Mensch ja aufrichten. Erfreulich viele Menschen werden am PC auch kreativ. "Die Bevölkerung vermisst seit 6 Wochen eine Jahreszeit" - schöner kann man's nicht sagen. Imprägniert werden müsste nicht nur die Currywurst. Man kann gegen Facebook viel sagen, aber in Sachen Individual-Kreativität ist es unschlagbar. Mehr Fantasie haben nur die Hobby-Esoteriker, die mit windschiefen "Bauernregeln" dem schlechten Sommer auch noch einen Sinn abringen wollen.

+++ Die Wahrheit über den norddeutschen Sommer +++

Das Wort früher gewinnt an Bedeutung. In unserer Erinnerung waren frühere Sommer immer schön, warm, sonnig. Früher beginnt in der Kindheit. Wir erinnern uns, wie wir in den Sommerferien am Tegernsee barfuß gelaufen sind. Wie wir in Omas Garten einen reifen (!) Pfirsich gepflückt haben. Wir erinnern uns natürlich nur an schöne Sommer, weil wir Hamburger sind - gewöhnt an die Launen des atlantischen Klimas. Kaum ragt die Sonne zwei Zentimeter über einen Wolkenrand, stürzen wir ins Freie und recken die Hälse im Null-Grad-Winkel zum Licht, mit einer Bräune-Erwartung von 100 Prozent. In Büros werden schon mal die Klimaanlagen angestellt, Telefone laufen heiß wegen Paddel- und Grill-Verabredungen, die Biergartenlaune explodiert. Und im selben Moment, quasi im Schatten der Sonne, überfällt uns die Angst, dass es gleich wieder vorbei sein könnte. Es ist wie mit dem Glück: Man genießt es nur, wenn man weiß, was Unglück ist. Wenn ich mir den Knöchel verstauche, habe ich noch Glück, dass nicht das Bein gebrochen ist. Dass das Wetter wieder schlechter wird, ist in Hamburg eine Selffulfilling Prophecy, eine Voraussage, die mit Sicherheit eintrifft. Fragt sich nur, wann.

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Wir haben diesen atlantischen Skeptizismus mit Haut, Haaren und Muttermilch aufgesogen. Am Eichbaumsee oder im Hamburger Stadtpark kann man an Sommerabenden vor Grills kaum treten, überall sitzen beseligte Menschen bei Nackenkarbonade und Kartoffelsalat - aber in ihren Rucksäcken stecken Regenschirme. Für den Grill natürlich. Der Blick geht immer wieder zum Himmel. Da hinten wird's grau. Sieh mal, diese Wolkenbank. Die sagen, es soll Gewitter geben.

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Warum reden wir dauernd übers Wetter? Die britische Autorin Kate Fox - Vizedirektorin des Zentrums für soziale Studien in Oxford - hat eine interessante These: Weil das Thema universell und niedrigschwellig ist. Über das Wetter reden kann jeder mit jedem, auch mit Menschen aus anderen Ethnien, Sozial- und Bildungsschichten; an jedem beliebigen Ort, in Läden, in Bus und Bahn, auf dem Operationstisch, am Arbeitsplatz, auf Partys und im Knast; zum Wetter kann jeder seine Erfahrung und Meinung absondern, auch wenn sie abseitig ist ("Gott, ist das heiß heute!" - "Wieso, sind doch nur 20 Grad." - "Aber MIR ist total heiß!"). Wetter als Thema sei noch universeller als Sport, meint Fox. Man kann folgenlos für Nebel, Starkregen oder Graupelschauer sein oder auch dagegen. Das Wetter ist urdemokratisch, es betrifft alle, auch die Briten, Schweizer, Polen, von den Luxemburgern ganz zu schweigen. Das ist die eigentliche Wahrheit in diesen unsicheren Zeiten: Mitteleuropa wächst zusammen - nicht mit dem Euro, sondern in Erwartung des nächsten Schauers.