Beresowski gegen Abramowitsch

Milliardenstreit in London unter Oligarchen

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Thomas Kielinger

In London prozessieren die Russen Beresowski und Abramowitsch, weil einer den anderen um 3,5 Milliarden Pfund betrogen haben soll.

London. Vor dem Londoner High Court läuft ein Kriminalstück der feinsten und schmutzigsten Art. Zwei russische Oligarchen, beide in England ansässig, streiten um 3,5 Milliarden Pfund (vier Milliarden Euro), um die der eine den anderen betrogen haben soll.

Roman Abramowitsch, 44, Inhaber des FC Chelsea, hat ein Vermögen von zehn Milliarden Pfund. Boris Beresowski, 65, der gegen ihn Krieg führt, muss sich mit 500 Millionen Pfund begnügen. Das dürfte sich ändern, wenn er seinen Prozess gewinnt und damit die Summe, um die er sich durch Abramowitsch geprellt sieht. Das Geschehen wird sich über zwölf Wochen hinziehen. Das Gericht ist nach Bomben durchsucht worden. Beresowski, einer der schärfsten Kreml-Kritiker, fühlt sich bedroht; er gilt dem mächtigen Wladimir Putin als ärgster Feind außerhalb Russlands.

In diese Materie einzutauchen heißt, sich Russland Mitte der 1990er-Jahre ins Gedächtnis zu rufen. Ungeahnte Möglichkeiten, über Nacht reich zu werden, tun sich auf. Das Einzige, was Sicherheit gibt, ist die Nähe zum Kreml. Davon hat Beresowski einiges anzubieten, denn er ist über Präsident Boris Jelzins Tochter Tatiana eng mit der Macht verbandelt. Mit diesem Trumpf begegnet er Abramowitsch, einem "kleinen Ölhändler damals", wie er ihn vor Gericht nennt. Aber der weist ihn auf die goldene Chance hin, die sich aus der Verschmelzung zweier staatlicher Konzerne ergibt, einer Ölbohrgesellschaft und einer sibirischen Raffinerie zum neuen Konzern Sibneft. Würde Jelzin den privatisieren, wären unermessliche Gewinne zu erwarten. Beresowski kann den Präsidenten von dieser Idee überzeugen. Im Gegenzug verspricht er Jelzin, für dessen Wiederwahl 1996 zu werben. Die Auktion von Sibneft geht auch als abgekartetes Spiel über die Bühne und generiert das Geld, mit dem Jelzin seinen Wahlkampf finanzieren kann.

Macht, Einfluss, Geld - in diesem Milieu ist Beresowski zu Hause. Anders Abramowitsch. Ihm geht es einzig um die Vermehrung seines Vermögens. Zunächst aber muss er Beresowski dafür entlohnen, dass dieser ihm beim Erwerb von Sibneft geholfen hat. Abramowitsch anerkennt es immerhin als seine "Ehrenschuld". Sein Anwalt spricht anders: 1,3 Milliarden Pfund habe sich Beresowski für "Paläste in Frankreich, Privatflugzeuge, Juwelen für seine Freundinnen" bezahlen lassen. Immer höher pokerte der Jelzin-Freund, "insgesamt mindestens zwei Milliarden Dollar zwischen 1995 und 2002".

Doch der Mann verhebt sich - politisch. Er setzt nach Jelzins Rücktritt 1999 auf Putin, aber nur wenn dieser die demokratische Öffnung fortsetzt. Lässt sich Putin unter Druck setzen? Im Gegenteil: Beresowski muss um sein Leben fürchten, flieht 2000 nach Frankreich, dann nach England.

Das ist die Stunde des Roman Abramowitsch. Der habe Beresowski, so argumentiert dessen Anwalt, vor seiner Flucht davor gewarnt, dass Putin ihn enteignen wolle. Er solle nur rasch seine Sibneft-Anteile an ihn, Abramowitsch, verkaufen und sie damit dem Zugriff des Kremls zu entziehen. Unter Wert habe er daraufhin seine Aktien abgetreten - um 3,5 Milliarden Pfund zu wenig. Das ist die Streitsumme, um die es geht. Doch der Anwalt des Beklagten weist alle Darlegungen Beresowskis zurück. Dieser habe gar keine Sibneft-Aktien besessen.

Doch Beresowski trumpft mit dem Mitschnitt eines Gesprächs aus dem Jahr 2000 auf, zwischen ihm, Abramowitsch und einem Geschäftspartner, dem georgischen Milliardär Badri Patarkatsischwili, in dem mit der angeblichen Putin-Drohung Beresowski zum Verkauf seiner Sibneft-Aktien quasi erpresst wurde. Für dieses Tonband hat Beresowski laut eigener Aussage 50 Millionen Dollar hingelegt, ohne preiszugeben, aus welcher Quelle es kommt. Hier wird das Verfahren zum Krimi - denn den Mitschnitt hatte der Sicherheitsberater des Georgiers gemacht, Andrei Lugowoi. Und der ist jener Ex-KGB-Mann, um dessen Auslieferung die britische Justiz seit Langem vergeblich ringt: wegen des Mordes an Alexander Litwinenko mit der radioaktiven Substanz Polonium.