Hippie-Stadt Christiania kauft sich frei

Auf dem Gelände einer Kaserne entstand das Wohnprojekt

Kopenhagen. In der "Freistadt Christiania" in Kopenhagen gelten andere Gesetze. Autos sind verboten, alle zahlen in eine Gemeinschaftskasse ein, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, die dänische Polizei darf nur mit Genehmigung rein. Der Staat und die Stadt lieferten sich 40 Jahre einen Kleinkrieg mit dem alternativen Wohnprojekt. Nun wurde es offiziell legalisiert. Christiania ist frei.

Auf dem Gelände einer Kaserne entstand das Wohnprojekt

Rückblick: 1971 rissen einige Bewohner des Kopenhagener Stadtteils Christianshavn die Planken zu einem bis dahin für die Allgemeinheit unbekannten Paradies ein. Hinter einem hohen Holzzaun gab es, quasi im Herzen der Altstadt, ein 34 Hektar großes ehemaliges Militärgelände mit romantischem Wallgraben, mit Hügeln, Wiesen, Bäumen und einigen alten Gebäuden. Der dänische Staat hatte das Kasernengebiet stillgelegt, die Anwohner, die meist nur auf karge Hinterhöfe blickten, eroberten sich Platz und Grünflächen für ihre Kinder. Hippies schlossen sich an, besetzten die Kasernen.

An eine Räumung war vor 40 Jahren aufgrund der Weitläufigkeit des Geländes nicht zu denken. Anarchie machte sich breit. Haschverkäufer konnten hier ungestraft ihre Waren anbieten. Die Christiania-Bewohner (Christianiter) zahlten weder Miete noch sonstige Abgaben. 1973 wurde es den Stadtoberen zu bunt. Sie versuchten, die "Freistadt" erstmals zu räumen - vergeblich. Die Lage beruhigte sich, spitzte sich zu, beruhigte sich. Mit diesem politischen Hickhack lebten die Dänen und die Christianiter vier Jahrzehnte. Bis nun im April der Staat mit einem erstaunlichen Kaufangebot kam. Aus Verblüffung machten die Christianiter ihre "Freistadt" kurzerhand für einige Tage dicht. Touristen mussten draußen bleiben. Man wollte "Zeit für Besprechungen" haben. Gestern war es nun so weit: Bei einer Hauptversammlung beschlossen die 700 stimmberechtigten Christianiter, das Gelände teilweise zu kaufen und teilweise zu mieten. Dafür wird eine Stiftung gegründet, die 10,2 Millionen Euro an die Staatskasse bezahlen soll. Weitere 804 000 Euro jährlich müssen für Mieten aufgebracht werden.

Wie die Stiftung das Geld besorgen wird, ist noch nicht klar. Bisher zahlen alle Erwachsenen umgerechnet 240 Euro pro Monat an die Gemeinschaftskasse. Jeder gibt das Gleiche, egal wie und wo er wohnt. In Christiania kommt es vor, dass jemand in einem riesigen Haus lebt und genauso wenig bezahlt wie derjenige, der am Wallgraben ohne Strom und Wasser in einem Bauwagen haust.

Allerdings hat Christiania noch andere Einnahmen: Touristen zahlen für Führungen und kaufen Bücher, außerdem gibt es immerhin 92 Läden, Werkstätten, Musikbühnen, Theater und Restaurants - sie alle verdienen Geld für die Kasse. Denn inzwischen werden daraus Steuern, Abgaben für Wasser sowie Strom und einiges mehr bezahlt. Christiania nennt sich zwar noch immer "Freistadt", ist und bleibt jedoch Teil der dänischen Gesellschaft und muss zahlen und sich an die Gesetze wie etwa die Schulpflicht halten.

Mit einer Volksaktie wollen die Christianiter ihr Projekt finanzieren

Weil in der Gemeinschaftskasse natürlich keine zehn Millionen sind, überlegt man nun, ganz neue Wege zu gehen. "Im Moment denken wir darüber nach, eine Art Volksaktie einzuführen, mit der man die Stiftung unterstützen kann", erklärt Christiania-Sprecher Thomas Ertmann. Mit Unterstützung von außen können die Christianiter rechnen. Denn die Kopenhagener lieben ihre "Freistadt". Wie sehr, zeigte sich vor acht Jahren. Damals war die Polizei immer wieder gegen die Haschhändler vorgegangen. Am Ende beschloss Christiania selbst, den Haschhandel von der Straße zu verbannen. Die Polizeieinsätze hörten jedoch nicht, Die Regierung wollte sogar Häuser abreißen. Die "Freistadt" eröffnete in Kopenhagen die "Botschaft von Christiania", die außerhalb des Hippie-Paradieses informierte. Hunderttausende unterschrieben den Aufruf "Christiania muss bleiben". Nicht wenige Kinder der ersten Generation haben "draußen" in der Welt Karriere gemacht. Sie sind Botschafter der "Freistadt". Christiania ist somit längst zu einem unverzichtbaren Teil Kopenhagens geworden.