Studie

Freiheit, Unabhängigkeit und Karriere statt Kinder

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Eine neue Studie zur Familienplanung ist ernüchternd - die Deutschen wollen ihre Unabhängigkeit auf keinen Fall aufgeben.

Hamburg. Ihr Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit ist den Deutschen wichtiger als der Wunsch, eine Familie zu gründen. Das geht aus einer aktuellen Studie der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen hervor, für die 2000 Personen ab 14 Jahren befragt wurden.

60 Prozent halten demnach dieses Bedürfnis nach Unabhängigkeit für das größte Hindernis bei der Entscheidung für ein Kind. An zweiter Stelle folgen die Sorgen vor den Kosten, die Nachwuchs mit sich bringt. An dritter Stelle steht die Ansicht, dass die Karriere wichtiger ist als die Familiengründung.

"Viele Deutsche haben schlichtweg Angst vor der Familiengründung", sagt Professor Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung, einer Initiative von British American Tobacco. "Es ist die Angst, die eigene Autonomie zu verlieren, Angst vor den Kosten, Angst, die eigenen Karrierechancen zu verbauen, Angst vor Scheidung, dem falschen Zeitpunkt oder den Zukunftsperspektiven für den eigenen Nachwuchs", so Reinhardts Resümee.

Die Geburtenquote ist hierzulande mit 1,37 Kindern pro Frau in gebährfähigem Alter sehr niedrig. Von den OECD-Staaten haben nur Italien, Spanien und Russland eine noch geringere Geburtenrate als Deutschland. Frankreich glänzt inzwischen wieder mit einer Geburtenrate von 1,9 Kindern. Schweden, Norwegen und Dänemark folgen mit 1,8, die Niederlande kommen immerhin auf 1,7 Kinder.

Doch in Deutschland überwiegen die Bedenken gegen Kinder. Die Argumente reichen von fehlenden Kindergartenplätzen über familienunfreundliche Städte bis hin zum geringen gesellschaftlichen Stellenwert von Familie.

Die Studie zeigt außerdem auf, dass es einen Unterschied zwischen Ost und West gibt, wenn es darum geht, welche Gründe als Hindernis angesehen werden: 41 Prozent der Westdeutschen sehen im Fehlen eines Partners einen Grund, kein Kind zu kriegen, aber nur 32 Prozent der Ostdeutschen. Dafür bemängeln 58 Prozent im Osten die staatlichen Rahmenbedingungen, aber nur 43 Prozent im Westen.

Große Abweichungen ergeben sich auch, wenn man das Nettohaushaltseinkommen betrachtet. So finden Besserverdienende (ab 2500 Euro Nettohaushaltseinkommen) die eigene Karriere wichtiger als ein Kind (56 Prozent), bei den Niedrigverdienern (unter 1000 Euro netto) sind es lediglich 45 Prozent.

Dass Beruf und Familie immer noch sehr schwierig zu vereinbaren sind, sehen vor allem berufstätige Frauen als Argument gegen die Familiengründung (52 Prozent), aber nur 44 Prozent der Männer. Für mehr kostenfreie Betreuungsangebote für Babys und Kleinkinder sprechen sich 59 Prozent der Befragten aus, die staatliche Förderung von familienfreundlichen Unternehmen, beispielsweise in Form von steuerlichen Vorteilen, wünschen sich 55 Prozent.

In Hamburg haben sich Senat, Handelskammer und Handwerkskammer zur "Hamburger Allianz für Familien" zusammengeschlossen und inzwischen mehr als 100 Firmen mit dem Siegel "Familienfreundliches Unternehmen" ausgezeichnet. "Viele kleine und mittlere Unternehmen wissen, dass sie gute Fachkräfte nur bekommen und halten können, wenn sie familienfreundlich sind", sagt Handelskammer-Geschäftsführerin Corinna Nienstedt.

Nach Ansicht von Edith Aufdembrinke, Vorsitzende des Hamburger Vereins Dago Kinderlobby hat sich schon einiges getan: "Es gibt die verlässliche Halbtagsgrundschule und mehr Kitaplätze." Hamburg sei aber trotzdem keine kinderfreundliche Stadt: "Es gibt viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Familien mit Kindern. Hamburg ist fast auf dem Weg, zur Kinderfreien und Hansestadt Hamburg zu werden." Es müsse endlich einen Kinderbeauftragten geben, fordert sie.

Verbesserungen wünscht sich auch Ulrich Reinhardt: "Nur jeder fünfte Bürger hält Deutschland für ein kinderfreundliches Land. Dieser Zustand ist nicht zukunftsfähig."