Reaktorunfall in Japan

Zahl der Toten steigt, stündlich werden neue Leichen geborgen

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Die japanische Regierung richtet ein Krisenzentrum ein. Im Atomkraftwerk Fukushima Eins droht eine Kernschmelze in drei Reaktoren.

Tokio. Nach der Erdbebenkatastrophe in Japan kämpfen Techniker und Behörden unter Hochdruck gegen einen drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi. In drei Reaktoren ist eine Kernschmelze nach Angaben eines Regierungssprechers mittlerweile „höchst wahrscheinlich“. Zum Kühlen genutztes radioaktiv verseuchtes Wasser wird unterdessen aus den Reaktordruckbehältern direkt ins Meer zurück geleitet, wie die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA der Nachrichtenagentur dapd auf Nachfrage bestätigte. Die Betreiberfirma TEPCO hatte begonnen, die Reaktordruckbehälter, in denen sich die Brennstäbe befinden und in denen eine Kernschmelze vermutet wird, mit Meerwasser zu kühlen, nachdem die regulären Notkühlsysteme versagt hatten. Tobias Münchmeier von Greenpeace sagte der dapd-Nachrichtenagentur am Montagabend, dass Radioaktivität nichts in der Umwelt verloren habe, also auch nicht im Meerwasser. „Welche Folgen das aber genau hat, lässt sich zum momentanen Zeitpunkt noch nicht beurteilen.“

Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan hat persönlich die Leitung des Einsatzes zur Bewältigung der Reaktorkrise übernommen. Kan sagte am Dienstag (Ortszeit) in Tokio, die Regierung bilde mit der AKW-Betreibergesellschaft Tepco einen gemeinsamen Krisenstab. Das Gremium werde unter seiner Leitung am Sitz von Tepco eingerichtet, sagte Kan. „Die Lage gibt weiter Anlass zur Sorge. Ich werde alle Maßnahmen ergreifen, damit der Schaden nicht größer wird.“ Brisant ist die Situation vor allem im Block 2 des AKW Fukushima Eins, wo die Brennstäbe nach Angaben von Tepco 140 Minuten lang nicht mehr von Wasser bedeckt waren – dies ist aber zur Vermeidung einer Kernschmelze unbedingt erforderlich. Nachdem die Techniker Meerwasser in den Reaktor gepumpt hatten, sei der Druck im Reaktor 2 zurückgegangen, teilte der Betreiber mit. Allerdings gab es noch keine Bestätigung, ob die Brennstäbe wieder mit Wasser bedeckt sind.

Höhere Strahlenwerte bei 190 Personen

Bei der Wasserstoffexplosion in Block 3 des AKW Fukushima-Daiichi wurden die Außenwände zerstört und nach amtlichen Angaben elf Menschen verletzt. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte, eine Kernschmelze in den drei Reaktoren von Fukushima-Daiichi sei „höchst wahrscheinlich“.

Bereits am Wochenende waren 185.000 Anwohner im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk evakuiert worden. Bei 190 Personen wurden höhere Strahlenwerte gemessen. Bei einer Röntgenaufnahme des Oberkörpers fallen etwa 80 Mikrosievert an. Die Behörden begannen mit dem Verteilen von 230.000 Einheiten Jod an die Notunterkünfte in der Umgebung von Fukushima, um möglichen Strahlenschäden vorzubeugen. Das Ausmaß der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom Freitag wird allmählich immer deutlicher: Weit mehr als 10.000 Menschen kamen bisherigen Schätzungen zufolge ums Leben, stündlich werden weitere Leichen gefunden. Bergungstrupps kämpften sich in den vom Beben der Stärke 9,0 und dem folgenden Tsunami verwüsteten Orten an der Nordostküste mit Kettensägen und Spitzhacken durch Trümmer vor.

An der verwüsteten Nordostküste Japans bereiteten sich zahllose Menschen auf eine vierte Nacht ohne Wasser, Lebensmittel und Heizung vor. Auch Leichensäcke und Särge seien knapp geworden, sagte ein Beamter der Präfektur Iwata, die besonders hart getroffen wurde.

Beim Wetter könnte der Dienstag für Japan ein „kritischer Tag“ werden, sagte der Meteorologe Martin Jonas vom Deutschen Wetterdienst (DWD). In der Nacht zum Dienstag und im Laufe des Tages drehe der Wind aus West in nördliche bis nordöstliche Richtung. Der Nordwind könnte radioaktive Substanzen vom Atomkraftwerk Fukushima in die Millionen-Metropole Tokio transportieren.

Atomdebatte in Deutschland – Schweiz stoppt Neubaupläne

Wegen der Lage in Japan kommen die Atomkraftwerke in Europa auf den Prüfstand. Deutschland setzt die beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke vorübergehend aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte ein drei Monate dauerndes Moratorium an. Die Sicherheit aller deutschen Atomkraftwerke müsse rückhaltlos und vorbehaltlos überprüft werden. EU-Energiekommissar Günther Oettinger droht mit Kraftwerksschließungen. Auf Drängen Österreichs sollen Stresstests für alle Brüter in Europa beschlossen werden. Die Schweiz stoppte vorerst alle Pläne für neue Atomkraftwerke. (dapd/dpa)