US-Polizei sucht Mordopfer per Internet

Die Polizei legt dem verdächtigen Serienmörder zehn Taten zur Last. Nach dem Fund von 1000 Frauen-Fotos befürchten die Ermittler das Schlimmste

Los Angeles. Ein Serienmörder erschüttert die USA: Lonnie Franklin, 57, soll mindestens zehn Frauen getötet haben. Zwar bestreitet der Mann jede Schuld. Die Polizei in Los Angeles fand bei ihm jedoch mehr als 1000 Fotos und Hunderte Stunden Videomaterial von Frauen; die meisten Bilder zeigten sie entkleidet oder in sexuellen Posen. Eine Reihe der Fotografierten hätten auf den Fotos so ausgesehen, als seien sie tot oder stünden unter Drogeneinfluss. Die Ermittler haben einen schrecklichen Verdacht. Gibt es noch weit mehr Opfer als bisher bekannt?

In einer beispiellosen Aktion wurden Fotos zur Fahndung ins Internet gestellt. Seitdem überfluten Hunderte Anrufe zu Lonnie Franklin die Hotlines der Polizei von Los Angeles (LAPD). Dabei hätten sich auch fünf Frauen gemeldet, die sagten, sie hätten sich auf den Bildern wiedererkannt, teilten die Ermittler gestern mit.

Franklin war bereits im Juli verhaftet worden. Für die Ergreifung des mutmaßlichen Serienmörders, der in den Jahren 1985 bis 1988 im Süden von Los Angeles acht Frauen ermordet und weitere drei Opfer zwischen 2001 bis 2007 getötet haben soll, waren 500 000 Dollar Belohnung ausgesetzt.

Die meisten Opfer sind dunkelhäutige Prostituierte

Die 13 Jahre währende Unterbrechung zwischen den beiden Mordserien trug dem Täter auf dem Medienboulevard den Namen "Grim Sleeper" ein, eine Zusammenziehung von "Grim Reaper" (Tod, Sensenmann), und Schläfer, wie in der Schläferzelle. Die meisten vergewaltigten, ermordeten schwarzen Frauen waren Prostituierte; ihre Leichen wurden in dem armen Stadtteil South L.A. in Mülltonnen und dunklen Gehwegen entdeckt.

Der Entschluss der Polizei, die Fotos zu veröffentlichen, findet nicht nur Zustimmung. Die Anwältin Franklins, Louisa Pensanti, übte in einem Schreiben heftige Kritik an der Polizeibehörde von Los Angeles. "Unter den Fotos sind auch Bilder von Familienangehörigen und Freunden Franklins, die nun alle der intensiven Überprüfung durch die Polizei wie durch die Öffentlichkeit ausgesetzt sind." Auch beeinflussten einige der Kommentare, die Ermittler bei der Vorstellung der Fotos abgegeben hätten, die öffentliche Meinung und die künftigen Schöffen im Prozess gegen ihren Mandanten: "Es ist traurig zu sehen, wie Beamte, die geschworen haben, die Verfassung zu schützen, in ihrer Begierde nach Sensationen die Grundlagen ihrer Arbeit vergessen und Lonnie Franklins Chancen auf einen fairen Prozess in Gefahr gebracht haben", sagte die Juristin.

Die Fotos wurden von der Polizei vorher bearbeitet

Die Polizei verteidigt ihr Vorgehen damit, dass durch die Mithilfe der Öffentlichkeit die Hoffnung bestehe, mehr als 160 Personen zu identifizieren. Es sei dem Department bewusst, dass manche der Fotos Frauen, die ihr Zusammentreffen mit Franklin lange verdrängt hatten oder zu vergessen versuchten, zwingen würden, sich daran zu erinnern. Auch über die Art und Weise, wie die Fotos in Ausschnitten gezeigt werden, um die Persönlichkeitsrechte der dargestellten Personen zu schützen, habe man sich Gedanken gemacht. Der "Los Angeles Times" berichteten Kriminalbeamte des LAPD, man habe Franklins Familie gebeten, die Sammlung vor der Veröffentlichung zu sichten, um Bilder von Verwandten und Freunden entfernen zu können. Doch habe man auf diese Bitte nicht reagiert. Auch die Familien der zehn ermordeten Frauen seien gebeten worden, Bildausschnitte von den Gesichtern der Opfer zur Veröffentlichung freizugeben.

Am Ende überwog die Hoffnung der Polizei, möglicherweise den Serienmörder anhand der Fotos zu überführen oder weitere Opfer ausfindig zu machen, die Sorge um den Schutz von Privatsphäre: "Wir versuchen, uns richtig und anständig zu verhalten", erklärte ein LAPD-Sprecher, "und wir bemühen uns darum, den Menschen auf den Fotos Bloßstellung oder Leid zu ersparen."