Sie war die ungekrönte Jodelkönigin

Volksmusikstar Maria Hellwig starb mit 90 Jahren. 1925 hatte sie ihren ersten Auftritt

München. Die alte Bundesrepublik war auch mit ihren nur zwei die Fernsehnation einenden Programmen ein streng föderales System. Da hatte jede Region ihre sprachliche Identifikationsfigur. Im Norden zog Heidi Kabel ohne Sorge ihr Plattschnütchen, im Ruhrpott meckerte Jürgen von Manger in seiner Kunstfigurhaut als Adolf Tegtmeier. In Köln regierte die rheinische Frohnatur Willy Millowitsch. In Bayern aber jodelte Maria Hellwig.

Unentwegt und unverdrossen. Blondgetürmt, immer im Dirndl und meist mit Tochter Margot im Partnerlook; im eigenen Ausflugslokal Zum Kuhstall an ihrem Geburtsort Reit im Winkl oder in den diversen volkstümlichen Musiksendungen, die damals noch in eher homöopathischen Dosen serviert wurden. Eine gute Fernsehbekannte, nie wirklich jung, nie richtig alt. Eigentlich unvergänglich. Aber nun ist sie in der Nacht zum Sonnabend mit 90 Jahren an einer Infektion gestorben. Am 7. September war Maria Hellwig zum letzten Mal öffentlich aufgetreten.

Für den landesweiten Gebrauch musste das echte Brauchtum abgeschliffen werden. Die Bayern verstanden keinen Hardcore-Küstenschnack, und im Norden musste das älpische Idiom kompatibel sein. Deswegen wurde aus der authentischen Volksmusik mit ihren manchmal zwiefachen Rhythmuswechseln und durchaus komplexen Reimen die volkstümliche Musik, und bei der wiederum setzte sich das ewig jodelnde, blasmusizierende, im Walzertakt drehende Bayern gegen die Jungs von der Waterkant spielend durch.

Maria Hellwig sang über Jahrzehnte in tröstlicher Kontinuität als ungekrönte Jodelkönigin zu immer neuen Texten stets das gleiche Lied: "Servus, grüezi und hallo, gute Laune sowieso, denn Musik macht alle froh, holdrio." Hellwig war echt, die konnte man in ihrem bayerischen Lokal sogar anfassen. Busladungsweise machten sich die Fans dorthin auf und fanden eine Frau, die genauso war wie im Fernsehen und die ihnen als Tipp für den Rückweg singend mitteilte: "Ja jung muss ma' bleib'n, we'ma älter wird." Sie selbst hat das beherzigt, indem sie die Alte geblieben ist.

Ob man auf YouTube Hellwig-Clips aus den Siebzigern oder den späten Neunzigern anschaut, Marias Bergwelt ist immer himmelblau und in Ordnung. Ihr perfekter Jodler kam von Herzen. Deswegen prallte auch jede Parodie an ihr ab. Sie konnte unbeschadet neben Hape Kerkeling in Hellwig-Verkleidung auftreten, und "Keine Milch im Kuhstall, aber viel fröhliche Leut'" ist selbst als Bully-Paradenummer mehr Verehrungsverbeugung als Verarsche.

Zum ersten Mal stand die als Maria Neumaier am 22. Februar 1920 Geborene mit fünf Jahren auf der Bühne des heimatlichen Bauerntheaters. Während die Tochter bei der Großmutter in der oberbayerischen Heimat aufwuchs, sammelte Maria Hellwig nach Ende des Zweiten Weltkriegs an der Hamburger Volksoper Erfahrungen im Operettenfach. Auf der Bühne hatte sie auch ihren Ehemann Joseph Fischer kennengelernt, der im Zweiten Weltkrieg in Russland fiel. Später war sie mit Addi Hellwig bis zu dessen Tod 1996 verheiratet.

Wieder daheim entdeckte sie der Jodler Franzl Lang für die Münchner Volksbühne "Platzl", wo ihre zweite Karriere begann. Ihr erster Erfolgstitel hieß "Die Nachtigall vom Zillertal". Durch Schallplattenaufnahmen ab 1957, Gastspiele und Tourneen wurde sie schnell als Volksmusikantin berühmt; seit 1963 im Duo mit Tochter Margot. Mehr als 500 Sendungen rund um den Globus manifestierten die Marke, die freilich in den Siebzigerjahren mit der TV-Reihe "Die Musik kommt" den Zenit ihrer Popularität erreicht hatte. Doch nach der Wiedervereinigung gewann sie in den ostdeutschen Bundesländern neue Fans hinzu.

"Ich bleibe auf der Bühne, solange ich mich zum Walzer drehen kann und die Leute mich mögen", hat Maria Hellwig gesagt. Das tat sie auch bis zum Schluss. Am Mittwoch findet in Reit im Winkl die Trauerfeier statt.