Zu viel Wasser für den deutschen Wein

Regen und Fäulnis mindern die Erntemenge. Bei der Qualität ist aber "noch alles drin"

Mainz. Hektik ist des Winzers Feind, und auch der des Weingenießers. Doch können sich Deutschlands Weinbauern dieses Jahr Geruhsamkeit bei der Ernte nicht leisten. Es droht, wenn das Wetter weiter Kapriolen schlägt, ein Akut-Einsatz wie 2006. Damals mussten im Herbst blitzschnell alle Trauben von den Rebstöcken geschnitten werden, weil die Früchte bei nassem, aber mildem Wetter verfaulten. Auch jetzt, nach dem regenreichen August, verbreiten sich Schimmelpilze mit Macht.

Weil es zudem bei der Blüte im Frühjahr sehr kühl war, verkümmerten viele Beeren. Daher fällt die Traubenernte deutlich magerer aus als sonst: Mit 8,5 Millionen Hektoliter Most rechnet das Deutsche Weininstitut (DWI) in Mainz bundesweit, sonst sind es im Schnitt eine Million mehr. Das kommt zwar der Qualität zugute, denn geringere Erntemengen bescheren tendenziell Früchte mit gutem Mineralstoffgehalt und Aroma. Doch die kleineren Mengen werden so manchem Winzer zu schaffen machen.

Besonders stark trifft es das kleine ostdeutsche Weinbaugebiet Saale-Unstrut und die Pfalz. Der Weinbauverband befürchtet, dass ein Viertel weniger Traubenmost in die Silos kommt, weil die beiden vergangenen Winter so kalt waren und es im August durchregnete. In der Pfalz wurden zehn Prozent der Anbaufläche - 2,5 Prozent der gesamten Rebflächen Deutschlands - schwer durch Hagel beschädigt. Wie sich die Qualität des Jahrgangs 2010 entwickelt, ist aber noch nicht ausgemacht. Zwar hat der September ein paar warme Altweibersommertage gebracht, wie sie sich jeder Winzer erträumt. Doch jetzt sind die Aussichten wieder eher trübe. Die Hauptweinlese hat erst begonnen. Nur frühreife Rebsorten wie Müller-Thurgau oder Portugieser sind schon eingeholt. "Es ist noch alles drin", sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher. Ein guter Jahrgang also, wenn der Himmel mitspielt. Ein Problemtropfen, wenn es schiefläuft und gießt. Die Trauben drohen wegen der langen Nässe zu platzen, was sie für Fäulnisbefall anfällig macht. Derzeit schneiden viele Winzer per Hand schimmelige Trauben aus ihren Rebstöcken heraus, bevor sie ihre Vollernter in den Berg schicken.

Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner bezeichnete das Weinjahr daher bereits als "schwierig", aber auch spannend: Alles hänge jetzt vom Können der Winzer ab. Die Weinbau-Ingenieurin Eva Vollmer, 28, aus dem Mainzer Stadtteil Ebersheim spricht von einer "Risikolese": Es sei ein bisschen "wie Pokern", sagt sie. Dieses Weinjahr sei womöglich eines der "ängstlichsten" seit Langem.

Nach dem nassen August muss jetzt jeder entscheiden, ob er mit der Lese beginnt oder die Trauben hängen lässt, damit sie noch Wärme abbekommen und ihr Säurewert sinken kann - aber dann womöglich die Fäulnis einsetzt.

Die Weinqualität wird aber dennoch kaum zu wünschen übrig lassen. Denn trotz der Wetter-Achterbahn hatten viele Trauben bereits früh hohe Mostgewichte. Dieses zeigt an, wie viel Zucker die Trauben enthalten und welche Qualität zu erwarten ist. Trotz Regens habe es immer wieder Phasen mit genug Sonnenschein gegeben, so Peter Cech von der Winzergenossenschaft Rheingrafenberg im Anbaugebiet Nahe. Und als es im Juli heiß wurde, holten sich die Reben die Feuchtigkeit aus dem Boden. Nur der Säurewert blieb bisher vergleichsweise hoch.

Brunner sieht das aber nicht als Problem, sondern erwartet ein "feines Aroma und lebendiges Säurespiel", sofern es schönes Herbstwetter mit warmen Tagen und kühlen Nächten gebe.