Flammen bedrohen Atomanlage

Moskauer leiden unter giftigem Smog. Die Zahl der Sterbefälle hat sich auf 700 Menschen täglich verdoppelt

Moskau. "In Russland regieren das Chaos und der Albtraum", schreibt der Schriftsteller Sachar Prilepin in der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gaseta". "Bei einer solchen von Menschenhand gemachten Sauerei ist es ein Wunder, dass noch nicht das ganze Land abgebrannt ist." Rund um die russische atomare Wiederaufbereitungsanlage Majak wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Wegen der verheerenden Feuer dürfen Wälder und Parks in der Gegend um die Atomanlage nicht mehr betreten werden. Die Anlage samt Lagerstätte am Ural rund 1500 Kilometer östlich von Moskau sei aber nicht betroffen, teilten die Behörden mit. Das Feuer sei nach Angaben des staatlichen Konzerns Rosatom 15 bis 20 Kilometer entfernt. Ein Brand nahe der Anlage sei gelöscht worden, hieß es.

Seit Wochen liegen die Tageshöchstwerte bei fast 40 Grad

Über der Hauptstadt selbst lag gestern den sechsten Tag in Folge dichter beißender Smog, der den Menschen den Atem nahm. Die Schadstoffe in der Luft waren gegenüber dem Grenzwert um das Zwei- bis Dreifache überhöht. Der Leiter des russischen Wetterdienstes sagte, nach historischen Unterlagen zu urteilen, könne es sich um die schlimmste Hitzewelle seit 1000 Jahren handeln. "Dieses Phänomen ist absolut einzigartig", sagte Alexander Frolow. Die Tageshöchstwerte liegen seit Wochen bei fast 40 Grad, und auch für diese Woche wurde keine grundlegende Änderung erwartet. Zum Vergleich: Hamburg erreichte gestern einen Höchstwert von nur 22 Grad.

Täglich sterben in der mit mehr als zehn Millionen Einwohnern größten Stadt Europas mehr als 700 Menschen an den Folgen der Gluthitze und des giftigen Qualms durch Torfbrände. Das sind doppelt so viele wie üblich. Moskauer Ärzte berichten, dass sie nur noch Notoperationen erledigen könnten. Es gebe ein Verbot, ältere Menschen zu behandeln. Die Krankenhäuser seien überfüllt. Die Zahl der Notfälle auf den Kinderstationen sei um etwa 20 Prozent angestiegen, heißt es. Außerdem versuchen viele Moskauer aus Angst um ihre Gesundheit weiter, vor dem Smog zu flüchten - und finden etwa in klimatisierten Einkaufszentren kurz Gelegenheit zum Durchatmen.

Unterdessen sprach sich Zivilschutzminister Sergej Schoigu dagegen aus, in Moskau den Ausnahmezustand auszurufen. "Wir müssen intelligent, ruhig und sehr professionell die Öffentlichkeit über die Geschehnisse informieren", sagte Schoigu. Die Stadtregierung rief Unternehmen auf, ihren Betrieb so weit wie möglich einzustellen, damit weniger Schadstoffe in die Luft gelangen. "Am liebsten wäre mir irgendein Wind. Windstille ist für Moskau das Schlimmste", sagte Schoigu.

Wegen der andauernden Dürre korrigierte Russland seine Ernteprognose noch einmal deutlich nach unten. Das Agrarministerium erwartet nach Angaben von Ministerpräsident Wladimir Putin lediglich eine Ernte von 60 bis 65 Millionen Tonnen Getreide. Im vergangenen Jahr hatte Russland noch 97 Millionen Tonnen eingefahren. Es verhängte einen Exportstopp.

Deutschland schickt 120 000 Atemmasken nach Russland

Unterdessen traf immer mehr internationale Hilfe in Russland ein. Das Technische Hilfswerk (THW) schickte im Auftrag der Bundesregierung rund 120 000 Atemschutzmasken vom Flughafen Frankfurt-Hahn aus nach Moskau. Außerdem wollte das Bundesinnenministerium in Zusammenarbeit mit den Ländern weiteres Gerät wie Schläuche, Pumpen und Motoraggregate zur Verfügung stellen. Die Europäische Union bot Russland humanitäre Hilfe an. Die zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa habe in einem Telefonat mit Putin über Reha-Maßnahmen für Feuerwehrleute sowie Kinder aus Brandgebieten gesprochen, teilte die russische Regierung mit.