Gewaltexzess dauerte nur 66 Sekunden

Schüler schildert im Prozess um den Mord an Dominik Brunner, was sich an dem verhängnisvollen 12. September in der Münchner S-Bahn abspielte

München. Richard M., 15, ist groß und schlaksig, größer als die beiden Angeklagten im Brunner-Prozess, Markus S., 18, und Sebastian L., 18. Der Zeuge antwortet klar und deutlich. Er hat zusehen müssen, wie der 50 Jahre alte Münchner auf dem S-Bahnsteig Solln totgeprügelt wurde. Zum Bowlen habe man fahren wollen an jenem 12. September 2009. Er und seine drei Freunde, zwei Mädchen und ein Junge.

An der Haltestelle Donnersberger Brücke mussten die vier in die S 7 umsteigen. Auf dem Bahnsteig seien sie plötzlich "von hinten" aggressiv angesprochen worden. Als sie sich umdrehten, standen die drei Jugendlichen vor ihnen. Einer von ihnen, der bereits verurteilte Christoph T., 18, habe Geld von ihnen verlangt. Man brauche dieses für Drogen, so seine Begründung. Als Richard M. nicht reagierte, erhielt er einen Schlag in den Rücken. Er habe kein Geld, sagte er. Die wandten sich daraufhin seinem Freund Marcel L. zu. "Was schaust du so?", habe der Anführer diesen angeherrscht und am Hals gepackt.

Eine Frau habe sich daraufhin eingemischt. Doch Christoph T. ließ erst von den Schülern ab, als seine S-Bahn in Richtung Tutzing kam. Im Weggehen habe er seine Freunde aufgefordert, die Schüler zu verfolgen, erinnert sich Richard M. weiter.

Die vier Schüler stiegen dann in die S-Bahn in Richtung Solln ein. Die beiden Angeklagten kamen ihnen nach und setzten sich gegenüber hin. Ob Dominik Brunner dort bereits gesessen habe, könne er nicht mehr sagen. Die Angeklagten hätten vernehmbar zu tuscheln begonnen: Wann schlagen wir sie? Wann rauben wir sie aus? Da habe sich der Herr Brunner eingemischt und die Angeklagten aufgefordert aufzuhören. Doch die hätten ihn nur verhöhnt.

An vieles kann sich Richard M. nicht mehr erinnern. Auch nicht mehr daran, was er und seine Freunde untereinander genau besprachen. Nur daran, dass Dominik Brunner dann irgendwann aufstand und mit lauter Stimme die Polizei anrief. "Erleichtert" seien er und seine Freunde gewesen, dass Brunner ihnen zu Hilfe kam. Sein Angebot, mit ihm am S-Bahnhof Solln auszusteigen und dort auf die Polizei zu warten, nahmen sie deshalb gern an. Doch die Angeklagten folgten ihnen. "Es war offensichtlich, dass jetzt irgendetwas passiert", sagt Richard M. Die Angeklagten hätten eine "bedrohliche" Haltung eingenommen. Deshalb habe Brunner auf dem Bahnsteig seine Jacke und die Tasche abgelegt. "Um vorbereitet zu sein", wie Richard M. sagt. Dann habe er sich vor die Schüler gestellt und den Angeklagten Markus S. geschlagen, um einen Angriff abzuwehren. Markus S. sei daraufhin "richtig ausgerastet", habe wahllos auf Brunner eingeschlagen.

Auch Sebastian L. habe mitgeschlagen. Als Brunner den Schlägen standhielt, hätten sich die Angeklagten kurz zurückgezogen und sich beraten. Danach hätten sie mit erkennbar neuer Taktik ("einer von vorn, einer von der Seite") Brunner erneut angegriffen. Einer der Angeklagten habe dabei auch einen Schlüssel in der Hand gehabt. Brunner sei in die Ecke beim Wartehäuschen gedrängt worden, gestolpert, mit dem Kopf aufs Geländer gefallen und zu Boden gegangen. Markus S. habe ungehemmt weitergetreten und Brunner angeschrien ("du Hurensohn"). Dieser habe auf dem Rücken gelegen und die Arme vor Brust und Gesicht gehalten. Sebastian L. habe irgendwann aufgehört und versucht, seinen Freund am Arm wegzuziehen. Dann seien die Angeklagten plötzlich weg gewesen. Dass die beiden sich im Gebüsch versteckten, bekam der Schüler nicht mehr mit.

Fünf Notrufe von Tatzeugen vom Bahnhof Solln hat die Polizei aufgezeichnet. Direkt einzugreifen traute sich offenbar niemand. Außer ihnen hätten fünf Leute auf dem Bahnsteig gestanden, erinnert sich Richard M. Er habe sie angeschrien, sie sollten etwas tun: "Keiner hat geholfen." Nur vom gegenüberliegenden Bahnsteig hätten Kinder gerufen: "Hört auf!" Als dort eine S-Bahn kam, seien sie weggefahren.

Aus der Aussage eines Polizisten ergibt sich, dass der Gewaltexzess nur 66 Sekunden gedauert hat. Aus verschiedenen Handytelefonaten mit der Rettungsleitstelle ergibt sich nach Aussagen des Zeugen, dass der zweite Teil der Schlägerei um 16.10 Uhr und 51 Sekunden begann und um 16.11 Uhr und 57 Sekunden endete. Ein zweiter Polizist beschrieb die Spurenlage als schwierig. So seien an den Schuhen keine verwertbaren DNA-Spuren gefunden worden.

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