Lebloser Mann fährt acht Stunden im Bus

Fahrer übersehen Schlaganfall-Opfer. Der 60-Jährige stirbt im Krankenhaus. Staatsanwalt ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung

Magdeburg. Der Mann im Bus muss gelitten haben. Erst versagte ihm die Stimme, sodass er nicht um Hilfe rufen konnte. Dann wollte er vermutlich aufstehen, aber der Köper verweigerte ihm den Dienst. Nach einem schweren Schlaganfall konnte er sich nicht mehr bewegen. Schließlich wurde Gregori S. bewusstlos. Unvorstellbar: Niemand hat den einsamen Überlebenskampf bemerkt, obwohl der 60-Jährige nicht allein war. Er saß in einem Linienbus in Magdeburg.

Ist schon die Achtlosigkeit der anderen Passagiere unbegreiflich, entwickelten sich die folgenden acht Stunden zu einem Drama. Der Mann wurde fast einen ganzen Tag lang durch die Stadt gefahren- immer wieder von Endstation zu Endstation. Das bestätigte eine Sprecherin der städtischen Verkehrsbetriebe in Magdeburg. Niemand bemerkte, was mit dem Fahrgast geschehen war - selbst die beiden Busfahrer der Linie 69 im Alter von 46 und 54 Jahren sahen beim Schichtwechsel nicht den leblosen Menschen in ihrem Fahrzeug. Als der 60-Jährige endlich gefunden wurde, war es für eine Rettung zu spät.

Der Vorfall hatte sich bereits im März ereignet, wurde aber erst jetzt bekannt. Tage nach dem Schlaganfall starb der Patient in einem Krankenhaus. Seine Tochter Jana S., 38, erstattete Anzeige bei der Polizei. Sie hatte sich Sorgen gemacht, als ihr Vater nicht wie verabredet nach Hause kam. Sprachlos war die Frau, als sie erfuhr, dass ihr Vater erst am Abend aus einem Bus in die Klinik gebracht worden war. Er hatte am Morgen sein Auto abholen wollen. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen die beiden Busfahrer wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung. Das sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Magdeburg, gab darüber hinaus aber keine Auskunft. Die Magdeburger Verkehrsbetriebe wollten zu dem Fall mit Hinweis auf die Ermittlungen keine Stellung nehmen.

Pro Jahr erleiden 200 000 Menschen in Deutschland erstmals einen Schlaganfall, bei dem das Gehirn plötzlich nicht mehr richtig funktioniert. In 80 Prozent der Fälle werden gehirnversorgende Blutgefäße verschlossen, etwa durch ein Blutgerinnsel. In 20 Prozent der Fälle kann ein Schlaganfall auch durch Blutungen im Inneren des Gehirns entstehen. Schnelle Hilfe ist besonders wichtig. Dr. Tobias Bäumer, Facharzt für Neurologie an der Uniklinik Eppendorf in Hamburg rät: "Wer Zeuge eines Schlaganfalls wird, sollte sofort die Feuerwehr rufen und den Betroffenen ins Krankenhaus bringen lassen, wo bei einer neurologischen Diagnose die Art des Schlaganfalls festgestellt werden kann." Die Mediziner haben dann die Gelegenheit, das verstopfte Blutgefäß schnell wieder zu öffnen und so die Blutversorgung wiederherzustellen.

Widerbelebungsmaßnahmen sollten Helfer nur im Notfall ergreifen. Wichtig seien stabilisierende Maßnahmen. Dazu gehöre es, den Patienten mit erhöhtem Oberkörper und geradem Kopf zu lagern und dafür zu sorgen, dass er seine Zunge nicht verschlucken kann.

"Ein Schlaganfall kann vielgestaltig sein. Er kann einhergehen mit einer Bewusstseins- oder Sehstörung, mit motorischen Störungen oder Taubheitsgefühlen in Gliedmaßen. Meistens treten diese Beeinträchtigungen nur halbseitig auf", sagt Bäumer. "Welcher Art die Symptome sind, hängt auch davon ab, welche Gefäße im Gehirn betroffen beziehungsweise unterversorgt sind. " Ein Schlaganfall tritt immer plötzlich auf.

Christoph Kreienbaum, Sprecher der Hamburger Hochbahn kann sich einen solchen Fall wie in Magdeburg nicht vorstellen. "Es gibt in Hamburg eine Betriebsanweisung, nach der Busfahrer regelmäßig ihr Fahrzeug überprüfen müssen." Wenn der Fahrer die Endhaltestelle erreiche, habe er in der Regel genügend Zeit für eine kurze Kontrolle.