Der Rauchmelder aus Passau

Das Qualmen ist in bayerischen Kneipen und Bierzelten seit gestern ausnahmslos verboten. Schuld daran ist Sebastian Frankenberger

Passau. Geraucht hat er noch nie. Und Alkohol nimmt er allerhöchstens in Form von Hustensaft zu sich - oder als Messwein. "Aber das ist ja das gewandelte Blut Christi", sagte der überzeugte Abstinenzler Sebastian Frankenberger, 29, kürzlich in einem Interview. Der Passauer Stadtrat der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) war der Organisator des "Aktionsbündnisses Volksentscheid Nichtraucherschutz". Auf seine Initiative hin haben sich gestern in einem Volksentscheid 61 Prozent der Bayern für ein striktes Rauchverbot in Wirtshäusern, Kneipen und Bierzelten im Freistaat entschieden. Nur für das Oktoberfest gibt es in diesem Jahr noch eine letzte Ausnahme. Das Trinken wolle er aber niemandem verbieten, versicherte Frankenberger.

Sein Engagement galt vielmehr der rauchfreien Gastronomie. Im Dezember 2007 hatte der Landtag zwar ein striktes Rauchverbot beschlossen. Doch viele Wirte umgingen es, indem sie Raucherklubs gründeten. Kaum einer hielt sich an die Verordnung. Da reichte es Frankenberger endgültig. Auf seine Initiative hin kündigte die ÖDP im Mai 2009 ihr Volksbegehren an.

Vielen gilt der junge Mann mit den langen braunen Haaren als Hassfigur. Als "Adolf Frankenberger" beschimpften sie ihn, weil er in ihren Augen für einen Verbotsstaat steht. Immer wieder drohten anonyme Anrufer: "Wenn ich dich Öko-Faschistenschwein erwische, polier ich dir die Fresse", "Wenn's dir ned passt, dass ich rauch, vergas ich dich", einer drohte sogar, seine Mitarbeiterin zu verschleppen und dann zu vergewaltigen. Auf manche Mails antwortete Frankenberger freundlich. Andere leitete er gleich an seinen Anwalt weiter. Ob sich die Gemüter nach dem durchgesetzten absoluten Rauchverbot beruhigen werden, ist fraglich.

Doch Frankenberger lässt sich nicht einschüchtern. Seine Mission ist es, die Welt zu verbessern. Das sagt der Niederbayer immer wieder gern, wenn er nach seiner Motivation gefragt wird. Schon am Adalbert-Stifter-Gymnasium in Passau war er Schülersprecher. Danach studierte er Lehramt mit der Ausrichtung Mathematik und Physik. Er wäre gern Lehrer geworden, doch das Studium gefiel ihm nicht. Auch das Theologiestudium brach er ab, weil er als Pastoralreferent mangels Stellen keine Chancen gehabt hätte. Heute leitet er in mittelalterlicher Tracht historische Stadtführungen in Passau, Salzburg und Linz, bei denen Touristen Geschichte wie in einem Improvisationstheater erleben. Ab und zu hilft er als Religionslehrer aus.

In der katholischen Kirche engagiert sich der ehemalige Ministrant vor allem als ausgebildeter Notfallseelsorger. Bis zu 15-mal im Jahr wird er gerufen, um eine Todesnachricht zu überbringen und Hinterbliebene von Selbstmördern und Unfallopfern zu trösten. Doch auch die Kirche schont der staatlich geprüfte Stadtführer nicht. Der überzeugte Nichtraucher kritisiert die Doppelmoral und bekannte offen, er freut sich, wenn der Passauer Bischof Wilhelm Schraml geht.

Frankenberger hat keine Scheu davor, anzuecken. Bei wem, spielt dabei eigentlich keine Rolle, Raucher, Kirche oder die eigene Partei, wenn es um etwas geht, das ihm am Herzen liegt. Als er die Schülerunion der CSU in Passau leitete und sich für die Rettung eines Naturschutzgebietes einsetzte, hielten ihn die Parteikollegen für einen "grünen Spitzel". Als sich ÖDP-Aktivisten der an Bäume ketteten, war er dabei. Am nächsten Tag wechselte er die Partei.

Im Kampf gegen den Glimmstängel organisierte er Flashmobs, sendete seine Botschaften regelmäßig im Internetportal YouTube - das kostet nichts. Seinen Wahlkampf musste er ohne großes Budget bestreiten. Dennoch schaffte er es, 1,3 Millionen Unterschriften für seine Initiative zu sammeln.

Die vergangenen Wochen waren hart für Frankenberger. Kurz vor dem Volksentscheid gönnte er sich lediglich drei Stunden Schlaf pro Nacht. Vor zwei Wochen hatte der Single einen Kreislaufkollaps. Einmal schlief er vor Erschöpfung sogar im Treppenhaus ein. Die Strapazen haben sich gelohnt. Sein Volksbegehren ist durch. Doch Frankenberger hat schon wieder andere Pläne. 2020 würde er gern Oberbürgermeister von Passau werden.