Gefährliche Brustkissen

Krankenkassen sollen für Brust-Operationen zahlen

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Gesche Wüpper

Der Skandal um gefährliche Silikonkissen weitet sich aus: Deutschland empfiehlt betroffenen Frauen, sich die Implantate entfernen zu lassen.

Paris. Der Skandal um die gefährlichen Brustimplantate der französischen Firma PIP (Poly Implants Prothèse) zieht weltweit immer größere Kreise. Nach Frankreich und Tschechien empfahl nun auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) offiziell den betroffenen Frauen, sich die unter Krebsverdacht stehenden Silikonkissen herausoperieren zu lassen. Denn auch ohne Risse könnte das eigentlich für Industriezwecke bestimmte Gel ausgeschwitzt werden. Das Ausmaß des Ausschwitzens sei größer als bei anderen Implantaten und nehme mit dem Alter der Silikoneinlagen zu, sagte ein Sprecher.

Die Zahl der betroffenen Frauen wird weltweit auf bis zu 500.000 geschätzt, in Deutschland auf 7500. Denn die 1991 in Südfrankreich gegründete, inzwischen liquidierte Firma PIP, die zeitweise der drittgrößte Hersteller von Brustimplantaten war, exportierte rund 80 Prozent ihrer Produktion ins Ausland. Abnehmer fanden sich in mehr als 60 Ländern. Die französischen Gesundheitsbehörden verboten die Vermarktung der Implantate im April 2010 europaweit, da das Unternehmen nicht das dafür vorgesehene medizinische Silikon-Gel, sondern ein eigenes, sehr viel billigeres Industrie-Gel verwendete .

Dadurch sollen die Implantate leichter reißen und Krebs auslösen können. In Frankreich erkrankten bereits 20 der circa 30.000 Trägerinnen von PIP-Implantaten, zwei starben. Die französische Regierung startete deshalb kurz vor Weihnachten eine Rückrufaktion und forderte die betroffenen Frauen auf, sich die Silikonkissen auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung entfernen zu lassen.

Auch in Deutschland sieht Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) bei der Übernahme der Kosten grundsätzlich die Krankenkassen in der Pflicht. Das BfArM habe festgestellt, dass eine Gefahr für die Gesundheit vorliege, erklärte eine Ministeriumssprecherin gestern in Berlin: "Und wenn eine Gesundheitsgefahr besteht, hat ein Patient Anspruch gegenüber der Kasse, dass die Kosten übernommen werden." Dies gelte auch dann, wenn Frauen die Operation seinerzeit aus ästhetischen und nicht aus medizinischen Gründen hätten vornehmen lassen. Wenn eine Frau sich allerdings neue medizinisch unbedenkliche Implantate einsetzen lassen wolle, müsse sie dies unter Umständen selbst zahlen. Die gesetzlichen Kassen wollen eine volle Kostenübernahme aber nicht garantieren und erwarten von den Ärzten eine Beteiligung. "Schönheitsoperationen sind ein lukratives Geschäft. Wir fordern die Ärzte deshalb auf, Frauen mit den möglichen Folgekosten ihres ärztlich-unternehmerischen Handelns nicht alleinzulassen", sagte der Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), Florian Lanz.

+++ Weltweit Verunsicherung über Billig-Brustimplantate +++

Zugleich versicherte er, dass die Kassen die Kosten für die medizinisch notwendige Entfernung und den Ersatz für die schadhaften Implantate übernehmen, wenn die Patientinnen die Silikonkissen aufgrund einer Erkrankung eingesetzt bekamen. Wurden die Brustimplantate jedoch aus rein ästhetischen Gründen eingesetzt, gelte die gesetzliche Vorgabe, dass die Krankenkassen die Frauen an den Kosten beteiligen müssen. Lanz: "Es ist auch zu fragen, ob es richtig wäre, die Solidargemeinschaft die finanziellen Folgen einer individuellen Schönheitsoperation voll tragen zu lassen."

Sehr viel unklarer ist die Lage in Großbritannien. Dort sollen mehr als 52.000 Frauen PIP-Brustimplantate tragen. Gesundheitsminister Andrew Lansley sagte bisher aber nur den Patientinnen Kostenerstattung für die Entfernung des Silikons zu, die in staatlichen Krankenhäusern behandelt wurden. Der Skandal dürfte sich sogar noch ausweiten, denn jetzt kam heraus, dass der schottische Schönheitschirurg Awf Quaba die britische Aufsichtsbehörde bereits 2006 darauf hingewiesen habe, dass es bei den PIP-Implantaten verstärkt zu Rissen und Ausschwitzungen komme. Aber nichts geschah.

In Frankreich sollen Chirurgen die Behörden 2007 erstmals alarmiert haben. Dort wurden inzwischen Hunderte von Klagen gegen PIP, die französische Aufsichtsbehörde Afssaps (Agence française de sécurité sanitaire des produits de santé) und den TÜV Rheinland eingereicht. Denn der TÜV war für die Zertifizierung der PIP-Implantate zuständig. PIP-Gründer Jean-Claude Mas gab bei Verhören zu, die Kontrolleure bewusst getäuscht zu haben. Der TÜV habe seine jährlichen Besuche immer zehn Tage vorher angekündigt, erklärte er. Er habe dann immer alle verdächtigen Dokumente und die nicht zugelassenen Inhaltsstoffe verstecken lassen.

Seit 2001 habe er nicht das von den Gesundheitsbehörden zugelassene Silikon-Gel Nusil, sondern eine eigene Mischung benutzt. Die von ihm verwendeten Zutaten stammten auch von der deutschen Firma Brenntag. Laut Mas waren 75 Prozent seiner Brustimplantate mit dem minderwertigen Gel gefüllt. "Ich wusste sehr wohl, dass es nicht zugelassen war, aber ich habe es bewusst getan, da das PIP-Gel billiger war", gab Mas zu Protokoll. Reue zeigt der 72-Jährige nicht. Er behauptet: Die Implantate von PIP stellten "keinerlei Risiko für die Gesundheit" dar.