Kinderwagen-Klau in Berliner Szeneviertel

Schon 60 teure Bugaboos gestohlen. Sollen wohlhabende Zuzügler vertrieben werden?

Berlin. Fahrzeuge auf vier Rädern haben von jeher Diebe angezogen. Doch seit Neuestem haben diese es auch auf nicht motorisierte Gefährte abgesehen: Kinderwagen sind in Berlin ein populäres Objekt bei Langfingern, aber nicht irgendwelche. Es muss schon die niederländische Edelmarke Bugaboo sein - der Mercedes unter den Kinderwagen. Eine lohnende Beute, denn neu kostet die Luxuskarosse immerhin 800 Euro, je nach Extras gern auch 1000 Euro.

Allein im geburtenstarken Szenestadtteil Prenzlauer Berg sind seit Jahresbeginn schon rund 60 Bugaboos gestohlen worden - das sind schon jetzt mehr als im gesamten vergangenen Jahr. "Ich spreche Eltern auf der Straße an, sage ihnen, dass sie auf ihre Kinderwagen achten sollen", sagt Hauptkommissar Werner Holzfuß, 58, der in dem Kiez Streife läuft und gemeinsam mit seinem Kollegen Frank Müller, 58, verstärkt nach gestohlenen Luxuskinderwagen Ausschau hält. In der Hauptstadt sind sie inzwischen als "Soko Bugaboo" und "Kinderwagen-Cops" bekannt.

Die Ermittler haben ins Schaufenster des Babyausstatters Rasselfisch einen Warnhinweis gehängt: "Achten Sie auf Ihre Kinderwagen!!!" Die drei Ausrufezeichen zeigen die Dringlichkeit des Anliegens. "Manchmal sind es in einer Woche fünf Stück", sagt Liv Teufel, Teilhaberin des Geschäfts. Zudem rät die Polizei Eltern, den fahrbaren Untersatz für ihre Kleinen weder im Hausflur noch im Hof, noch im Treppenhaus abzustellen und ihn zu markieren. Selbst das Anschließen verhindere den Diebstahl nicht.

Eine junge Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte, trägt ihren Kinderwagen deshalb grundsätzlich hoch in die Wohnung oder stellt ihn in einen verschließbaren Keller. Sie schiebt zwar den Wagen eines deutschen Herstellers über die Straße, aber sicher ist sicher. Muss sie den Wagen doch einmal auf der Straße lassen, hat sie ein Fahrradschloss dabei, das beinahe schwerer ist als ihr Kind.

Liv Teufel kennt Frauen, denen bereits zwei- oder dreimal der Bugaboo gestohlen wurde. "Eine Kundin bekam ihren Kinderwagen neulich von der Polizei zurück, aber sie will ihn nicht mehr. Sie verkauft ihn jetzt", sagt sie.

Die Diebe treten als Gebraucht-Kinderwagen-Händler auf oder sie zerlegen den Wagen in Einzelteile und bieten Babyschale, Untersatz oder Fußsack auf Auktionsportalen stückweise zum Verkauf. "Dabei werden oft höhere Preise erzielt, als die Ersatzteile im Laden kosten würden", sagt Teufel.

Viele Mütter und Väter steigen jetzt um auf billigere Kinderwagen, in der Hoffnung, dass die Diebe daran vorbeigehen. Doch manch einer bezweifelt, dass es sich hier um klassischen Diebstahl handelt. "Hier geht es nicht nur um die Bugaboos, sondern auch darum, den Familien, die häufig neu zugezogen sind, zu sagen: Ihr seid hier nicht erwünscht", vermutet eine Mutter, die mit ihrem Einjährigen am Rasselfisch vorbeikommt.

Was ihre These unterstützt: Kürzlich wurden rund um den Kollwitzplatz auf den Gehwegen rote Kreise aufgemalt mit einem Kinderwagen in der Mitte - im Stil eines Verkehrszeichens: Kinderwagen verboten! Nicht vergessen sind Plakate, die Ende des vergangenen Jahres in dem Stadtteil aufgehängt waren: "Wir sind ein Volk und ihr seid ein anderes." Sie spielten auf den Zuzug vieler wohlhabender Westdeutscher in den einstigen Künstler- und Arbeiterkiez an. Heute dominieren dort feine Restaurants, angesagte Cafés, Bioläden - und Luxuskinderwagen.