Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt jetzt gegen zehn Pädagogen. Doch alle bislang bekannten Fälle sind verjährt.

Frankfurt/Main. Keine Woche ohne neue Missbrauchsvorwürfe: An der Odenwaldschule soll es auch zu Quälereien unter den Schülern selbst gekommen sein. "Das sprengt unsere Vorstellungskraft", sagte Schulleiterin Margarita Kaufmann der "Frankfurter Rundschau". Es gebe zudem Hinweise darauf, dass vier missbrauchte Schüler nach ihrer Schulzeit Selbstmord begangen hätten, zuletzt 1999. Diese Vorwürfe seien von der Schulleitung aber noch nicht überprüft worden, hieß es gestern.

Der zuständigen Staatsanwaltschaft Darmstadt liegen derzeit ausschließlich Informationen über bereits verjährte Fälle vor. Behördensprecher Ger Neuber kritisierte, dass die zuletzt gemachten Vorwürfe den Ermittlern nicht bekannt seien. Die Leitung der Odenwaldschule kündigte eine Erklärung dazu an. Nach Informationen der Zeitung wusste das hessische Kultusministerium weitaus früher von dem Missbrauch an der Unesco-Modellschule, als bislang bekannt war.

Die Justizbehörde ermittelt gegen zehn Personen, unter ihnen neuerdings ein weiterer Lehrer. Gegen Ex-Schulleiter Wolfgang Harder wird wegen Verdachts der Strafvereitelung ebenfalls neu ermittelt, wie der Sprecher sagte. Zwei Personen, gegen die zunächst ermittelt wurde, seien inzwischen gestorben.

Laut Kaufmann meldeten sich Ostern weitere Missbrauchsopfer. Zu den Misshandlungen habe das Versengen und Verbrühen von Genitalien gehört. Minderjährige seien von Schulkameraden als "Sandsack missbraucht" und vor anderen erniedrigt worden. Mehrere Schüler sollen zudem einen Vorfall beschrieben haben, bei dem ein gefesselter Schüler von Mitschülern mit einer Banane vergewaltigt worden sei und der verantwortliche Lehrer untätig danebengestanden habe. Derselbe Pädagoge werde beschuldigt, sowohl Jungen als auch Mädchen missbraucht zu haben. Er sei bis 1999 an der Schule gewesen. Kaufmann äußerte sich schockiert: "Ich frage mich, wie das passiert sein kann, ohne dass Lehrer die schrecklichen Schmerzensschreie gehört haben", sagte sie. "Diese Dimension war mir bislang gar nicht so sehr bewusst gewesen, obwohl wir auch in der Vergangenheit von ehemaligen Schülern solche Hinweise bekommen hatten", sagte Kaufmann dem Sender hr-info. "Aber weil wir sicherlich so fixiert gewesen sind auf den Missbrauch durch Lehrkräfte, haben wir darauf gar nicht so sehr geachtet." Seit März waren zahlreiche Fälle von Missbrauch an der Reformschule bekannt geworden. Ex-Schüler berichteten von Übergriffen ihrer Lehrer. Mittlerweile soll es sich um rund 40 Opfer handeln.

Ein früherer Schüler der Odenwaldschule sagte der Nachrichtenagentur dpa, auch er sei Zeuge von Misshandlungen unter Schülern geworden. Es habe damals eine "latente Drohung" gegeben. Er habe miterlebt, wie einem damaligen Freund von einem Mitschüler die Genitalien gequetscht worden seien. Die Schreie seien nicht zu überhören gewesen. Er könne sich insgesamt nicht vorstellen, dass Lehrer damals nichts von den Misshandlungen mitbekommen hätten.

Ein ehemaliger Nürnberger Heimleiter soll indessen in den 70er-Jahren ein ihm anvertrautes Mädchen missbraucht haben. Die heute 42 Jahre alte Frau beschuldigt laut "Nürnberger Nachrichten" den seit 1998 pensionierten Gründer und langjährigen Leiter des Martin-Luther-Hauses, sich an ihr vergangen zu haben. Der beschuldigte 75-jährige Hanns-Jürgen S. wies die Missbrauchsvorwürfe dagegen entschieden zurück.

Die Vorwürfe gegen den Augsburger Bischof Walter Mixa sollen von einem externen Sonderermittler untersucht werden. Ein Rechtsanwalt solle alle Vorwürfe vorbehaltlos aufklären, erklärte die Katholische Waisenhausstiftung Kinderheim St. Josef in Schrobenhausen. Ehemalige Heimkinder beschuldigen Mixa, sie geschlagen zu haben.