Madeira: Durch Wolkenbrüche und Erdrutsche verwüstet

Blumenparadies wird zur Fluthölle

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Unwetter haben auf der Ferieninsel mindestens 42 Menschen das Leben gekostet, mehr als 120 wurden verletzt.

Lissabon. Der Kontrast könnte größer kaum sein: Wo sonst das türkisfarbene Meer und eine bunte Blumenpracht Urlauber anlocken, reißen vom Lavagestein schwarz gefärbte Schlamm- und Wassermassen Bäume, Fahrzeuge und Gestein von den Hängen ins Tal, machen das Paradies zur Hölle.

Mindestens 42 Menschen sind nach einem schweren Unwetter auf der portugiesischen Ferieninsel Madeira ums Leben gekommen, mehr als 120 wurden verletzt. Die Retter befürchten, dass die Zahl der Todesopfer noch steigt - unter dem Schlamm werden noch Dutzende Menschen vermutet.

15 Stunden anhaltender Starkregen hatte am Sonnabend viele Straßen im Süden der Insel in Sturzbäche verwandelt und Erdrutsche ausgelöst. Am dramatischsten sind die Folgen in Madeiras Hauptstadt Funchal. Dort rissen die Fluten Autos mit und spülten Pflastersteine aus dem Boden. Tiefgaragen und manche Wohnungen standen voller Wasser, einige Häuser sollen einsturzgefährdet sein. Einer vorläufigen Bilanz zufolge wurden etwa 250 Menschen obdachlos. Zeitweise waren einzelne Gegenden ohne Strom. Im Landesinneren sind noch immer Straßen unpassierbar, inzwischen sind jedoch zumindest die Telefonverbindungen in bislang abgeschnittenen Ortschaften wieder intakt.

"Das war das Ende der Welt, die Sintflut. So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt Rentner José Silva aus Funchal völlig verstört. Die Gewalt der Wassermassen sei enorm gewesen, wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, wurde mitgerissen. Von den furchtbaren Eindrücken auf der Insel berichtete auch einer der an den Rettungsarbeiten beteiligten Feuerwehrleute. "Wir haben Körper gefunden, zwischen Schlamm und Baumstämmen. Es war ein schrecklicher Anblick." Kinder hätten auf Dächern von Autos verzweifelt um Hilfe geschrien, erzählte ein weiterer Augenzeuge. Menschen flohen in Schlafanzügen und Morgenmänteln aus ihren Häusern und kletterten auf Bäume.

Funchal gleiche einer Geisterstadt. "Die Abwässerkanäle können das viele Wasser, das von den Bergen herunterläuft, einfach nicht auffangen", berichtete die britische Touristen Cathy Sayers. "Sie sind vollkommen mit Schlamm überlaufen."

Deutsche Touristen seien nach derzeitigem Kenntnisstand nicht verletzt oder gar getötet worden. Das teilte das Auswärtige Amt in Berlin gestern mit. Der Reisekonzern TUI erklärte, keines der gebuchten Hotels sei bei dem Unwetter beschädigt worden. "Nach unseren Erkenntnissen geht es allen Gästen gut", sagte TUI-Sprecher Michael Blum. Am Wochenende waren rund 1400 deutsche Urlauber auf Madeira.

Die portugiesische Regierung schickte noch am Sonnabend einen Mannschaftstransporter der Luftwaffe mit Rettungstauchern, Ärzten und Bergungsspezialisten vom Festland aus auf die fast 1000 Kilometer entfernte Insel. Eine Hundestaffel, die bei der Suche nach Vermissten helfen soll, war ebenfalls an Bord. Auch eine Fregatte der Marine ist unterwegs in Richtung Madeira - die Soldaten sollen mithelfen, Trümmer zu beseitigen und Brücken zu reparieren.

Der portugiesische Ministerpräsident José Sócrates machte sich vor Ort ein Bild von der Lage. Nach einem Treffen mit der Regionalregierung sagte er, Lissabon werde "jede nötige Hilfe" leisten und Hilfssendungen auf den Weg bringen. Auch der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso - selbst Portugiese -, sicherte den Behörden die Unterstützung der Europäischen Kommission zu und sprach den Familien der Opfer sein Beileid aus. Entsetzt zeigte sich der aus Funchal stammende Fußballstar Cristiano Ronaldo (24), der für Real Madrid spielt. "Niemand bleibt bei so einer Katastrophe gleichgültig." Er wolle, soweit es in seinen Kräften stehe, bei der Bewältigung der Zerstörungen helfen.

Gestern Vormittag machte der Regen vorerst eine Pause. Der Flughafen wurde wieder geöffnet. Doch mehrere Ortschaften, darunter die 4000 Bewohner von Curral das Freiras, sind noch immer von der Außenwelt abgeschnitten. In einigen Gegenden brach die Strom- und Wasserversorgung zusammen.