U-Bahn-Prüfer entdecken erhebliche Mängel

Pfusch am Bau: Köln wollte Altstadt räumen

Verantwortliche der Stadt fassungslos. 80 Prozent der vorgeschriebenen Eisenbügel zur Stabilisierung fehlen.

Köln. Zehntausende Jecken tanzen und feiern in der Kölner Altstadt - ohne zu ahnen, was sich nur wenige Meter weiter in einer unterirdischen Baustelle abspielt. Während Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) mit einem Zylinder auf dem Kopf von einer Weiberfastnachts-Party zur anderen zieht, weiß er, dass zeitgleich ein Krisenteam tagt.

Experten prüfen die Wände in der U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, Touristenmagnet und einer der größten Plätze in der Altstadt. Sie messen und rechnen fieberhaft. Erschreckendes Ergebnis: Es fehlen mehr als 80 Prozent der vorgeschriebenen Eisenbügel, die zur Stabilisierung der Grube notwendig sind. Die Staatsanwaltschaft prüft nun die Aufnahme von Ermittlungen wegen Baugefährdung.

Gut ein Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit zwei Toten herrscht erneut Fassungslosigkeit. Wenn auch die Ursache des Unglücks noch immer nicht feststeht: Als sicher gilt, dass die Baustelle für die neue Nord-Süd-Bahn, die direkt am Stadtarchiv entlangführt, mit dem Einsturz zu tun hatte. Die schrecklichen Bilder vom 3. März 2009, die das Archivgebäude nur noch als riesigen Schuttberg und daneben aufgerissene Wohnungen zeigten, sind in den Köpfen der Menschen noch gegenwärtig.

Nach dem Unglück gingen viele Kölner davon aus, dass der komplette Streckenverlauf der geplanten U-Bahn mit ihren sämtlichen Baustellen nun umso genauer überprüft und überwacht würde. Doch erst in dieser Woche fielen die fehlenden Eisenteile auf. Warum nicht vorher? Darauf gibt es bisher keine zufriedenstellende Antwort. Der Pfusch beim U-Bahn-Bau nimmt ungeahnte Dimensionen an. Bauprotokolle sollen gefälscht worden sein. Zunächst kommt - wohl durch das Geständnis eines Bauarbeiters - heraus: Arbeiter sollen Eisenbügel gestohlen haben, die für die U-Bahn-Baustelle am Einsturzort bestimmt waren und zur Stabilisierung erforderlich sind. Das Metall sollen sie bei einem Schrotthändler zu Geld gemacht haben.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist das Fehlen der Teile jedoch nicht die Ursache für das Archiv-Unglück gewesen. Trotzdem überprüften Fachleute auch die Baustelle am Heumarkt und stellten fest, dass dort zum Teil nur 17 Prozent der vorgesehenen Eisenbügel eingesetzt wurden. Vorsorglich wurde ein Plan zur Evakuierung des Viertels ausgearbeitet - kurz vor dem Karneval! Erst am späten Donnerstagabend, die Weiberfastnacht war längst in vollem Gange, gab die Stadt Köln Entwarnung: Es bestehe definitiv keine Einsturzgefahr. Die Karnevalszüge könnten am Montag starten.

Doch wie kann es sein, dass das Fehlen der Eisenstangen so lange unbemerkt blieb? Eigentlich müssen zwei unabhängige Fachleute das ordnungsgemäße Einsetzen der Eisenbügel überwachen. Der Präsident der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen, Heinrich Bökamp, sagt: "Die Kölner Verkehrsbetriebe haben es wohl versäumt, wie vorgeschrieben einen Prüfingenieur mit der Überwachung zu beauftragen." Stattdessen hätten sie das offenbar irgendwie selbst leisten wollen. "Aber wenn 80 Prozent geklaut wurden, kann ich mir nicht vorstellen, dass da eine Kontrolle installiert war."

Der 2004 begonnene U-Bahn-Bau ist vielen Kölnern ein Dorn im Auge. In anliegenden Häusern gibt es Risse, die von Stemmarbeiten herrühren. Und kurz nach dem Unglück beklagte auch der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), dass sein Schreibtisch im Rathaus wackle.