Nach dem verheerenden Erdbeben

Haiti: Überlebende haben die bittere Wahl zwischen Elend und Flut

Port-au-Prince. au-Prince - Seit Jahrzehnten sind Einwohner von Gonaives in Scharen vor den regelmäßig wiederkehrenden Überflutungen und Erdrutschen in die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince geflohen. Dort wähnten sie sich sicher - bis zu dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar. Jetzt flüchten sie zurück, schätzungsweise 50 000 bis 100 000 Menschen. Die rund 300 000 Einwohner zählende Küstenstadt Gonaives, 100 Kilometer nordwestlich von Port-au-Prince, war bei den Unwetterkatastrophen 2004 und 2008 komplett vom Rest des Landes abgeschnitten. Noch heute ist sie ein Katastrophengebiet.

Dass jetzt viele Flüchtlinge nach Gonaives kommen, überfordert die Behörden. Ärzte benötigen vor allem Medikamente für die Verletzten. Aber auch in der zum großen Teil zerstörten Hauptstadt fehlt es an allem: Zelten, Medikamenten, Wasser und Lebensmitteln. Etwa eine Million Menschen, jeder neunte Einwohner des Karibikstaates, sind obdachlos. Die Zahl der bestätigten Todesopfer liegt bei 150 000. Kommunikationsministerin Marie-Laurence Jocelyn Lassègue vermutet, dass sogar bis zu 300 000 Menschen bei dem Beben starben. Bei einer Haiti-Konferenz in Montreal regte Kanada einen Schuldenerlass für den bitterarmen Staat an. Haitis Schulden belaufen sich auf etwa eine Milliarde Dollar (710 Millionen Euro). In Brüssel beschlossen die EU-Außenminister, 300 paramilitärisch ausgebildete Polizisten nach Haiti zu entsenden, um dort für mehr Sicherheit zu sorgen. Für einen Uno-Sonderfonds gingen bei den Vereinten Nationen bisher 192 Millionen Euro ein.

In London sammelte der sieben Jahre alte Charlie Simpson allein 100 000 Pfund (113 000 Euro) Spendengelder für Haiti. Er bot über das Internet an, gegen Geld Runden mit seinem Fahrrad in einem Park zu drehen. Als Zeitungen und das Fernsehen darüber berichteten, kam die Summe in zwei Tagen zusammen.