"Wahnsinn in Weiß"

Falscher Arzt macht Karriere als Schriftsteller

Mit dem Erlös aus dem Werk will Christian E. studieren. Sein ehemaliger "Arbeitgeber" in Erlangen ist entsetzt.

Erlangen. Mit Realschulbildung zum Oxford-Diplom, vom Bankschalter an den Operationstisch, vom Gefängnisinsassen zum Bestseller-Autor: Die Karriere von Christian E. (30) ist wirklich atemberaubend. Am PC bastelte er sich Abiturzeugnis und Universitätsurkunden, medizinisches Halbwissen eignete er sich im Zivildienst bei den Maltesern an. Sein Ziel: den drögen Job in der Bank an den Nagel hängen und sich als Arzt beweisen. Und er schaffte es - vorübergehend. Die Professoren am Uni-Klinikum Erlangen ließen sich vom Fabel-Lebenslauf des vermeintlichen Überfliegers täuschen, sie übersahen sogar krasse Rechtschreibfehler in den Diplomen wie "Franlfurt" statt Frankfurt oder "Doktor medicinae" statt "doctor medicinae".

190-mal assistierte E. von Ende 2006 bis Anfang 2008 bei Operationen, war sogar bei Organtransplantationen dabei und begleitete ADAC-Rettungsflüge. Bis er durch einen anonymen Hinweis schließlich aufflog. Er saß vier Monate in U-Haft und wurde im vergangenen August in zweiter Instanz zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Missbrauchs von Titeln verurteilt. An seiner Reue zweifelten die Richter schon damals - denn in seiner Werkstatt fand sich bereits auch das Manuskript zu einem Buch, in dem er seine Zeit als "falschester Arzt Deutschlands" reflektiert. "Ich habe es gelesen", sagte Richterin Sabine Nikolay-Milde damals: "Es ist eine Beschreibung von real als Ärzten tätigen Personen. Die kommen nicht gut weg."

In dieser Woche kam sein Werk nun in den Buchhandel. Der Titel: "Wahnsinn in Weiß". Er habe den Menschen immer nur helfen wollen und frage sich, was er sich eigentlich vorzuwerfen habe, klagte Christian E. schon in einem Brief an seine Eltern aus der U-Haft. Seine Buchveröffentlichung verteidigt er so: "Ein Teil des Erlöses dieses Buches soll durch eine Stiftung die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Gefäßchirurgie fördern und verbessern. Ich hoffe, auf regulärem und ehrlichem Weg in der Zukunft die Schule und das Studium bestehen zu können, um meine begonnene Arbeit irgendwann fortführen zu können." Christian E. will seinen Arztkittel also offenbar zurück. In seiner bescheidenen oberfränkischen Wohnung, in der nichts außer der Adresse am Röntgenweg an seine glanzvolle Vergangenheit als "Dr. med Dr. rer. oec., Dipl.-Betriebswirt, Arzt für Gefäß-, Thorax- und Viszeralchirurgie" erinnert, lernt er für das Abendschulabitur. Und gibt sich weitgehend unschuldig: "Es kommt ein neuer Abschnitt mit einem neuen Studium. Jemand, der vier Jahre und dann noch mal sechs Jahre studiert, der hat es auch verdient, irgendwann Arzt zu werden." Schließlich habe er sich in der Praxis bereits viel Wissen erworben und auch niemals einen Patienten falsch behandelt.

Entsetzt reagierte E.s ehemaliger Chef, Professor Werner Hohenberger (61), auf diese Ankündigung. Der Direktor der Chirurgischen Klinik Erlangen sagt: "Er ist nicht ganz zurechnungsfähig. Der wird niemals die Approbation erreichen, er ist mehrfach in der Schule und im Vorphysikum gescheitert." Seine eigenen Fehler im Umgang mit dem Hochstapler redet er heute klein: "Es sind keine Patienten zu Schaden gekommen, die Kontrollmechanismen haben funktioniert."

Während die Revision gegen seine letzte Verurteilung noch läuft, hat Christian E. inzwischen ein weiteres autobiografisches Buch geschrieben und eine Stiftung für Beinamputierte gegründet. Auch die Vermarktungsmaschinerie läuft auf Hochtouren: Am Donnerstag stellte Christian E. seinen "Wahnsinn in Weiß" bei Johannes B. Kerner (Sat.1) vor, auch Reinhold Beckmann (ARD) soll schon angefragt haben. Und auch Gespräche über eine Verfilmung sollen bereits laufen, das sagt er zumindest. Stoff gäbe es in der Tat noch reichlich: Nach seiner Enttarnung in Erlangen ließ er sich vergoldete Visitenkarten drucken, legte im Rathaus der thüringischen Gemeinde Sonneberg einen Kontoauszug über zwölf Millionen Euro vor und ließ sich einen Bauplatz für eine Privatklinik reservieren. "Ja, es war Geltungsbedürfnis", gab er später in seinen Vernehmungen zu. "Ein Doktortitel allein hat mir nicht gereicht."

Um Ausreden war E. eben nie verlegen. Seine kapitalen Fehler in den gefälschten Urkunden begründete er damit, dass er es darauf angelegt habe, enttarnt zu werden. "Ich bin jeden Tag mit Angst in die Klinik gegangen, dass alles auffliegt." Nun will er noch mal von vorn beginnen. Doch wenn eines Tages doch alle Chirurgenträume platzen sollten, haben ihm seine Schwiegereltern nach der Haftzeit eine Anstellung in ihrem Autohaus angeboten.