Brasilien: Einsatz für Kinder

Die "Lilie" von Rio adoptierte 47 Kinder

In Rio ist die 48-jährige Flordelis eine Berühmtheit: Sie adoptiert Kinder, um sie vor den Slums zu bewahren. Ein Film erzählt nun ihre Geschichte.

Rio de Janeiro. Die Straßen in den Slums der Millionenstadt Rio de Janeiro sind berüchtigt für ihre Gewalt – und eigentlich kein Platz für Kinder. Trotzdem landen viele von ihnen genau dort, ob auf der Flucht vor häuslicher Gewalt oder weil sie ausgesetzt werden. Vor gut 20 Jahren adoptierte die Brasilianerin Flordelis Dos Santos eines dieser Kinder ohne Zukunft, weil sie das Elend nicht mit ansehen konnte. Inzwischen zählen 50 Kinder zur Familie der attraktiven 48-Jährigen und Flordelis ist eine Berühmtheit. Ein Film erzählt nun die Geschichte der „Lilie“ von Rio.

„Ich bin im Jacarezinho-Slum aufgewachsen und musste dort schreckliche Gewalt mit ansehen“, erzählt Flordelis. „Eines Tages konnte ich einen 13-Jährigen retten, den Drogendealer sonst umgebracht hätten. Das gab mir den Mut, weiterzumachen. Der Junge zog bei uns ein.“ Damals hatte Flordelis bereits drei eigene Kinder. Dann fand sie ein zwei Wochen altes Baby am Hauptbahnhof im Müll. „Ich habe das kleine Mädchen mit nach Hause genommen.“

Das jüngste Kind im Hause Dos Santos ist fünf Monate alt, das älteste 35. Jedes bringt eine traurige Geschichte mit. Die 15-jährige Rayane bezeichnet Flordelis wie selbstverständlich als ihre Mutter: „Meine Mutter hat mich aufgenommen, als ich 15 Tage alt war. Sie fand die Frau, die mich zur Welt gebracht hatte. Sie hatte mich in einen Mülleimer geworfen, aber ich bin ihr nicht böse. Heute bin ich ein glücklicher Teenager.“ Viele der Jugendlichen entkommen dank Flordelis einem Leben als Drogenhändler oder Prostituierte.

„Die meisten Kinder auf den Straßen laufen vor häuslicher Gewalt weg, oft vor sexuellem Missbrauch“, betont Flordelis. „Wenn ein Kind auf der Straße lebt, wurde es zuhause misshandelt. Es darf dann auf keinen Fall zu seiner Familie zurückgeschickt werden.“ Die geltenden Gesetze bezeichnet sie als „archaisch“. Einmal nahm sie eigenen Angaben zufolge ein Neugeborenes mit zwei gebrochenen Beinchen auf. Als sie es dem Vater zwei Jahre später auf Anweisung der Behörden zurückgeben musste, warf dieser das Kind wenige Tage später aus einem Fenster, weil ihm sein Schreien auf die Nerven ging. „Da habe ich mich schuldig gefühlt.“

An einem Tag im Jahr 1994 nahm Flordelis mit ihrem Mann 37 Kinder auf, darunter 14 Babys. Einige der Kinder hatten selbst um Hilfe gebeten. „Damals wollte das Gericht mir die Kinder wegnehmen und sie in Waisenhäuser geben“, erzählt Flordelis. „Also bin ich abgehauen.“ Als gegen sie ein Haftbefehl wegen Entführung erlassen wurde, schaltete die streitbare Frau die Medien ein. Die Kinder setzten sich öffentlich für sie ein und so erhielt die Familie Unterstützung von einem Anwalt und der Wohltätigkeitsorganisation Instituto Crianca. Als der Richter zu ihren Gunsten urteilte, war dies der Durchbruch für die Großfamilie. Nun zahlt das Instituto Crianca die Miete für ein Haus außerhalb der Slums.

Anfang Oktober kam der Film „Flordelis“ in die brasilianischen Kinos. Die Filmmusik könnte vom elfjährigen Adoptivsohn Daniel kommen, der vom Pianisten einer nahegelegenen Kirche Klavierspielen lernte. Beethovens „Ode an die Freude“ oder „Love Story“ beherrscht er schon.

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