Mord: Unheimliche Serie begann vor 38 Jahren

Highway 16: Kanadas Straße der toten Mädchen

Es soll mindestens 30 Opfer geben. Die Polizei hat bisher keine Spur. Angehörige werfen ihr Tatenlosigkeit vor.

Ottawa. Es war ein Abschied wie an einem ganz normalen Schultag. "Bye, Mummy", sagte die 15-jährige Ramona Wilson. "Bye, baby", antwortete Matilda Wilson. Der letzte Wortwechsel zwischen Tochter und Mutter. Der allerletzte. Das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren brach auf zur Schulabschlussfeier im Nachbarort, 18 Kilometer entfernt. Ramona stellte sich an den Highway 16 in der kanadischen Provinz British Columbia, um zu trampen. Doch dieser 11. Juni 1994 war nicht normal. Ramona kam auf der Party nie an. Sie war einfach verschwunden. Die Polizei zeigte wenig Bereitschaft, nach dem Mädchen zu suchen. "Teenager hauen ständig ab", bekam die Mutter zu hören.

Am 10. April 1995, zehn Monate nach dem letzten Bye-Bye, fanden zwei Radfahrer Ramona. Ihre mumifizierte Leiche lag unter einem Holzstapel, ganz in der Nähe des Highways 16 und dicht am Flughafen des Ortes Smithers, von dem aus sie aufgebrochen war. 724 Kilometer lang ist der Highway 16, der die Ortschaften Prince Rupert nahe der Grenze zu Alaska und Prince George im Osten verbindet. Es ist der Highway der Tränen. Ramona Wilson ist nur ein Name in einer langen Reihe junger Mädchen und Frauen, die entlang dieser Straße verschwanden. In den vergangenen 38 Jahren sollen es mindestens 30 gewesen sein. Aber nur 18 Fälle werden aktuell untersucht. Und es gibt in anderen Teilen Kanadas Verbrechen an Frauen, die dem Muster der Highway-16-Taten entsprechen.

Polizei und Behörden ließen es oft an Eifer fehlen, weil die meisten Opfer indianischer Abstammung seien, behaupten Angehörige von Opfern. Um Gerechtigkeit und eine intensivere Untersuchung der Fälle zu fordern, sind die Organisatoren eines "Walk4justice" im Mai und Juni mit rund 1000 Gleichgesinnten 1500 Kilometer durch Kanada und entlang dem Highway marschiert. Im ganzen Land, sagt Gladys Radek, Mitinitiatorin des "Marschs für Gerechtigkeit", seien sogar 3000 Frauen aus indianischen Familien verschwunden oder ermordet worden, ohne dass es bisher Verhaftungen gegeben habe.

Die Behörden bestreiten ein reduziertes Aufklärungsinteresse. Aber Erfolge können sie auch nicht vorweisen. Es gibt Phantomzeichnungen von zwei Männern, die sich am Highway und auf Frauen-Toiletten verdächtig verhalten haben. Doch es ist nicht einmal klar, ob die 18 verschwundenen Frauen auf das Konto nur eines oder mehrerer Mörder gehen.

Aleiah Saric-Auger war erst 14, als sie am 2. Februar 2006 zuletzt von ihrer Familie gesehen wurde. Ihre Leiche wurde acht Tage später in einem Bachbett am Highway 16 gefunden. 37 Polizisten wurden für die Fahndung eingesetzt. Eine heiße Spur haben sie bis heute nicht.

Auf das Schicksal von Lana Derrick, die als 19-Jährige am 7. Oktober 1995 verschwand, gibt es bis heute überhaupt keinen Hinweis. Die Studentin wurde zuletzt mit ihrem Auto an einer Tankstelle bei Terrace auf dem Highway 16 gesehen. Ebenso spurlos blieb das Verschwinden von Nicole Hoar. Die 25-Jährige Baumzüchterin wollte am 21. Juni 2002 per Anhalter von Prince George zum Flughafen von Smithers gelangen. Hoar ist unter den 18 aktuell untersuchten Fällen die erste Frau, die nicht indianischer Herkunft ist.

Die Angehörigen der Verschollenen oder Ermordeten versuchen regelmäßig, auf ihre Schicksale aufmerksam zu machen. Zum Beispiel am 17. September 2005, als sie entlang dem gesamten Highway in nahezu allen Orten identische Protestaktionen durchführten. Nur vier Tage später verschwand Tamara Chipman (22) - spurlos.