"Mein Sohn war es nicht"

Im Fall Peggy brach der Vater des Mordverdächtigen Ulvi K. sein Schweigen. Immer neue Missbrauchsfälle.

München. 18 Monate suchte die Polizei vergeblich nach Peggy Knobloch. Das blonde Mädchen mit den strahlend blauen Augen aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwand am 7. Mai 2001 spurlos.

Vor einer Woche das sensationelle Geständnis: "Ich war es. Ich habe Peggy umgebracht", sagte Ulvi K. (24), ein Nachbar. Der geistig Behinderte, der sich auf dem Entwicklungsstand eines Zehnjährigen befindet, hatte das Mädchen vier Tage zuvor vergewaltigt. Aus Angst, es könne ihrer Mutter etwas davon erzählen, habe er Peggy "Mund und Nase zugehalten, bis sie sich nicht mehr rührte". Sein Vater habe dann später die Leiche versteckt.

Doch der stritt alles ab. Gestern eine neue Überraschung. Vater Endal K. (56) brach erstmals sein Schweigen. "Mein Sohn war es nicht", ließ er über seinen Anwalt Wolfgang Schwemmer mitteilen. "Er hat mit dem Verschwinden von Peggy nichts zu tun. Es drängt sich der Eindruck auf, dass nach langer Ermittlungszeit unter erheblichem öffentlichen und politischen Druck ein Täter präsentiert werden soll und mein Sohn dafür herhalten muss."

Die Polizei wies die Vorwürfe zurück. "Die Ermittlungen sind sehr stichhaltig", sagte der Hofer Kriposprecher Klaus Bernhardt. Außerdem kommen immer neue Verbrechen ans Tageslicht.

Peggys mutmaßlicher Mörder, der seit September 2001 in einer psychiatrischen Klinik sitzt, soll viel mehr Kinder sexuell missbraucht haben als bisher angenommen. Zusätzlich zu den elf bekannten Opfern habe er sich offenbar auch an drei Freundinnen von Peggy vergangen.

Die Mütter der Mädchen hatten sich erst jetzt bei der Kripo gemeldet. Nach eindringlichen Gesprächen mit ihren sieben bis acht Jahre alten Töchtern hätten diese berichtet, von Ulvi K. missbraucht worden zu sein. Anschließend soll der Gastwirtssohn sie davor gewarnt haben, mit jemandem über das Geschehene zu reden. Keines der Kinder habe es deshalb bisher gewagt, mit seinen Eltern darüber zu sprechen.

Soko-Chef Wolfgang Geier: "Wir hoffen, dass noch mehr Eltern den Mut finden, mit uns zusammenzuarbeiten. Wir glauben, dass noch mehr Mädchen in dem Ort missbraucht wurden."

In Lichtenberg selbst herrscht eine gereizte Stimmung. "Insider-Informationen" werden hinter vorgehaltener Hand verbreitet. Ins Visier der Kritik gerät dabei immer mehr die Kirche. Der Name des früheren Pfarrers Rainer S. wird an oberster Stelle gehandelt. Er missbrauchte in den 80er-Jahren mehrere Kinder, ohne das eingeschritten wurde. Die Eltern schwiegen aus Scham - wie im Fall Ulvi K. Hatte der sich vielleicht sogar dem Pfarrer anvertraut?

Die Umtriebe des Geistlichen wurden erst öffentlich, als er sich auch an seiner neuen Pfarrstelle in Oberbayern an minderjährigen Kindern verging. Schon die beiden Vorgänger von Rainer S. hatten Probleme. Einer wurde strafversetzt, weil er mit mehreren Frauen in der Kleinstadt ein intimes Verhältnis unterhalten haben soll, der andere Geistliche wurde aus bis heute von der Kirchenverwaltung nicht genannten Gründen abberufen.

Was der Polizei immer noch fehlt, ist Peggys Leiche. In Lichtenberg glauben viele, dass sie beim Bau der Schützenhalle, die in der Nähe des Tatortes liegt, mit eingemauert wurde. Die Polizei: "Mehr als unwahrscheinlich. Das hätten wir herausgefunden."

Die Ermittler ziehen eine ganz andere Möglichkeit in Betracht. Die Leiche der Schülerin könnte in einem Container für Fleischabfälle gelandet sein, der längst entsorgt worden ist. Ulvis Vater Endal K. hätte als Pächter der "Schlossklause" entsprechende Möglichkeiten gehabt.