Kalter Krieg: Vor 20 Jahren beging Bernd Ohnesorge in bulgarischer Haft Selbstmord - ließen Bonn und die USA ihn im Stich?

Das einsame Sterben eines Hamburger CIA-Agenten

Zufällig stieß der deutsche Politikwissenschaftler Stefan Appelius 2005 in Sofia auf den Fall Ohnesorge. Seither recherchierte er in dessen privater Vergangenheit sowie in Unterlagen der DDR und des Auswärtigen Amtes.

Berlin. Dies ist die Geschichte eines Hamburger Tierpräparators, der "James Bond" spielte und sich mit der ostdeutschen Stasi, der amerikanischen CIA und schließlich mit dem bulgarischen Staatssicherheitsdienst anlegte. Und es ist zugleich ein Stück ganz normaler Wahnsinn aus der Welt der Geheimdienste während des Kalten Krieges. Der spektakuläre Freitod des Agenten Bernd Ohnesorge im Gefängnis der bulgarischen Provinzstadt Stara Zagora hätte die ganze Nation aufrütteln sollen - doch bis heute hat niemand davon erfahren. Das Auswärtige Amt ließ den Fall unter den Teppich kehren.

Wie wurde Ohnesorge zum Agenten des Staatssicherheitsdienstes der DDR? Es ging - ganz einfach - um Geld. Seine Eltern waren nach einem Hausbau in die Schuldenfalle geraten, als er selbst noch ein kleiner Junge war. Man zog von einer Wohnung in die andere, doch das Geld reichte einfach nicht. Im Frühjahr 1966 hatte Bernd - damals 22 und nach dem Abitur zum Tierpräparator ausgebildet - die Nase endgültig voll. Inzwischen gab es immer mehr Arbeitslose, und die Zukunftsaussichten schienen düster. Da reifte sein Entschluss, die Staatsbürgerschaft der DDR zu beantragen. Das war kein Einzelfall. So mancher, der mit dem Leben in Westdeutschland nicht zurecht kam, ist diesen Weg gegangen.

Doch im "Arbeiter- und Bauernstaat" hatte man andere Pläne mit ihm. Ein junger Mann aus bürgerlicher Familie und mit Abitur - das schien ein guter Kandidat für die Auslandsaufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit zu sein. Es dauerte nicht lange, da begegneten dem jungen Mann zwei Herren; sie redeten nicht lange um den heißen Brei herum: "Hätten Sie nicht vielleicht Lust, für uns zu arbeiten?" Das sei ganz ungefährlich, er solle nur die Augen offen halten und einige Informationen über die "amerikanischen Imperialisten" liefern. Anschließend - so belegen die Stasi-Unterlagen - schleuste man ihn zurück in den Westen.

Bald darauf erhielt Ohnesorge einen Arbeitsvertrag als Lagerverwalter auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. Am Columbiadamm waren Spezialeinheiten der US-Luftstreitkräfte stationiert, dort residierten auch die westlichen Nachrichtenoffiziere und das "Office of Special Investigation". Doch Bernd Ohnesorge enttäuschte seine Auftraggeber in Ostberlin: Statt zu spionieren, verlegte er sich aufs Fabulieren. Es dauerte nicht lange, und er wurde wegen "Dekonspiration und Unehrlichkeit" aus den Gehaltslisten der Stasi gestrichen.

Im Frühjahr 1969 ist Bernd Ohnesorge wieder zu seinen Eltern gezogen, die mittlerweile in der Nähe von Lüneburg lebten. Er heiratete, wurde Vater. Doch die Ehe ging in die Brüche. Überhaupt klafften Anspruch und Wirklichkeit in seinem Leben weit auseinander. In seinem Exemplar des "Bonner Almanach 1972" steckt noch immer ein kleiner vergilbter Zettel als Lesezeichen: "Das Bundessozialhilfegesetz gibt demjenigen, der sich nicht selbst helfen kann und die erforderliche Hilfe nicht von anderer Seite erhält, grundsätzlich einen Rechtsanspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt", heißt es an einer markierten Stelle.

Inzwischen wohnte Bernd Ohnesorge in Hamburg. Doch auf die Dauer von Sozialhilfe leben? Als gelernter Tierpräparator würde er kaum auf einen grünen Zweig kommen. Arzt müsste man sein wie sein Patenonkel, den er heimlich bewunderte. Aber war ein Tierpräparator nicht schon ein halber Gerichtsmediziner? Gesagt, getan: Bernd Ohnesorge büffelte einige medizinische Fachbegriffe und legte sich dann kurzerhand selbst einen Doktortitel zu. Als er Ende 1980 noch einmal heiratete, nannte er sich "Stabsarzt". Irgendwann muss er selbst geglaubt haben, Gerichtsmediziner zu sein. Jedenfalls bewarb er sich im Pathologischen Institut des Universitätsklinikums Eppendorf um einen Job. Inzwischen war sein Vater verstorben, wodurch sich seine finanzielle Misere noch verschärfte. Und auch seine zweite Ehe war mittlerweile geschieden.

Jetzt erinnerte er sich an das leicht verdiente Geld, das er von der Stasi erhalten hatte. Ohnesorge wandte sich in Westberlin an CIA-Mitarbeiter. Die Geschichte, die er ihnen auftischte, muss einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Jedenfalls wurde der chronisch klamme Hamburger im Frühjahr 1983 kurzerhand in die USA geflogen. Die CIA hatte kurz zuvor mit William Casey einen neuen Direktor erhalten. Der Vertraute von Präsident Ronald Reagan war gerade dabei, die nachrichtendienstlichen Aktivitäten der Amerikaner erheblich auszuweiten.

Damals wurde der Plan geboren, den "Gerichtsmediziner" Ohnesorge in die Volksrepublik Bulgarien einzuschleusen. Zunächst musste man den adretten Hamburger mit einer gleichaltrigen Bulgarin in Verbindung bringen, von der man in Washington wusste, dass sie als Pathologin arbeitete. Sie würde im September 1983 auf Einladung des Schweizer Pharmakonzerns Ciba Geigy an einer Konferenz in Hamburg teilnehmen. Durch eine Verbindung ihres Agenten zu dieser Frau wollten die Amerikaner in Kontakt zu einem hohen Offizier im bulgarischen Verteidigungsministerium kommen, um diesen anzuwerben. Der Plan ging tatsächlich auf: Lilia (Name geändert), Mitglied der Kommunistischen Partei, kam nach Hamburg, lief "Dr. Ohnesorge" über den Weg. Sie fand Gefallen an ihm. Nach ihrer Rückkehr auf den Balkan versicherte sie ihm in Briefen ihre Liebe und die Sehnsucht nach einem Wiedersehen.

Darauf musste sie nicht lange warten. Schon bald stand Bernd Ohnesorge vor der Tür. Mit einem druckfrischen Reisepass in der Tasche - ohne die verräterischen US-Einreisestempel, die sein alter Pass enthalten hatte.

Am 2. Februar 1984 kehrte er nach Deutschland zurück. Seine Maschine landete auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld. Er stieg aus und ging wie die anderen Reisenden zum Grenzkontrollposten. In der Warteschlange stehend, brach er plötzlich zusammen. Die ostdeutschen Grenzer hielten es für einen Herzanfall und riefen einen Krankenwagen. Oder war es nur ein Täuschungsmanöver, um von brisanten Dokumenten in seinem Gepäck abzulenken?

Zwei Monate später, am Mittag des 6. April 1984, flog Ohnesorge erneut nach Bulgarien, und er nahm wieder die günstigste Verbindung, von Schönefeld aus. Er wollte ein Zimmer im Grand Hotel in Sofia beziehen und später nach Varna reisen, gab er in seinen Reisepapieren an. Am Schwarzen Meer kam Ohnesorge dann offenbar ins Grübeln. Was hielt ihn überhaupt in Deutschland? Wäre es nicht viel einfacher, in Bulgarien zu bleiben und gemeinsam mit Lilia einen neuen Anfang zu wagen? Viel Zeit, von einem neuen Leben zu träumen, blieb ihm allerdings nicht. Das Pärchen wurde schon längst vom bulgarischen Staatssicherheitsdienst überwacht. Und dann klickten die Handschellen.

Man schaffte den Westdeutschen nach Sofia. Tagelang wurde Ohnesorge im Innenministerium von den Vernehmungsbeamten in die Mangel genommen. Dabei kamen erstaunliche Dinge heraus. Er sei Mitglied der Baader-Meinhof-Bande und stehe mit mehreren in der Bundesrepublik steckbrieflich gesuchten Linksterroristen in Verbindung, erklärte er. Auch seine Zugehörigkeit zur CIA gestand er ein - Leugnen wäre angesichts der brutalen Verhörmethoden wohl auch zwecklos gewesen. Ohnesorge erklärte, dass sich im Zimmer 878 des Westberliner Luxushotels Intercontinental regelmäßig Agenten der CIA mit ihren Kollegen vom Bundesnachrichtendienst (BND) träfen. Außerdem nannte er die Namen mehrerer SPD- und CDU-Politiker, die er als BND-Agenten bezeichnete.

Der Prozess vor einem Sofioter Militärgericht war streng geheim und endete im April 1985 mit einer drakonischen Haftstrafe für Bernd und Lilia. Der Hamburger sollte die nächsten 15 Jahre im Gefängnis verbringen. Bald schon verlegte man ihn aus Sofia in die Provinz. Er war der einzige Ausländer in der berüchtigten Strafanstalt von Stara Zagora. Anfangs hoffte er noch, die Amerikaner würden ihn herausholen. Er wagte es sogar, die berüchtigten Zwangsbulgarisierungen des Regimes als Völkermord zu bezeichnen - was ihn prompt in die Dunkelhaft brachte.

Dann begann sich sein physischer und psychischer Zustand kontinuierlich zu verschlechtern. Ohnesorge trat in Hunger- und Durststreiks. Doch niemand schien sich für seine Lage zu interessieren. Die Begründung seines Urteils hat er nie erfahren. Später haben die Bulgaren dann einen Brief der Deutschen Botschaft abgefangen, in dem die Übersetzung des Urteils lag. Es kam - natürlich - auch keines der Schreiben an, die er aus der Zelle an Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker schrieb.

Ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft namens Stefan Kobsa hat Ohnesorge Weihnachten 1986 in der Haftanstalt besucht: "Er sprach davon, dass er Angst habe, nicht mehr lebend aus dem Gefängnis herauszukommen. Er sprach von Psychoterror, den das Wachpersonal und Mitgefangene auf ihn ausübten. Bei der Verabschiedung am Ende des Haftbesuchs brach Herr O. sogar in Tränen aus", notierte Kobsa in einem internen Bericht.

Auch die CIA scherte sich nicht sonderlich um das Schicksal eines ihrer Agenten, der der Gegenseite ins Netz ging - erst recht nicht, wenn er kein US-Bürger war. Das musste auch Bernd Ohnesorge erfahren. Im Sommer 1987 teilte die US-Botschaft in Sofia ihren deutschen Kollegen mit, von Plänen für einen Austausch des Hamburgers sei "nichts bekannt". Man sei natürlich an Informationen über die Lage des Deutschen interessiert. Möglichkeiten, auf dessen baldige Haftentlassung hinzuwirken, gebe es aber nicht

Ein paar Monate später, am Vormittag des 15. Dezember 1987, klingelte das Telefon in der Konsularabteilung der Bundesrepublik Deutschland in Sofia. Der Anruf löste hektische Aktivitäten aus. Wenige Stunden später erhielt Außenminister Genscher ein chiffriertes Fernschreiben: Ohnesorge hatte sich im Gefängnis mit Reinigungsflüssigkeit übergossen und angezündet. Zwei Tage später war der Deutsche tot. Zur Obduktion der Leiche wurde auf Wunsch der Bulgaren ein Gerichtsmediziner aus Bonn eingeflogen. Anschließend wurde die Leiche des Deutschen mit einer bulgarischen Regierungsmaschine nach Hamburg gebracht. Vier Wochen später kam der CIA-Agent auf dem Zentralfriedhof in Lüneburg unter die Erde, ohne dass die Öffentlichkeit auch nur ein Wort über den Vorfall erfuhr.

Im Mai dieses Jahres hat die Deutsche Botschaft in Sofia offiziell beim bulgarischen Außenministerium angefragt, ob man den Urteilstext gegen den Deutschen denn zumindest jetzt beschaffen könne. Von einer Antwort der Bulgaren ist nichts bekannt. Auch der frühere Botschaftsmitarbeiter Stefan Kobsa will sich zum Fall Ohnesorge nicht äußern. Der Mann hat freilich ganz andere Gründe: Kobsa ist mittlerweile Referatsleiter "Geheimschutz" im Auswärtigen Amt.

\*Dr. Stefan Appelius ist apl. Professor für Politikwissenschaft an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und lebt in Berlin.

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