Neue Studie: Forscher belegen, dass sich Risikobereitschaft und Vertrauen von Eltern auf Kinder übertragen

Wagemut - die Kraft, die in der Familie steckt

Erfolg ist "erblich": Was sich aus den Daten Zehntausender Personen schließen lässt, zeigen beispielhaft bedeutende Künstler, Politiker und Sportler.

Hamburg. Der Engländer Damon Hill, Formel-1-Weltmeister von 1996, ist der Sohn des legendären Graham Hill, Titelträger 1962 und 1968, und schmückte wie der Vater den Helm mit den schwarz-weißen Farben des Londoner Rowing-Clubs. Der finnische Formel-1-Pilot Nico Rosberg folgt den schnellen Spuren seines Vaters Keke, der 1982 Weltmeister war - mit dem gleichen Williams-Rennstall, für den auch der Sohn fährt. Jetzt wartet der Motorsport auf Mick, den siebenjährigen Sohn des siebenfachen Weltmeisters Michael Schumacher: Rennbenzin, scheint es, vererbt elterliche Eigenschaften wie Muttermilch.

Zwei Charakterzüge der Champions stechen dabei besonders hervor: Risikofreude und Vertrauen zu den Mitmenschen, etwa den Monteuren. Genau diese beiden Eigenschaften aber, das zeigt jetzt eine neue Studie in verblüffender Deutlichkeit, wandern in der Familie von Generation zu Generation weiter.

"Wir haben untersucht, ob zwei grundlegende Determinanten der Entscheidungsfindung - nämlich die Bereitschaft, etwas zu riskieren, und die Bereitschaft, anderen zu vertrauen - von den Eltern auf die Kinder übergehen", sagt Armin Falk, einer der vier Autoren der Studie. "Und wir haben eine starke, signifikante und robuste Korrelation festgestellt: Es gibt Menschen, denen keine Buckelpiste zu steil ist, die ihr Geld aber lieber sicher in Bundesschatzbriefen anlegen - und dasselbe Risikoprofil findet sich dann überdurchschnittlich oft auch bei ihren Kindern."

Die Studie mit dem Titel "The Intergenerational Transmission of Risk and Trust Attitudes" (Die Weitergabe von Risiko- und Vertrauensverhalten zwischen den Generationen) kommt aus dem der Universität Bonn angeschlossenen Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Falk und drei weitere Wissenschaftler werteten Daten des "German Socio-Ekonomic Panel" aus, das seit 1984 jedes Jahr rund 22 000 Personen im Alter von über 17 Jahren aus 12 000 deutschen Haushalten befragt - gleich, ob die Kinder noch im Haushalt der Eltern leben oder nicht.

Die Resultate bieten nach Ansicht der Wissenschaftler eine gute Erklärung dafür, warum Kinder erfolgreicher Eltern es so oft ebenfalls weit bringen (wobei wie immer auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen): "Jede ökonomische Entscheidung beinhaltet Risiken", sagt Falk, "und jedes Geschäft ist zum Teil Vertrauenssache. Die ererbten Charaktereigenschaften können daher mitentscheidend für den ökonomischen Erfolg sein." Das gelte vor allem bei risikobehafteten Entscheidungen wie Aktienkauf oder Immobilienerwerb.

Doch werteten die Forscher nicht nur Entscheidungen in Finanz-Angelegenheiten, sondern auch auf vier anderen Gebieten aus, auf denen die Ergebnisse mindestens ebenso aussagekräftig sind: Autofahren, Sport und Freizeit, Karriere, Gesundheit.

Die erste Frage lautete: "Sind Sie generell jemand, der gern etwas riskiert, oder versuchen Sie Risiken lieber zu vermeiden?" Totale Risikoscheu ergab null, absolute Risikofreude zehn Punkte. Eine andere hieß: "Sie haben 100 000 Euro im Lotto gewonnen. Ihre Bank schlägt eine Geldanlage vor: Sie können den Gewinn in zwei Jahren verdoppeln, aber auch die Hälfte davon verlieren. Wie viel legen Sie an - 20 000, 40 000, 60 000, 80 000, 100 000 Euro oder gar nichts?"

Zum Thema Vertrauen ließen die Interviewer drei Aussagen bewerten: "Grundsätzlich kann man den Menschen vertrauen", "Heutzutage kann man niemandem mehr trauen" und "Im Umgang mit Fremden ist es besser, vorsichtig zu sein, bevor man ihnen vertraut". Es waren je vier Antworten möglich: Völlige und teilweise Zustimmung, völlige und teilweise Ablehnung.

Die IZA-Ergebnisse finden sich in vielen Beispielen aus allen Berufen bestätigt, in der Politik besonders augenfällig im Vergleich der Väter und Söhne: Die US-Präsidenten George H. W. Bush und George W. Bush gingen gegen den gleichen Feind im gleichen Land das gleiche hohe Risiko ein und vertrauten dabei auf die gleichen Berater. Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi wiederum, Sohn des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi (1902-1945), wagte 1987 in der Bürgerkriegsstimmung um die Hafenstraße einen einsamen Weg, den selbst seine Partei ungern mitgehen wollte, und riskierte damit das Ende seiner Karriere. Er folgte dabei aber einem Gefühl für Humanität und ein höheres als das staatliche Rechtsgut, das er mit denen teilte, die ihm wirklich nahestehen und deren Rat er am meisten vertraute.

Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker riskierte einiges, als er 1947-1949 für seinen in Nürnberg als Kriegsverbrecher angeklagten Vater eintrat, aber auch, als er 1966 aus gut dotierter Position in der Wirtschaft in die Politik wechselte, und erst recht, als er gegen Feind und Parteifreund ins Amt des Bundespräsidenten strebte. Auch Ernst von Weizsäcker (1882-1951) hatte viel gewagt, als er in Hitlers Außenministerium und sogar in die NSDAP eintrat, weil er nur so hoffen konnte, noch etwas gegen den drohenden Krieg zu bewirken - die vermeintliche Nähe zum Nazi-Regime trug ihm eine Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel aus der Geschichte bieten die beiden britischen Premierminister Pitt: William d. Ä. (1708-1778) und sein Sohn William d. J. (1759-1806) legten sich mit König und Kabinett an, wurden entmachtet und zurückgeholt, beschimpft und gepriesen, blieben ihren Parteien und Positionen aber zeitlebens treu und gelten als die eigentlichen Schöpfer des Britischen Empire.

Der Mut, sich selbst und anderen zu trauen, vererbt sich indes ebenso auf Töchter: Indiens Indira Gandhi (1917-1984) folgte ihrem Vater Jawaharlal Nehru (1889-1964) in das gefährliche Amt des Premierministers und starb bei einem Attentat. "Bei der Weitergabe von Risiko- und Vertrauensbereitschaft an die nächste Generation spielen Geschlechtsunterschiede keine Rolle", sagt IZA-Forscher Falk.

In der Wirtschaft stehen Versandhausgründer Werner Otto und die Söhne Michael und Frank für die Kontinuität familiärer Eigenschaften: Der Vater verteilte Flugblätter gegen Hitler, musste dafür ins Gefängnis und baute nach dem Krieg mit großem unternehmerischen Wagemut eine der weltgrößten Handelsgruppen auf. Sohn Michael suchte neue Lösungen für die Umwelt und neue Geschäfte im Internet, Sohn Frank wagte ganz eigene Wege und wurde ein Pionier des deutschen Privatfunks.

Als Schauspieler erbte Götz George die Traute seines Vaters Heinrich George (1893-1946): Wie der Vater scheut auch der Sohn keine Herausforderung, wenn es um die Kunst geht. Bei mehreren Kindern, so die IZA-Studie, erben meist die Erstgeborenen etwas mehr von der elterlichen Risiko- und Vertrauensbereitschaft. Von den zehn Kindern Charlie Chaplins (1889-1977) etwa gilt die älteste Tochter Geraldine als Haupterbin seines stets auf Neues bedachten künstlerischen Wagemuts.

Doch was bringt dieses Wissen über die Weitergabe bestimmter Eigenschaften an die Kinder? "Dank unserer Forschungsergebnisse lassen sich möglicherweise grundlegende Mechanismen der kulturellen Anpassung und der sozialen Mobilität besser verstehen", meint Falk. Denn Risiko und Vertrauen sind die zwei Seiten jener Münze, mit der nicht nur die Familie, sondern auch die Gesellschaft Fortleben und Fortschritt finanziert.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.