Der sprechende Affe

SENSATION Wissenschaftler entdeckten: Bonobo "Kanzi" ist der erste Affe, der eine eigene Sprache entwickelt hat.

Claudia Lord

London

Ist Zwergschimpanse "Kanzi" vielleicht der erste Beweis für den "missing link" - die bisher vergeblich gesuchte evolutionäre Verbindung zwischen Tier und Mensch? In jedem Fall eine tierische Sensation: Der 22 Jahre alte Affe hat seine eigene Sprache entwickelt und kann sogar einfache Steinwerkzeuge herstellen - ohne dass ihm dies zuvor beigebracht wurde. Das berichtet das angesehende Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Seit seinem ersten Lebensjahr lebt "Kanzi" unter Menschen, hat über ein Sprachprogramm, das für seine Adoptiv-Mutter Matata entwickelt worden war, Zeichen, Sprache und Symbole sozusagen schon mit der Muttermilch aufgesogen. Doch jetzt verkündeten die Wissenschaftler der US-Universität von Georgia in Atlanta die bisher größte Entdeckung: "Kanzi" bildet eigene Laute, die für bestimmte Begriffe stehen. Seine Sprachtrainer Jared Taglialatela und Sue Savage-Rumbaugh konnten die "Worte" Banane, Saft, Trauben und Ja heraushören.

Dafür werteten sie insgesamt 100 Stunden Videomaterial aus, auf dem "Kanzi" mit den Wissenschaftlern kommuniziert. Dafür bekam der Zwergschimpanse (von allen Affen sind die Bonobos mit dem Menschen genetisch am engsten verwandt) über Kopfhörer Worte oder sogar ganze Sätze vorgesprochen, auf die er reagieren musste.

"Kanzis" Sprachschatz umfasst sagenhafte 500 Wörter, zu denen er nahezu fehlerfrei die entsprechenden Bildtafeln findet. Wenn der Affe Banane hörte, zeigte er auch unter Hunderten zur Auswahl stehenden Bildchen auf die gelbe Frucht. Und brummte anschließend seinen eigenen Laut, der für Banane stand. "Wir haben ihm das nicht beigebracht. Er hat es von sich aus getan", erklärt Taglialatela. Außerdem versteht er einfache Sätze wie "Liz wird ,Kanzi' kitzeln", "Wirf den Ball" oder "Gib Kelly eine Möhre" und reagiert entsprechend.

Wissenschaftler in der ganzen Welt waren fasziniert von den Ergebnissen. Primatenforscher Frans de Waal von der Emory-Universität in Atlanta: "Der Affe bildet eigene Laute, um Dinge in seiner Umgebung zu symbolisieren. Das ist etwas ganz Besonderes." Wissenschaftler halten es für unwahrscheinlich, dass "Kanzi" nur die menschliche Sprache nachahmt.

In freier Wildbahn kamen US-Forscher der Duke-Universität in Chapel Hill (North Carolina) zu ähnlich verblüffenden Ergebnissen bei der Beobachtung von Orang-Utans. In den Dschungeln der indonesischen Inseln Borneo und Sumatra wünschen sich die langhaarigen Menschenaffen vor dem Schlafengehen mit einem leisen "Pfft"-Laut eine gute Nacht. Orang-Utans benutzen Blätter als Servietten und Handschuhe, nutzen Stöcke als Werkzeuge oder nehmen sie als Waffe, um damit Insekten zu erlegen.

Nach Erkenntnissen von Forschern Zeichen dafür, dass die Menschenaffen eine Kultur entwickelt ehaben, neue Verhaltensweisen lernen und diese der nächsten Generation weitergeben können. Dies deutet darauf hin, dass die frühen Primaten - darunter die Vorfahren des Menschen - die Fähigkeit zur Erfindung neuer Verhaltensweisen bereits vor 14 Millionen Jahren entwickelt haben, sechs Millionen Jahre früher als bislang angenommen.

Expertin Birute Galdikas im Fachmagazin "Science": "Wenn die Orang-Utans eine Kultur haben, sagt uns das, dass die Fähigkeit zum Entwickeln von Kultur sehr alt ist."

Im Verlauf der Evolution, so Galdikas, "trennten sich die Orang-Utans von unseren Vorfahren und von den afrikanischen Affen vor vielen Millionen Jahren. Die neue Studie deute darauf hin, "dass sie möglicherweise schon vor der Trennung eine Kultur hatten." (SAD/ap/dpa)

Wenn der Affe Banane hört, dann zeigt er auch auf die gelbe Frucht. "Kanzis" Sprachschatz umfasst sagenhafte 500 Wörter.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.