Das Beben traf die meisten im Schlaf

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Die heftigsten Erdstöße seit Jahrhunderten erschüttern Norditalien. Sechs Tote, darunter eine Deutsche

Rom/Ferrara. Panisch stürzten Menschen auf die Straße, viele trugen nur ihren Schlafanzug. Am Morgen stehen Tausende vor den Trümmern ihrer Häuser, manche haben sich in ihre Autos gesetzt - wo sollen sie auch sonst hin? Ein heftiges Erdbeben hat die italienische Region Emilia Romagna erschüttert und große Schäden angerichtet. Die erste Bilanz gestern Abend: sechs Tote, darunter eine Deutsche, die nach ersten Berichten einem von Panik ausgelösten Herzinfarkt erlag, rund 50 Verletzte und 3000 Obdachlose.

Das Beben, dessen Epizentrum 35 Kilometer nordwestlich von Bologna nahe Modena in einer verhältnismäßig geringen Tiefe von fünf Kilometern lag, hatte die Stärke 6,0. Der Zivilschutz erklärte, es sei in der Region das schwerste seit dem 14. Jahrhundert gewesen. Die Erschütterungen, die auch noch in der Toskana und in Südtirol zu spüren waren, rissen die Menschen um 4.04 Uhr MESZ aus dem Schlaf. Bei vier der Toten handelt es sich um Nachtschichtarbeiter, die in ihren Fabriken von Trümmern erschlagen wurden. "Er sollte überhaupt nicht da sein", sagte die Mutter eines der Opfer im Fernsehen. "Er hatte die Schicht mit einem Freund getauscht, der zum Strand wollte." Eine 106 Jahre alte Frau wurde in ihrem Bett von einem herabstürzenden Dachbalken tödlich verletzt. Sie wie auch viele Verletzte wurden Opfer einer Bauweise in der Region, die nicht erdbebengerecht ist. In Finale Emilia konnten die Rettungskräfte indes ein fünfjähriges Mädchen lebend aus den Trümmern ziehen.

Glück im Unglück hatten auch die Menschen in Mirandola. Dort stürzte das Dach einer Kathedrale ein. "Heute Morgen sollten unsere Schulkinder hier ihre erste Kommunion erhalten", sagte ein Priester. "Wenn es dann geschehen wäre, wäre das eine Katastrophe gewesen." Ein Bewohner der Stadt Sant' Agostino berichtete von "Chaos" während der Nacht. "Ich habe mich unter dem Bett versteckt und gebetet", sagte er. Viele Menschen waren dort trotz später Stunde noch auf den Beinen, weil in der Stadt eine "weiße Nacht" gefeiert wurde. Geschäfte und Restaurants hatten noch geöffnet.

Schwer beschädigt sind offenbar viele Gebäude der Umgebung, die - wie die Renaissance-Stadt Ferrara - zum Weltkulturerbe der Unesco gehören. Darunter ist auch eine Burg aus dem 14. Jahrhundert in San Felice Sul Panaro. Türme bekamen Risse, teilweise klafften riesige Löcher in den Fassaden. Dächer von Kirchen stürzten ein.

Emilio Sabattini, Präsident der Provinz Modena, forderte die Regierung in Rom zu raschen Hilfen auf. 3000 Menschen hätten plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf, und jetzt sei auch noch schlechtes Wetter angesagt. In den nächsten Tagen soll es in der Region stark regnen.

Schon in den vergangenen Tagen habe es immer wieder leichte Erdstöße gegeben, berichtet der Sender Rai. Dem habe aber niemand besondere Bedeutung beigemessen. In Italien sind Erdstöße nicht außergewöhnlich.

Wissenschaftler des Potsdamer Geoforschungszentrums zeigten sich indes überrascht von der Stärke dieses Bebens. "Italien ist insgesamt gesehen stets von Erdbeben bedroht. Es gibt jedoch Regionen, wo das Erdbebenrisiko geringer ausfällt", sagte der Geophysiker Winfried Hanka. Hierzu zähle eigentlich auch die Region Emilia Romagna in der Po-Ebene. Diese sei tektonisch stabiler. Zwar seien an den Rändern der Ebene Erdbeben möglich, träten nur nicht so häufig auf. Der jetzige Erdstoß bewege sich von der Stärke her jedoch am oberen Ende und ist laut Hanka in der Region "eher ungewöhnlich". Das Beben sei fast so stark gewesen wie das von Aquila. Am 6. April 2009 hatte ein Erdstoß der Stärke 6,2 die Stadt in den Abruzzen erschüttert und 300 Menschen getötet. Im Unterschied zu Aquila habe diesmal das Zentrum des Bebens nicht unter einer Stadt gelegen, so der Geoforscher. Sonst wären wahrscheinlich noch mehr Opfer zu beklagen gewesen.

Die Ursache für die stetige Erdbebengefahr in Italien sei die nach Norden drückende afrikanische Erdplatte. Pro Jahr bewege sich diese bis zu einem Zentimeter in Richtung Europa und presse dabei Italien wie einen Sporn in den europäischen Kontinent, erklärte Hanka. Auf diese Art und Weise hätten sich über die Jahrtausende auch die Alpen als eine Art Knautschzone aufgefaltet. Auch von Osten kommt von der Adriatischen Platte Druck. Dieser habe den Apennin aufgefaltet. Von Westen drücke die europäische Platte, auf der auch Korsika liegt.

Gestern Nachmittag erschütterte ein Nachbeben der Stärke 5,1 die betroffene Region. Weitere Gebäude stürzten ein. Ein Teil des Rathauses von Sant' Agostino di Ferrara, das schon bei dem vorangegangenen Beben am frühen Morgen beschädigt worden war, wurde zerstört. In der Stadt Finale Emilia brach ein Kirchturm ein.

Papst Benedikt XVI. sagte in seinem Sonntagsgebet auf dem Petersplatz in Rom, er fühle sich den Betroffenen "spirituell nahe", und bat die Menschen, für die Toten und Verletzten im Erdbebengebiet zu beten.

Weitere Fotos vom Erdbeben unter abendblatt.de/italien-erdbeben

( (dpa, dapd) )