Streit um versunkenen Schatz

Lesedauer: 5 Minuten
Ulli Kulke

In Abstimmung mit britischer Regierung birgt ein US-Unternehmen die "Victory". Forscher beklagen dies als "Plünderei"

London. Es war das größte Schiff seiner Zeit im 18. Jahrhundert: die englische "HMS Victory" - "Her Majesty Ship". 1150 Mann Besatzung, 53 Meter lang, mehr als 3000 Tonnen schwer. Die "Victory", Flaggschiff der britischen Marine, kenterte unter dem Kommando von Sir John Balchen 1744 im Sturm im Ärmelkanal. Niemand überlebte. Der Untergang gilt als das schlimmste Schiffsunglück in britischen Gewässern. An Bord befanden sich 100 000 Münzen, fünf Tonnen schwer, darunter 400 000 Pfund Sterling, umgerechnet heute rund eine halbe Milliarde Euro.

Um die Bergung des Schiffes gibt es einen erbitterten Streit: zwischen der britischen Regierung, dem auf Schatztaucherei spezialisierten US-Unternehmen Odyssey Marine Exploration und der Zunft der britischen Archäologen. Es war schon eine Sensation, als im Februar 2009 die Nachricht um die Welt ging, die "Victory" sei gefunden. Odyssey sei dem Dreimaster auf dem Meeresgrund auf die Spur gekommen, in etwa 100 Meter Tiefe, irgendwo zwischen den Kanalinseln und der französischen Hafenstadt Cherbourg. Der Fundort war 100 Kilometer von der Stelle entfernt, an der bisher der Untergang vermutet worden war.

In Abstimmung mit dem Londoner Verteidigungsministerium untersuchte Odyssey seither das Wrack, brachte zunächst zwei Bronze-Kanonen vom Kaliber 20 Zentimeter an die Oberfläche. Laut Odyssey sollen es die einzigen Schiffsgeschütze dieser Art "auf dem trockenen Land" sein, versehen mit dem Wappen von König George II., was das Unternehmen als Beweis dafür sah, dass man tatsächlich die Überreste der "Victory" aufgespürt habe.

Jetzt schlugen britische Archäologen unter Führung des Wissenschaftlers Lord Colin Renfrew aus Cambridge Alarm: Das Verteidigungsministerium habe mit Odyssey einen Vertrag geschlossen, laut dem das Unternehmen das Wrack ausbeuten und im Gegenzug einen bestimmten Anteil an den Funden behalten dürfe. Vor allem Letzteres erzürnt die Forscher: "Das widerspricht der Unesco-Konvention und insbesondere dem Anhang, nach dem das kulturelle Erbe unter Wasser nicht für private Zwecke ausgebeutet oder verkauft werden darf", macht der Lord geltend - und rückt das Unternehmen in die Nähe des Kriminellen: "Fundstücke zu heben, um sie zu verkaufen, ist nichts als Plünderei." Parlamentarische Anfragen und ein Prozess stehen der Regierung nun ins Haus.

Die Firma Odyssey machte schon häufiger Schlagzeilen nach spektakulären Unterwasserfunden. Im Februar verurteilte ein Gericht in Florida die professionellen Schatzsucher dazu, 17 Tonnen Gold und Silber aus der spanischen Fregatte "Nuestra Señora de las Mercedes", die 1804 vor der portugiesischen Küste gesunken war, komplett an die Regierung in Madrid abzuführen. Bergungs- und Lagerkosten? Werden nicht erstattet. Geschätzter Wert: 380 Millionen Euro. Im September 2011 teilte Odyssey mit, das Wrack des britischen Frachtschiffs "Gairsoppa" gefunden zu haben, das 1941 mit 240 Tonnen Silber an Bord von einem deutschen U-Boot versenkt worden war. Auch hier hat die britische Regierung, die sich als Eigner des Schatzes sieht, der Bergung zugestimmt. 80 Prozent des Fundes darf Odyssey behalten. Für die Schatztaucherei gilt grundsätzlich: Handelt es sich bei einem Fund um ein einst regierungseigenes Schiff, ein Kriegsschiff etwa, so gehört es samt Inhalt dem heutigen Folgestaat. Bei privaten Schiffen gehört es demjenigen, der es findet - und der als Erster etwas davon hebt.

Im Falle der "Victory" liegt für die Briten mehr als "nur" ein hoher Millionenwert auf dem Meeresgrund. Fünf Jahre lang, seit ihrer Fertigstellung 1739, war sie der Stolz der britischen Seestreitkräfte und ist bis heute unvergessen. Auf Balchens Reise, im Unglücksjahr 1744, ging es in einem Verband mit anderen Seglern gegen die Franzosen. Die blockierten vor der Tejo-Mündung bei Lissabon britische Handelsschiffe. Balchen befreite die Landsleute, begleitete ihre Schiffe zu Geschäftsreisen im Mittelmeer, kaperte ein Dutzend französischer Schiffe, hielt sich schadlos an ihnen und ließ die Segel setzen mit Kurs Heimat, weil Proviant und Wasser knapp wurden.

Im Eingang zum Ärmelkanal dann wurde die Flotte von einem heftigen Sturm überrascht. Alle anderen Schiffe konnten sich an die englische Südküste retten. Allein die "Victory" wurde von den Gewalten unter Wasser gedrückt, verschwand auf Nimmerwiedersehen. Immer wieder mal fanden sich in den Folgejahren am Strand der Kanalinseln Reste mit der Inschrift "Vict", hier der Teil eines Mastes, da ein halbes Segel, dort ein abgebrochener Spant. Jetzt, gut 260 Jahre später, könnte auch der Rest auftauchen.