Albtraum im Urlaubsparadies

Neun Menschen starben, 8000 sind obdachlos. Nach dem Erdbeben in Spanien sind weitere Nachbeben möglich

Madrid. Seit Jahrzehnten hatten sich im Urlauberland Spanien keine schweren Erdbeben ereignet. Dabei gehört die Iberische Halbinsel durchaus zu den gefährdeten Gebieten. Im Durchschnitt gib es hier sieben Erschütterungen am Tag. In den meisten Fällen ist nichts davon zu spüren.

In der Region Murcia wurde den Menschen jetzt die immerwährende Gefahr in der Tiefe aber wieder allzu deutlich bewusst. Neun Menschen kamen bei dem Beben der Stärke 5,2 ums Leben, mehr als 290 wurden verletzt. Die Straßen sind mit Trümmern und Steinbrocken übersät. In den Mauern vieler Häuser tun sich weite Risse auf, einige Fassaden sind ganz eingestürzt. Autos sind von Steinen eingedrückt.

Parks und Plätze gleichen in Lorca Flüchtlingslagern

Die Stadt Lorca im Südosten des Landes bietet einen Tag nach dem Erdbeben ein Bild der Zerstörung. Die Parks und Plätze gleichen Flüchtlingslagern. Dort campieren Bewohner, die aus Angst um ihre Sicherheit nicht in ihre Wohnungen zurückkehren wollen. Mehr als 20 000 Bewohner der Stadt, ein Fünftel der Bevölkerung, verbrachten die Nacht im Freien. 8000 Menschen sind obdachlos, wissen nicht, wie es weitergehen soll. "Ich kann ihnen nicht garantieren, dass es keine weiteren Beben geben wird", sagte Bürgermeister Francisco Jódar. "Unsere Stadt sieht aus wie Beirut im Bürgerkrieg."

Am nahe gelegenen Mittelmeer tummeln sich im Sommer die Touristen. Alicante ist keine 100 Kilometer weit. Auch die Hochburgen der Deutschen, die Costa Blanca und die Costa del Sol sind nicht viel weiter entfernt. "Die Gefahr von Erdstößen in dieser Gegend ist offensichtlich", sagte der Geologe Ramón Aragón Rueda der Zeitung "El País". "Im Untergrund gibt es Verwerfungen mit beträchtlichen seismologischen Aktivitäten."

Dennoch löste die Katastrophe in Spanien eine gewisse Überraschung aus; denn wirklich schwere Beben sind ungleich seltener als in den anderen Mittelmeerstaaten. "Auf der Iberischen Halbinsel gibt es eine beträchtliche Aktivität von Erdstößen, denn in diesem Gebiet treffen die Eurasische und die Afrikanische Kontinentalplatte aufeinander", erläutert der Geophysiker Antoni Teixell. In Spanien werden im Jahr 2500 Erdbeben registriert, von denen die allermeisten für die Bevölkerung aber nicht wahrnehmbar sind.

Das Beben von Lorca war also im Grunde keine Überraschung, wohl aber das Ausmaß der Zerstörung. Bei Erdstößen einer Stärke von 5,2 hätte es eigentlich keine Toten geben dürfen, meinte Luis Eugenio Suárez, Präsident des spanischen Geologen-Verbandes. Dass aber doch Menschen starben, lag auf der einen Seite daran, dass das Zentrum relativ dicht unter der Erdoberfläche und nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt lag. Auf der anderen Seite dürften aber auch viele Gebäude der Stadt bauliche Mängel gehabt haben.

Die erste Vorschrift über erdbebensichere Bauten in Spanien stammt aus dem Jahr 1970. Die Gebäude in der Altstadt von Lorca wurden jedoch lange vor dieser Zeit errichtet. Aber auch bei neueren Gebäuden wurde die Gefahr von Erdbeben wohl nicht immer ausreichend berücksichtigt. Offensichtlich wurden Bauvorschriften nicht eingehalten. "Es ist unglaublich, dass in Lorca das Krankenhaus geräumt werden musste, weil Einsturzgefahr bestand", wunderte sich José Luis Barrera vom spanischen Geologenverband. "Solch wichtige Einrichtungen müssen in einem erdbebengefährdeten Gebiet ausreichend gesichert sein."

Soldaten sollen in der zerstörten Stadt bei den Aufräumarbeiten helfen

Die Menschen in Lorca haben indessen ganz andere Sorgen. "Wir haben versucht, die Leute zusammenzulegen, um sie versorgen zu können", sagte Francisco Jódar, Bürgermeister von Lorca, der drei Tage Trauer angeordnet hat. "An meinem Haus ist ein roter Aufkleber, das bedeutet, es ist einsturzgefährdet und ich kann nicht zurück", sagt Paloma Sanz. Derweil mobilisierte Spaniens Premier José Luis Rodríguez Zapatero die Armee. 800 Soldaten und Polizeikräfte waren gestern im Einsatz, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. "Wir werden keine Mittel scheuen, um die Stadt wieder aufzubauen", versprach der Regierungschef, der seinen Wahlkampf unterbrach.

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