Der Kampf gegen die Flut

In Polen starben bislang 15 Menschen. In Brandenburg bereiten sich Einsatzkräfte auf das Hochwasser vor

Frankfurt (Oder). An Weichsel und Oder kämpfen die Menschen bis zum Letzten. Tausende mühten sich gestern in Polen, gebrochene Dämme zu stopfen und Wassermassen von ihrem Hab und Gut abzuhalten. Dutzende Ortschaften waren überflutet. Die Hochwasserlage an der Weichsel nordwestlich der Hauptstadt Warschau verschärfte sich weiter. Bisher starben mindestens 15 Menschen durch die Flut. Die Behörden appellierten an die Betroffenen, gefährdete Häuser rechtzeitig zu verlassen.

Am linken Ufer der Weichsel bei Plock nordwestlich von Warschau wurden am Pfingstwochenende mehr als 20 Ortschaften und viele tausend Hektar Land überflutet. Rund 2000 Feuerwehrleute, Soldaten und zivile Helfer versuchten, einen Riss im Deich wieder abzudichten. Dutzende Tonnen Schutt, aus der Luft abgeworfen, konnten die Wassermassen zunächst nicht stoppen. Tausende Menschen und Tiere mussten deshalb in Sicherheit gebracht werden.

Um weitere Orte zu schützen, sprengte die Feuerwehr an einigen Stellen die Deiche. Die Weichsel soll so dazu gebracht werden, in ihr Flussbett zurückzukehren. Die Situation sei schlimmer als erwartet, sagte Innenminister Jerzy Miller. Auch südlich von Warschau blieb die Lage an der Weichsel stellenweise dramatisch.

Die Gemeinde Wilkow stand von Sonnabend an zu 90 Prozent unter Wasser. Wie auch nahe Plock wollten viele Menschen aus Angst vor Einbrüchen ihre Häuser aber nicht verlassen. Unter Wasser standen weiter auch Teile des Breslauer Stadtteils Kozanow. Mehrere zehnstöckige Wohnblocks und Einfamilienhäuser waren dort am Sonnabend nach Deichbrüchen bis zu zwei Meter hoch überflutet worden. Nun sei die Lage unter Kontrolle, sagte ein Feuerwehrsprecher.

Das Hochwasser in Kozanow löste eine heftige Debatte aus: Die Fläche des Stadtteils war lange als Polder genutzt worden. Erst in den 70er-Jahren wurde sie bebaut. Kozanow hatte bereits während der Flut 1997 schwer zu leiden - trotzdem wurden dort anschließend weitere Hochhäuser gebaut. In Polens Hauptstadt Warschau selbst sank am zweiten Tag in Folge der Wasserstand. Allerdings bestand weiter die Gefahr, dass die durchweichten Deiche nachgeben. 120 Schulen und Kindergärten blieben daher geschlossen, eine sonst viel befahrene Straße am rechten Ufer wurde gesperrt.

Nach Angaben des Hydrometeorologischen Instituts in Warschau bewegt sich der Hochwasserscheitel auf der Oder langsamer als erwartet. In Slubice an der deutsch-polnischen Grenze sei er erst am 28. Mai zwischen 22 und 24 Uhr zu erwarten.

Vielerorts kam es zu Erdrutschen, etliche Häuser, etwa in Lanckorona südlich von Krakau, sind einsturzgefährdet. Über Bierun in Schlesien hänge der Gestank verwesender Tiere, schrieb die Zeitung "Gazeta Wyborcza". Die Schäden könnten nach offiziellen Schätzungen mehr als zehn Milliarden Zloty (2,5 Milliarden Euro) betragen.

Brandenburg blieb über Pfingsten von den anrollenden Fluten der Oder noch weitgehend verschont: Für den Oberlauf des Flusses wurde gestern allerdings die Alarmstufe I ausgerufen. Voraussichtlich morgen werden in Ratzdorf und Eisenhüttenstadt die Richtwerte der Alarmstufe II erreicht. Der Hochwasserscheitel soll gegen Ende der Woche in Brandenburg ankommen. Es wird damit gerechnet, dass sich die Wasserstände dann für einige Tage oberhalb der Richtwerte der zweithöchsten Alarmstufe III einpendeln.

Umweltministerin Anita Tack kündigte für heute einen Besuch im Hochwassermeldezentrum an, um sich über die aktuelle Situation und Vorbereitungsmaßnahmen zu informieren. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte am Freitag die Einrichtung eines Krisenstabs für heute angekündigt. Die Landesregierung zeigte sich zuversichtlich, dass die Deiche, die nach der Jahrhundertflut von 1997 erneuert wurden, dem Druck des Hochwassers standhalten. Dennoch liegen in Beeskow bei Frankfurt/Oder drei Millionen Sandsäcke bereit. Der Schaden durch das Hochwasser vor 13 Jahren hierzulande wurde auf 330 Millionen Euro beziffert.