Dänen schieben Schweden ab

200 Sauftouristen auf die Fähre nach Hause gebracht. Alkoholpreise unterscheiden sich in beiden Ländern erheblich

Kopenhagen. "Halte Dänemark sauber, bring einen betrunkenen Schweden zur Fähre", besagt eine böse Weisheit, die die Vorurteile gegen Schweden belegt. Vorurteil? In der norddänischen Kleinstadt Helsingør, die mit ihrer mächtigen Renaissance-Burg Kronborg am äußersten Ende des Öresunds gelegen ist, wurden am Wochenende gleich 200 betrunkene Schweden abgeschoben.

In puncto Lebensart trennen Helsingør und Helsingborg Welten

Der Sund, der Dänemark von Schweden trennt, ist hier nur fünf Kilometer breit, und gegenüber von Helsingør liegt der verschlafene schwedische Ort Helsingborg. Der Abstand könnte kürzer nicht sein. Aber in puncto Lebensart trennen die beiden Orte Welten. Denn in Helsingør kann nach dänischer Art gefeiert werden. Alkohol wird in jedem Supermarkt und jeder Kneipe angeboten, und man darf sogar ein Bier auf einer Parkbank trinken, ohne dass man aneckt. Für Schweden, die seit fast 100 Jahren an ein strenges Alkoholgesetz gewöhnt sind, gilt Helsingør deshalb als Paradies auf Erden. Eine Flasche Wodka - bei Jugendlichen sehr beliebt - kostet in Schweden zum Beispiel umgerechnet 25 Euro, in Dänemark um neun Euro.

Am Wochenende fuhren 200 jugendliche Schweden mit der Fähre nach Helsingør. Erst bestückten sie sich im Supermarkt mit Alkohol und Essbarem, dann ließen sie sich in der Frühlingssonne vor der Kronborg nieder. Der Alkohol blieb nicht ohne Wirkung, die Jugendlichen wurden immer lauter, einige begannen sich zu prügeln. Die dänische Polizei griff ein und brachte die laute Gruppe vollzählig zur Fähre. Ulrik Linden leitete die Aktion und berichtete anschließend: "Wir haben sie aufgefordert, alle Flaschen und Essensreste einzusammeln, aufzuräumen, und das haben sie wirklich gemacht, bevor wir sie zur Fähre brachten."

"Betrunkene Schweden" sorgen in Dänemark immer wieder für Ärger, manchmal aber auch für Gelächter. So wie 2008, als ein 78-Jähriger sein ganzes Geld in Helsingør für Alkohol ausgegeben hatte und sich kein Fährticket mehr leisten konnte. Kurzerhand stahl er ein kleines Boot und versuchte, damit nach Hause zu rudern. Allerdings schlief er unterwegs ein. Und in Kopenhagen gibt es eine alte, nie bewiesene Geschichte von einem Schweden, der seit Jahren versucht, wieder in die Heimat zu kommen, und dann doch immer wieder am Bier hängen bleibt.

Dänemark hat die Alkoholsteuer gesenkt, Schweden angehoben

Dabei hätte sich die Situation seit Schwedens EU-Beitritt 1995 eigentlich ändern sollen. Anfangs galten zwar für Schweden noch jede Menge Ausnahmeregelungen, aber langsam werden sie dem allgemeinen EU-Recht angepasst. Seit 2004 dürfen Schweden aus anderen EU-Ländern genauso viel Alkohol einführen wie andere EU-Bürger auch. Allerdings haben EU-Nachbarländer wie etwa Dänemark in den vergangenen Jahren die Alkoholsteuer gesenkt und dem allgemeinen europäischen Preisniveau angepasst, in Schweden wurde die Alkoholsteuer erhöht. Das hat paradoxerweise dazu geführt, dass die Schweden heute schätzungsweise 30 Prozent ihres Alkohols im Ausland besorgen. Denn der Kauf ist im eigenen Land nicht nur teuer, sondern auch schwierig. An Jugendliche unter 20 darf überhaupt nichts verkauft werden, Erwachsene müssen in die staatlichen Alkohol-Läden, die "Systembolagen", gehen. In Restaurants gelten von Kommune zu Kommune unterschiedliche und nicht immer ganz logische Regeln. Manchmal reicht es, wenn man ein paar Erdnüsse zu seinem Wein bestellt, ein andermal muss man ein ganzes Essen ordern. Auf jeden Fall will das Land an seiner strikten Alkoholpolitik festhalten.

Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sieht das Alkoholmonopol in Schweden durchaus positiv: "Wenn Preise für Alkohol erhöht, Angebote zeitlich begrenzt werden, lassen sich Schäden durch Alkohol reduzieren."

Im dänischen Öresund-Städtchen Helsingør dürften künftig dennoch mehr "betrunkene Schweden" einfallen. Erst im März wurden in Schweden neue Pläne für ein Tunnelprojekt zwischen Helsingør und Helsingborg vorgelegt. Damit könnte man die fünf Kilometer noch schneller zurücklegen, sogar zu Fuß. Johannes Hecht-Nielsen, Bürgermeister von Helsingør, zeigt keine Berührungsängste: "Die betrunkenen Schweden haben nichts mit der Verkehrsverbindung zu tun, sondern mit dem Wechselkurs!"