Hollywood. Der wichtigste Hashtag des Jahres: Die #meToo-Bewegung zeigt auf erschreckende Art und Weise, wie weitverbreitet sexuelle Gewalt ist.

Brad Pitt. Du Superstar. Deine Freundin wird von einem Produzenten in sein Hotel bestellt, angeblich eine berufliche Besprechung. Doch er befummelt sie, sie weist ihn zurück, er schreit sie an, sie flüchtet, erzählt dir unter Tränen davon, hat Angst, ihren Job zu verlieren, und was machst du?

Als du diesen Mann das nächste Mal zufällig bei einer Premiere triffst, bittest du ihn, er möge dergleichen nicht wiederholen. Er sagt okay, schärft deiner Freundin allerdings ein, Stillschweigen zu bewahren, und dann lächeln alle für die nächsten Jahrzehnte weiterhin glücklich in die Kamera. Einen Oscar für dieses Schauspiel.

Ich meine, Brad Pitt! Du bist doch kein Nobody, du bist vernetzt in Hollywood, du schwimmst in Geld, du hast was zu sagen. Warum sagst du nichts? Wieso legst du keine filmreife Szene hin und trittst dem Widerling die Hoteltür ein? Wieso rufst du ihn zumindest nicht sofort an? Oder deinen Agenten oder – auch eine Überlegung – die Polizei?

Beim nächsten Aufeinandertreffen ein bisschen „Dududu!“ zu machen und einen leichten Klaps aufs Händchen zu geben, das findest du angemessen? Wozu benutzt du deinen hübschen Kopf? Wozu taugen deine extrem definierten Muskeln? Einer deiner coolsten Filme heißt „Fight Club“, aber in Wirklichkeit bist du kein harter Kerl, sondern ein Waschlappen. Selbst jetzt, nachdem deine damalige Freundin Gwyneth Paltrow über ihr furchtbares Zusammentreffen mit dem Filmproduzenten Harvey Weinstein Mitte der 90er gesprochen hat, hört man von dir: nichts.

Nur Frauen waren Manns genug, sich aufzulehnen

Oder Quentin Tarantino. Regisseur des Rache-Epos „Kill Bill“. Auch deine Freundin erzählt dir von Übergriffen. Du hörst noch andere, ähnliche Geschichten, alle aus erster Hand, alle widerlich. Übst du Rache wie deine berühmte Filmfigur? Nein, Vergeltung und Tapferkeit bleiben in Hollywood aufs Kino beschränkt. Gegenüber der „New York Times“ hast du jetzt bestätigt, dass Weinstein „manche dieser Dinge wirklich getan hat. Wenn ich getan hätte, was ich hätte tun sollen, hätte ich nicht mit ihm arbeiten dürfen.“ Hast du aber. Bist sogar weiterhin sehr gut mit ihm befreundet geblieben. Du handelst die ganzen Jahre nicht und wunderst dich jetzt über das Ausmaß der Verfehlungen deines Kumpels. Wenn du früher etwas gesagt hättest, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Tja, Schweigen ist so, wie nicht zur Wahl zu gehen und sich dann zu beklagen, dass die AfD immer stärker wird.

Nur Frauen waren Manns genug, sich gegen den scheinbar übermächtigen Filmboss aufzulehnen. Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette, Lupita Nyong’o, Léa Seydoux, Rose McGowan, Angelina Jolie, Mira Sorvino, Asia Argento – die Liste berühmter Frauen, die Weinstein sexuelle Belästigung vorwerfen, ist in den vergangenen zwei Wochen immer länger geworden. Zum Oralsex gezwungen, zum gemeinsamen Duschen gedrängt, die Hand zum erigierten Penis geführt, zur Massage aufgefordert, an die Brüste gepackt.

Schauspielerin hatte Anzeige erstattet

Inzwischen ermittelt die Polizei wegen Vergewaltigung gegen den 65-Jährigen. Eine italienische Schauspielerin hatte Anzeige erstattet; und Vergewaltigung fällt anders als die meisten anderen Vorwürfe nicht unter die Verjährungsfrist. Da hilft auch nicht der prall gefüllte Topf an Entschädigungsgeld, den The Weinstein Company (TWC) jahrzehntelang nutzte, um sich freizukaufen.

Würde sich diese Horrorstory auf die Filmbranche beschränken, dann wäre es schon tragisch genug. Doch triebgesteuerte Harveys trifft man überall, die Besetzungscouch – bereits das Wort stellt eine Verniedlichung dar – gibt es in vielen anderen Branchen. Eindrücklich bewiesen hat dies die Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #meToo (ich auch). Die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano hatte dazu aufgefordert, von eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen zu berichten. Zehntausende haben sich seitdem getraut, ihre Scham zu überwinden und sich als Opfer zu outen.

Man fürchtet sich inzwischen schon, Twitter oder Facebook zu öffnen aus Angst, eine weitere Bekannte könnte #meToo schreiben. Die Einschläge kommen näher.

Es ginge zunächst einmal nicht um einen politischen Protest, sondern darum aufzuzeigen, dass sexuelle Gewalt zum Alltag vieler Geschlechtsgenossinnen gehöre, sagt Alyssa Milano: „Es passiert Frauen an der Wall Street, Frauen im Krankenhaus, es passiert Pflegerinnen, Frauen, die die Straße entlang laufen. Ich selbst wurde schon so oft belästigt, dass ich schon gar nicht mehr mitzählen kann.“

Jungs, es geht hier um eure Ehefrauen, um eure Töchter!

Die Solidarisierung entfaltet eine erstaunliche Kraft, und sie könnte vielleicht einen entscheidenden Schub in der Anti-Sexismus-Bewegung darstellen, erlebte man nicht auch hier: das Schweigen der Männer. Es sind vor allem Frauen, die die Diskussion führen, nur wenige Männer scheinen sich bislang für das Thema zu interessieren. Jungs, begreift ihr es denn nicht? Es geht hier um eure Freundinnen, um eure Ehefrauen, um eure Töchter!

Äußert sich dann doch mal ein Mann wie etwa der Autor Norbert Körzdörfer, dann sind seine Artikel anachronistisch und am Thema vorbei. Das Problem negierend schreibt Körzdörfer in einer Zeitungsserie über den Fall Weinstein gewohnt unterhaltsam von einer Sex- Anek­dote zur nächsten; doch was hat einvernehmlicher Geschlechtsverkehr mit gewaltsamen Übergriffen zu tun? Missbrauch ist keine Form von Sex.

Harvey Weinstein (l.) und Brad Pitt
Harvey Weinstein (l.) und Brad Pitt © Getty Images

„Hollywood war immer Penis-fixiert“ heißt es in einem der Texte, und Weinstein sei „eine geniale Sau“. Das klingt wie eine Rechtfertigung. Solange jemand Kassenschlager produziert, darf er sich ruhig wie ein Schwein benehmen. Macht nichts. Je erfolgreicher, desto immunisierter.

Aber wir sind hier nicht mehr im Mittelalter beim „Recht der ersten Nacht“. Das Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte beschreibt dieses Herrenrecht als „Privileg des Grundherrn auf Beiwohnung in der Brautnacht einer Grundhörigen“. Anders formuliert: Der Boss durfte die Frauen in seinem Reich vergewaltigen. Das waren noch Zeiten.

In der Realität vorbei, doch in vielen TV-Serien werden die alten, ungerechten Geschlechterverhältnisse weitergeführt. „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ beispielsweise – hoffentlich rührt der Erfolg dieser preisgekrönten Formate nicht daher, dass die Mächtigen hier so richtig die Sau rauslassen dürfen. Dass sich Mann gerne anguckt, was man sich als Mann einst erlauben durfte. Jede Woche eine neue Sekretärin flachlegen oder der Mitarbeiterin auf den Po hauen, was für ein Spaß.

Der gesellschaftliche Fortschritt hat die Männerdomäne Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Frauen dürfen ebenbürtige Positionen einnehmen, womit nicht jeder umgehen kann. Einige Männer empfinden die Stärke der Frau anscheinend als persönlichen Bedeutungsverlust und versuchen, das Machtgefälle auf andere Art und Weise zu zementieren. Männlichkeit in ihrer giftigsten Form. Heute laufen Übergriffe daher subtiler ab, aussterben werden sie nie, da hilft auch kein Hashtag.

Ob den Weinsteins der Welt gar nicht bewusst ist, dass sie mit ihren scheinbaren Machtdemonstrationen das Gegenteil bewirken? Armselig, wenn das eigene Ego nur durch Herabwürdigung eines anderen sichtbar wird. Oder diese verzweifelten Versuche, die eigene Männlichkeit zur Schau zu stellen: Was sollen diese ganzen Fremdgehereien, die wir am Rande mitbekommen und manchmal wohl auch mitbekommen sollen? Niemand denkt dann: Was für ein toller Hecht. Sondern: peinliches Alphamännchen. Es ist erstaunlich, wie viele Männer ihr Ansehen schon durch ihre Libido zerstört haben. Bill Clinton. Dominique Strauss-Kahn. Silvio Berlusconi. Juan Carlos.

Es tritt an: Team Anstand gegen Team Arschloch

Wir sollten in diesem Punkt dankbar sein, eine Frau an der Spitze unseres Staates zu wissen. Geschlossenes Jackett statt Offene-Hose-Mentalität. Wer weiß, wie es Deutschlands Frauen mit einem Kanzler vom Typ Brüderle („Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“) ginge. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Umso erstaunlicher, dass Harvey Weinstein ausgerechnet in der Ära Donald Trump („Greift ihnen zwischen die Beine“) zu Fall gebracht wurde. Weinstein und Trump, die US-Vorstände im Club der Frauenverachter.

Doch auch wir Frauen machen vieles falsch. Zum einen sind wir leider genauso gut im Ausnutzen von Macht. Die schlimmsten Herabwürdigungen im persönlichen Bekanntenkreis der Autorin gingen von Frauen aus. Neid und Missgunst können eine ähnlich desaströse Wirkung entfalten wie ungezügelte Begierde. Deshalb sollte man die #meToo-Aktion keineswegs als reinen Kampf der Geschlechter verstehen. Es geht nicht darum, Männer gegen Frauen auszuspielen. Es tritt an: Team Anstand gegen Team Arschloch. Und wie sein Artikel schon zeigt, ist das Arschloch geschlechtsneutral.

 Harvey Weinstein und Quentin Tarantino
Harvey Weinstein und Quentin Tarantino © REUTERS

Zum anderen haben wir den Feminismus schleifen lassen, ihn ad acta geschoben und selbst nicht mehr ernst genommen. Wer von uns will schon Emanze sein? Die bissige Köter-Attitüde passt ganz schlecht zu unseren schicken High Heels. Der Feminismus braucht ein neues Image und neue Vorstreiterinnen. Eher Frauen wie Sophia Thomalla als weitere Alice Schwarzers.

Männer sind herzlich eingeladen, ebenfalls Feministen zu werden. Der Autor Peter Huth macht es vor. Er schreibt, so lange Frauen das Gefühl hätten, die ganze Welt sei für sie eine Besetzungscouch, so lange seien wir den patriarchalischen Gesellschaften erschreckend nahe: „Ein reines Männerproblem. Und lösen können es nur Männer.“ Kluger Junge.