Journalistin und Autorin

Wibke Bruhns: Immer für eine Nachricht gut

Am Anfang war sie allein unter Männern: Seit mehr als 40 Jahren hat Bruhns als Journalistin die Welt erklärt. Jetzt erklärt sie ihr Leben.

Berlin. Wibke Bruhns mag Weite. Sie hat immer gern mit Ausblick gewohnt, in ihrer Korrespondentinnenzeit in Jerusalem etwa auf dem Mount Scopus, später im Elsass mit freier Sicht auf das Hügelland. Jetzt guckt sie von ihrem Schreibtisch über eine Dachterrasse nach Süden in den Himmel über Berlin-Charlottenburg.

Eine Frau, die den Überblick behalten möchte. Das trainiert man sich wohl an als Gesellschafts- und Politikbeobachterin. Jetzt hat sie sich einen Überblick über ihr eigenes Lebens verschafft. "Nachrichtenzeit" heißt ihr neues Buch, das heute erscheint, ihre "unfertigen Erinnerungen". Wie eine Pensionärin wirkt die 73-Jährige nicht. Sie verfolgt mit Verve die unfertige Berliner Politik, etwa die Kür des künftigen Bundespräsidenten. "Joachim Gauck ist eine gute Wahl", sagt sie, "aber die Bundesregierung wird sich noch wundern. Er ist ja ziemlich sperrig. Der wird sich nicht unterbuttern lassen." Mit Neuanfängen und dem Sich-nicht-unterbuttern-Lassen kennt sie sich selber gut aus.

Am 12. Mai 1971 zum Beispiel, da geschah um 22.15 Uhr Unglaubliches: Zum ersten Mal präsentierte eine Frau als Sprecherin die ZDF-"heute"-Nachrichten. Das war Wibke Bruhns, damals 33, in sportlicher Safari-Bluse mit Brille und wohlondulierter Frisur (Dagmar Berghoff in der "Tagesschau" folgte erst 1976). Sie hatte bei "Bild" in Hamburg volontiert und 1962 das ZDF-Landesstudio mit aufgebaut, zusammen mit dem Studioleiter und einer Sekretärin in zwei Zimmern im Hotel Bartels an der Rothenbaumchaussee. Sie hatte moderiert und eigene Filmbeiträge gemacht - ziemlich allein unter Männern. Als das ZDF mit einer Sprecherin der ARD die Schau stehlen wollte, sagte der ZDF-Kollege Hanns Joachim Friedrichs zu der jungen Redakteurin: "Du machst das, oder?"

Natürlich gab es Proteste, erinnert sich Wibke Bruhns. Empört hätten sich vor allem Frauen. Sie verlangten in wütenden Briefen, Frau Bruhns solle sich gefälligst um Mann und Kinder kümmern. Sie selbst hatte andere Probleme, so beim Aussprechen bestimmter Wörter ("tschechisch-russische Konflikte"). Egal: "Schon während der Sendungen gingen die Telefone: 'Machen Sie die Bluse zu!'" Nach 380 Sendungen hatte sie genug, schmiss ihren Job 1972 hin, machte Wahlkampf für Willy Brandt.

SPD-Mitglied war sie schon als Studentin in Hamburg geworden. "Ich verstand von der Sozialdemokratie noch nicht viel", gibt sie zu. Zwar fühlte sie sich als 68erin, "aber das Soziologendeutsch meiner Kommilitonen, die auf den Sit-ins diskutierten, verstand ich nicht. Ich habe mich stattdessen an die alten SPD-Genossen gehalten, die ich bei Hausbesuchen in meinem Ortsverein im Grindelviertel kennenlernte. Die hatten zum Teil noch die Sozialistengesetze und die Straßenkämpfe in den 1920er-Jahren erlebt. Mich faszinierte an der SPD ihre Geschichte." Zum Teil war das, wie sie heute sagt, auch "eine späte Absetzbewegung gegenüber der feinen Familie. Ich kam ja aus einem völlig anderen Umfeld. Meine Mutter fand es schon vulgär, wenn man Knoblauch aß. Mit dem Ergebnis, dass ich Knoblauch geradezu gefressen habe."

Die "feine Familie" waren die Klamroths gewesen, Saatgutfabrikanten in Halberstadt in Sachsen-Anhalt, großbürgerlich und preußisch-standesbewusst. Nach dem Krieg war es damit vorbei. Wibke Bruhns' Mutter Else war mit den Jüngsten ihrer fünf Kinder nach Westdeutschland geflohen und musste sich im diplomatischen Dienst durchschlagen. Kindheit und Jugend ihrer jüngsten Tochter Wibke waren ein Patchwork - Braunschweig, Stockholm, London, Berlin. In den 60ern ging ihr die spießige Selbstgerechtigkeit der Deutschen auf die Nerven. An Willy Brandt faszinierte sie seine ganz andere Politiker-Biografie als Emigrant, sein Aufbruch aus dem Adenauer-Mief. Darin fand sie sich wieder.

Der hoch polarisierte Wahlkampf 1972 war der Einstieg in ihre Laufbahn als politische Journalistin in der Bundeshauptstadt Bonn. Und diese Bonner Republik war etwas ganz anderes als die heutige Berliner Republik.

"In Bonn konnten wir Journalisten leichter Beziehungen zu Politikmenschen aufbauen, man hatte noch Zeit, abends zusammen ein paar Bier zu trinken und laut nachzudenken." In Berlin sind doppelt so viele Menschen im Politikbetrieb aktiv, sagt sie, "und entscheidend ist, dass heute viel mehr Politik in Talkshows betrieben wird. Man fragt sich: Wozu ist eigentlich noch der Bundestag da? Jeder schreit 'Hier!' und spielt Politik über die Bande der Medien. Und dabei kommt eben oft dummes Zeug heraus. Es werden Eventualitäten und Pseudokonflikte durchgekaut. Da ist nichts, aber das Nichts wird in einer Weise perpetuiert, dass sich die Dürftigkeit fortsetzt, und das Ganze gibt sich den Anschein einer ungeheuren Bedeutung."

Ungebrochen ist nur die Tradition der Kabalen. Dazu gehört ein Gerücht, das immer noch durch die Republik geistert: In den vielen Affären, die Brandt angedichtet wurden, sei das "Collier" einer Dame aufgetaucht und von Herbert Wehner 1974 als Druckmittel benutzt worden, um Brandt zum Rücktritt zu bewegen. Die Dame, so die Legende, war Wibke Bruhns. "Ich werde es nicht mehr los, das ist klar", hat sie mal in einer Talkshow gestöhnt. "Wenn ich irgendwann ins Grab sinke, dann wird da stehen: erste Nachrichtensprecherin der Republik und außerdem die Geliebte Willy Brandts."

Auf vielen Fotos jener Zeit sieht man sie tatsächlich neben Kollegen und SPD-Genossen in Brandts Nähe. 1973 urlaubte sie mit ihrer Familie auch in der Nähe der Brandts in Norwegen, man grillte zusammen, sie traf den Kanzler zu Interviews. Dann kam die Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume "und diese blödsinnige Hysterie, Guillaume habe Brandt irgendwelche Damen 'zugeführt' - allein schon dieses Wort!", regt sie sich auf. Sie selbst wurde zwei Tage lang vom Verfassungsschutz befragt. Nur eine einzige Beziehung Brandts hat sich am Ende materialisiert: Er war längere Zeit mit der Journalistin Heli Ihlefeld liiert. "Aber darüber sprach man nicht, das war der Kodex", sagt Wibke Bruhns. "Ich würde es auch heute nicht tun, wenn nicht Brigitte Seebacher-Brandt den Namen inzwischen genannt und Heli Ihlefeld sich selbst dazu geäußert hätte." Das "Collier" - Halskette hätte nicht so schön verrucht geklungen - gehörte jedenfalls nicht Bruhns.

Sie war seit 1965 glücklich mit dem Schauspieler und Regisseur Werner Bruhns verheiratet, ihre beiden Töchter Annika und Meike wurden 1966 und 1968 geboren. Als Werner Bruhns 1977 starb, waren sie acht und zehn Jahre alt. Und Wibke Bruhns entschloss sich, mit den Mädchen nach Israel zu gehen, als Korrespondentin für den "Stern". Sie blieben in Jerusalem bis 1984. Die Kinder gingen auf eine englische Schule, während ihre Mutter sich zwischen den Fronten der Nahostpolitik bewegte. Sie sprach mit Regierungschefs, Geheimdienstoffizieren, mit Jassir Arafat, fand israelische und palästinensische Freunde. Eine prallvolle, politisch schwierige Zeit, die sie genossen hat - mehr als die folgenden vier Jahre in Washington.

"Ich war tief beeindruckt von der intellektuellen Kapazität, die ich in Israel vorgefunden habe", sagt sie. "Heute bedrückt es mich, wie rechtslastig das Land geworden ist. Der innen- und außenpolitische Druck, der seit Jahrzehnten auf Israel lastet, hat eine tiefe Politikverdrossenheit bewirkt." Positiv überrascht hat es sie, als junge Israelis im September 2011 in Zeltlagern den größten Sozialprotest in der Geschichte des Landes organisierten - "so ganz quer zu den ständigen alten Konfliktfeldern Israel/Araber/Bedrohung".

Eines Morgens, 1983, rief um 6 Uhr früh die israelische Zeitung "Haaretz" bei ihr an. Was um Himmels willen beim "Stern" los sei? In Hamburg war das erste der "Hitler-Tagebücher" erschienen. Und die "Stern"-Korrespondentin saß ahnungslos in Jerusalem, ohne Fax, ohne Ticker, natürlich noch ohne Internet und ohne "Stern", der per Luftfracht zwei Tage brauchte. Der "Scoop" war so geheim gewesen, dass selbst in der Redaktion kaum jemand davon wusste. Am Telefon erfuhr sie aus Hamburg: "60 Bände. Historischer Knüller, alles geprüft."

Nach einer Woche implodierte der Knüller, die Fälschungen waren erkannt. "Es war reine Profitgier", sagt Wibke Bruhns. "Sie haben gedacht: 'Hitler sells'. Das ist ja auch heute noch so. Aber sie waren sich der politischen Tragweite dessen, was sie da anschoben, überhaupt nicht bewusst." In der Folge gab es im "Stern" erbitterte Kämpfe um die Nachfolge der zurückgetretenen Chefredakteure. Wibke Bruhns gehörte zum Verhandlungsteam der Redaktion, die um ihre journalistische Unabhängigkeit fürchtete. Der Medienskandal beschäftigte sie genauso wie die Frage: Warum wieder Hitler? Warum erlag der linksliberale "Stern" dem Sog dieses Namens? Schließlich war sie die Tochter eines Mannes, der von den Nazis hingerichtet wurde.

Sie war fünf Jahre alt gewesen, als man ihren Vater Hans Georg Klamroth im August 1944 in Plötzensee an einem Fleischerhaken aufhängte. Ohne Vater aufzuwachsen schien ihr als Kind normal, Millionen Kinder waren nach dem Krieg vaterlos. "Ich habe mich damals nicht wirklich für ihn interessiert. Und meine Mutter gehörte zu der schweigenden Generation, die nicht geredet hat. Wenn ich sie später mal vorsichtig auf den Vater angesprochen habe, fing sie an zu weinen, also habe ich es gelassen. Und als aufmüpfige Studenten waren wir ja alle auf Spitz und Knopf mit der Generation unserer Eltern. Ich habe meinen Vater erst kennengelernt, als ich das Buch über ihn schrieb."

Nach dem Mauerfall fuhr sie in ihre Geburtsstadt Halberstadt und fand Dokumente über die Familie. Sie entdeckte einen Vater, der charmant und begabt war, aber auch treulos und zuletzt hoffnungslos, alles andere als ein Held. Es fiel Wibke Bruhns nicht leicht, beim Schreiben die Balance zu wahren zwischen den emotionalen Fragen einer Tochter und der sachlichen Distanz der Journalistin, die das Leben eines anderen beschreibt. "Man schreibt nicht leicht jemanden bis zum Galgen hin", sagt sie. "Die letzten Seiten mit der Hinrichtung waren sehr schmerzhaft. Aber ich wollte hinsehen." "Meines Vaters Land" wurde 2005 ein Bestseller.

Vielleicht war es Disziplin, ihre preußische Seele, die ihr durchzuhalten half. Oder eine Art eingebautes Allwetter-Gen, das sie für wechselnde Lagen und Länder kompatibel macht. Auf der Dachterrasse scheint jetzt eine milde Abendsonne auf Berlin. Wirklich schön, der Blick. Kein Heimweh nach Hamburg? "Oh, ich liebe Hamburg", sagt sie lebhaft. "Es war immer mein Mittelpunkt, bis ich nach Israel ging. Ich denke oft darüber nach, ob ich nicht nach Hamburg zurückkehren sollte." Ihre ältere Tochter lebt mit Mann und Kind in Hamburg, die zweite mit Mann und zwei Kindern in Brandenburg. Eine Familie ist vielleicht nicht immer perfekt, aber sie ist ein Kernpunkt im Leben. Das hat sie bei all ihren Neuanfängen gelernt.

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