Tennis

Kommt es nach der Krise zum Duell zwischen Zverev und Nadal?

Alexander Zverev (22) musste in den drei bisherigen Matches bereits 14 Sätze spielen.

Alexander Zverev (22) musste in den drei bisherigen Matches bereits 14 Sätze spielen.

Foto: WITTERS

Julia Görges und Alexander Zverev können sich bei den US Open in New York wieder auf ihr Service verlassen.

New York.  Boris Becker hat ihn einmal als „schwierigen Freund“ bezeichnet. Oder auch als „Mitglied meiner Familie“. Er meinte den Aufschlag. Seinen wichtigsten Schlag. Den Schlag, der ihm als wichtigste Waffe bei drei Wimbledon-Siegen und sechs Grand Slam-Triumphen diente. „Herrliche und furchtbare Momente“ habe er erlebt mit diesem Weggefährten, sagte Becker, „es gibt keinen Zweifel, dass an diesem Schlag fast alles hängt im Tennis.“ Am einzigen Schlag, den kein Gegner beeinflussen, stören, verhindern kann.

Auch Alexander Zverev kann ein Lied singen über den Aufschlag, über die Launen und Tücken des Service. In diesem Jahr rutschte er in seine größte Krise, weil auf einmal sein stärkster Pluspunkt, der Aufschlag, auf einmal zu seinem größten Gegner wurde. Kurz vor den US Open schied er beim Masters-Turnier in Cincinatti mit 20 Doppelfehlern gegen den Serben Miomir Kecmanovic aus. Er fand es hinterher selbst „surreal“: „Es kann doch nicht sein“, so Zverev, „dass der Aufschlag weg ist.“

Gegen Bedene schlug Zverev 25 Asse

Als Zverev sich in Flushing Meadows mit dem Slowenen Aljaz Bedene in vier harten Sätzen duellierte und die Partie 6:7 (4:7), 7:6, 6:3, 7:6 (7:3) gewann, war die Welt des Hamburgers wieder vom Kopf auf die Beine gestellt. Alles war wie in besten Zeiten. Zverev schlug 25 Asse, servierte nur sieben Doppelfehler, es war eine Bilanz, wie er sie braucht. Er muss die Zermürbungskämpfe auf den langsamen Hartplätzen in Flushing Meadows mit seinem Aufschlag bestimmen. Gewinnt er, wie gegen Bedene, mehr als 70 Prozent seiner Servicepunkte und 21 von 23 Aufschlagspielen, kann ihm nicht viel passieren.

Was im übrigen auch für Julia Görges gilt, die ebenfalls in New York wieder von einem besseren Aufschlag zehrt und nun, wie Zverev, in die Runde der letzten 16 gelangt ist. „Die Gleichung ist einfach: Starker Aufschlag bedeutet mehr Selbstvertrauen“, sagt Görges, „da gehst du gleich mit einem ganz anderen Gefühl auf den Court.“

Görges ohne Druck

Die letzte verbliebene deutsche Spielerin kommt nach den ersten beiden Runden, die „recht zäh“, waren, immer besser in Schwung und kann befreit aufspielen. „Ich fühle nicht unbedingt Druck“, sagte die 30-Jährige nach dem 6:2, 6:3 gegen die Weltranglistensiebte Kiki Bertens und dem Einzug in ihr zweites US-Open-Achtelfinale nach 2017. Dort spielt sie am Montag gegen die Kroatin Donna Vekic, gegen die alle drei bisherigen Spiele gewann.

Verfall bei Zverev

Zurück zu Zverev. In den letzten Monaten hatte sich der Stress im Team Zverev bei ihm, dem Chef der Firma, wie eine Krankheit auf das Service niedergeschlagen. Woche für Woche war ein Verfall bei dem Deutschen zu beobachten, der noch im vergangenen November bei seinem Sturm auf den WM-Thron in London von einem fulminanten Aufschlag profitiert hatte.

Am Finalwochenende hatte er Roger Federer und Novak Djokovic besiegen können, weil er sich mit seinem präzisen und harten Service sofort entscheidende Vorteile verschaffte und eine Dominanz in den Ballwechseln gewann. „Der Aufschlag ist wie ein Spiegelbild der Seele“, sagt Becker, der Altmeister, „wenn es da plötzlich nicht mehr stimmt, ist das kein technisches Problem. Sondern ein mentales.“

Aufschlag keine Selbstverständlichkeit

Bei Zverev lief ja auch alles schief neben dem Court, Probleme mit der Freundin, mit dem Manager, der Krach zwischen Papa Zverev und Supercoach Ivan Lendl. Und auf einmal merkte Zverev, dass die Selbstverständlichkeit, mit der zuvor als brillanter Aufschläger durch die Welt zog, eben nicht das war: Eine Selbstverständlichkeit.

Hilflos registrierte Zverev, wie er plötzlich die Doppelfehler anhäufte, zauderte und zögerte. Man sah ihn immer wieder den Kopf schütteln, es war ein Bild des Unverständnis über das, was da mit ihm geschah. Im Sommer verschärfte sich die Krise sogar noch mal, manche Experten verglichen das Problem mit der Golfer-„Krankheit“ Yips, dem Zittern im Arm, wenn der Ball auf dem Grün eingeputtet werden muss.

Und dann ein aufgeräumter Zverev

Schon in den ersten Trainingstagen in New York spürte Zverev, dass sich die Dinge änderten. „Auf einmal lief es wieder. Verrückt“, sagt Zverev. Hatte es mit der Vereinbarung zu tun, künftig von Team8, der Agentur von Roger Federer und dessen Manager Tony Godsick betreut zu werden?

Zverev wirkte bei den US Open von der ersten Minute an aufgeräumter, entspannter, gelassener, ausbalanciert wie noch nie in diesem Jahr. Seine Gegner bekamen es über den Aufschlag zu spüren. Plötzlich stimmten die Zahlen wieder, reichlich Asse, wenig Doppelfehler. Gute Punktquoten, wann immer der erste Aufschlag im Feld landete. Von der wiedergefundenen Stärke muss Zverev auch gegen den kleinen argentinischen Rackerer Diego Schwartzmann (27), Nummer 20 der Setzliste, profitieren, am Montagabend (Eurosport) im Achtelfinale. Nach einem Sieg könnte es dann im Viertelfinale zum Duell mit dem Spanier Rafael Nadal kommen.

Der dritte Deutsche im Achtelfinale, Qualifikant Dominik Köpfer (25/Furtwangen), spielte in der Nacht zum Montag gegen den Russen Daniil Medwedew (Nr. 5) um den Einzug ins Viertelfinale. In der dritte Runde hatte er Rothenbaum-Sieger Nikolos Bassi­laschwili (27/Georgien) mit 6:3, 7:6 (7:5), 4:6 und 6:1 ausgeschaltet.