Unterstützung in der Krise

Corona-Hilfe: Wie TSV Sasel einen Stadtteil zu Tränen rührt

| Lesedauer: 6 Minuten
Iris Mydlach und Mirko Schneider
Organisierten monatelang ein Corona-Hilfsprojekt für den Stadtteil (v. l.): Immo Hoppe, Birte Sönnichsen, Dorothee Schmahl mit Hund Monty, Matthias Wehnke und Marcus Benthien vom TSV Sasel.

Organisierten monatelang ein Corona-Hilfsprojekt für den Stadtteil (v. l.): Immo Hoppe, Birte Sönnichsen, Dorothee Schmahl mit Hund Monty, Matthias Wehnke und Marcus Benthien vom TSV Sasel.

Foto: Michael Rauhe / HA

Der TSV Sasel stellte während der Corona-Krise einen Hilfsfonds von mehr als 10.000 Euro auf die Beine. Eine rührende Geschichte.

Hamburg. Wer verstehen möchte, was die Corona-Krise mit den Vereinen dieser Stadt gemacht hat, mit den Menschen, die in ihnen wirken, dann muss man an diesem Abend in das Gesicht von Birte Sönnichsen schauen. Ernst sieht es aus, nachdenklich – aber irgendwie auch froh. In Gedanken geht sie noch einmal zurück in den März 2020. Als das Leben, wie man es bis dahin kannte, über Nacht zum Erliegen kam. Wie Schulen, Zoos, Kinos, Theater und Schwimmbäder schlossen – und eben auch die Sportvereine und Fitnessstudios.

„Ich war wie vor den Kopf gestoßen“, erzählt Birte Sönnichsen. „Klar, das hatte sich angedeutet, aber als es tatsächlich so weit war und von allen Seiten die Nachricht kam: Kurse gestrichen, da saß ich einfach nur da und habe versucht zu begreifen.“

Ballett-Lehrerin erhält Gehalt auch ohne Arbeit

Birte Sönnichsen unterrichtet beim TSV Sasel Ballett, von den Vierjährigen bis hin zu den Jugendlichen. Sie ist Übungsleiterin und damit vor allem eins: selbstständig. Weshalb sich die Corona-Krise für sie immer bedrohlicher anfühlte als für andere und weshalb die E-Mail, die sie am Abend des 2. März vom Vorstand des TSV Sasel erhielt, sie noch heute zu Tränen rührt.

„Darin stand“, sagt sie, und da bricht ihr auch schon die Stimme, „dass der TSV Sasel mich bezahlt, auch wenn die Stunden, die ich eigentlich unterrichtet hätte, wegen der behördlichen Auflagen nicht stattfinden können.“ Aber dann schluckt sie und hat sich gleich wieder gefangen. „Die Mail kam um kurz vor acht Uhr abends, ich weiß es noch genau. Weil es für mich bedeutete: Ich konnte an diesem Abend beruhigt ins Bett gehen.“ Die Menschen um sie herum lächeln.

Wie der TSV Sasel 10.000 Euro sammelte

Es ist der Vorstand des TSV Sasel, der an diesem Abend zum Gespräch ins Vereinsheim am Saseler Parkweg gekommen ist. Marcus Benthien, der 1. Vorsitzende, Matthias Wehnke, Schatzmeister, Dorothee Schmahl, Jugendwartin. Vor gut fünf Monaten, am Abend des 2. März, waren sie in dieser Besetzung schon einmal zusammengekommen – als es galt, die behördlichen Anordnungen in eine vereinsinterne Strategie einzubetten. Und Entscheidungen zu treffen.

An den Übungsleitern festzuhalten war dabei nur ein Puzzleteil von vielen. Die Aktion „Saseler für Saseler“ ein weiteres – der vom Verein in kürzester Zeit auf die Beine gestellte Hilfsfonds aus Spendengeldern, die schnell und unbürokratisch an Notleidende im Stadtteil flossen.

„Dabei konnten wir den Spendern am Anfang nicht einmal eine Spendenquittung ausstellen – das Bundesfinanzministerium hatte den Vereinen noch keine Genehmigung erteilt“, erklärt Matthias Wehnke. Die Mitglieder des TSV Sasel spendeten trotzdem. Mit oder ohne Quittung, egal. Ein Anwalt, der dem TSV nahesteht, begleitete den Vorgang notariell.

Mehr als 10.000 Euro kamen so innerhalb kürzester Zeit zusammen. „Wir konnten Mieten und Einkäufe bezahlen, Familien über Wasser halten. Und in einem Fall von häuslicher Bedrohung auch eine räumliche Trennung herstellen, weil wir einer Partei das Wegziehen ermöglichten“, erzählt Benthien.

Große Gemeinschaft beim TSV Sasel

Birte Sönnichsen setzte sich währenddessen ans Telefon – Zeit hatte sie ja. Und meldete sich bei Vereinsmitgliedern, die älter als 70 Jahre waren und damit zur Risikogruppe gehörten. „Darf ich für Sie einkaufen fahren?“, war jedes Mal ihre Frage. Die Überraschung, vor allem aber die Dankbarkeit waren groß.

Und selbst wenn sich bereits Kinder und Enkel um die Befüllung des Kühlschranks kümmerten, war es ein Gefühl, ein Eindruck, der bei den Angerufenen zurückblieb: „Dass niemand vergessen wurde, dass wir aneinander gedacht haben, weil wir mehr sind als ein Verein“, sagt Ben­thien. „Wir sind eine Gemeinschaft.“

536.723 Menschen sind in Hamburg Mitglied in einem der 830 Sportvereine. Manche Menschen haben in ihrem Leben noch kein Vereinsheim betreten, für andere ist es Teil eines Lebensgefühls, Teil ihrer Sozialisation, sie zahlen Beiträge und machen Sport, engagieren sich ehrenamtlich. Aber wie auch immer man zum Thema Sportverein steht – was die Hamburger Vereine während der Zeit der Corona-Krise geleistet haben, wird man sich in Hamburg hoffentlich noch sehr lange erzählen.

TuS Dassendorf spendete Meisterprämie

Weil der TSV Sasel natürlich kein Einzelfall ist, ganz im Gegenteil. Weder was das Engagement der Vereinsführung angeht noch die Solidarität der Mitglieder. Michael Funk, Mäzen und Macher der TuS Dassendorf, bringt bis heute Obdachlose in den Appartements seiner Hotelkette unter, um sie vor dem Virus zu schützen. Ein spendengestütztes Projekt, zu dem auch die erste Mannschaft beitrug, indem sie die gesamte Meisterprämie von 10.000 Euro für die Aktion zur Verfügung stellte.

„Eine Nacht Spaß auf der Barkasse – oder 30 Menschen 14 Tage lang ein Dach über dem Kopf ermöglichen, da hat niemand lange nachgedacht“, erzählt Michael Funk. Und spricht lange über die Demut, die sich schnell im Verein breitgemacht habe, die Eigendynamik, die sich daraus entwickelte.

Spieler begannen, Kleiderspenden zu organisieren, Ehrenamtliche gingen einkaufen, um die Menschen mit Essen und Hygieneartikeln zu versorgen. Ein junger obdachloser Mann entpuppte sich als geschickter Maurer – und fand eine Anstellung in Funks Unternehmen. „Es haben sich so viele Dinge ergeben, von denen niemand vorher gedacht hätte, dass sie passieren“, sagt Funk.

Die Meisterleistung beim USC Paloma

Dirk Rathke, 1. Vorsitzender des USC Paloma Hamburg, formuliert es ähnlich. Eine Art kollektiver Ohnmacht habe den Verein im März ergriffen – aber als sich dann alle einmal geschüttelt hatten, ging es los. Unter dem Hashtag #taubenhelfen organisierte der Verein Einkäufe für Menschen, die zur Risikogruppe zählten.

Und als dem Verein zu Ohren kam, dass es an der Kurt-Juster-Schule für Kinder mit Behinderungen an Masken fehlte, setzte sich kurzerhand eine Mutter an die Nähmaschine und machte sich an die Arbeit. Vereinsmitglieder sammelten Stoffreste, die Spieler der Seniorenmannschaft spendeten 400 Euro. Was für eine Meisterleistung.