Sport Hamburg

Turnen liegt in der Familie Kießlich

| Lesedauer: 6 Minuten
Achim Leoni

Foto: Roland Magunia

Die Drei-Generationen-Riege: Jennifer Kießlich hält die Tradition von Mutter Tatjana und Großmutter Christel bei der HT 16 hoch.

Hamburg. An diesem Sonnabend muss sie wieder tapfer sein, Tatjana Kießlich weiß es. Sie wird ihre Tochter Jennifer am Finaltag der Hamburg-Gymnastics in der Sporthalle Wandsbek über den Schwebebalken rotieren sehen, und wie immer wird sie stolz auf die 13-Jährige sein, aber eben auch ein wenig besorgt: "Die Angst ist immer da. Aber es wäre in einem anderen Sport nicht anders." Und Turnen sei nun einmal der Sport ihrer Tochter, mehr noch: Es sei ihr Leben. So wie es einst auch ihres war. Und das ihrer Mutter Christel, der WM-Teilnehmerin von 1966. Und das ihres Großvaters Willfried Lahrs, der es 1936 zu den Olympischen Spielen schaffte. Es muss wohl ein Gen sein.

Tatjana Kießlich, 39, hat ihre Tochter nie gedrängt, den Weg zu gehen, den sie einst gegangen ist und der sie bis zu den deutschen Meisterschaften geführt hat. Sie müsse schon selbst bei der Hamburger Turnerschaft von 1816 anrufen, wenn es ihr ernst mit dem Sport sei, hat sie ihr gesagt. Jennifer rief an. Damals war sie sechs. Sieben Jahre später ist sie Hamburgs beste Turnerin.

Sie wäre es wohl nie geworden, hätte ihr die Verwandtschaft lediglich das Talent mitgegeben. Jennifer Kießlich, die Sechste der deutschen Jugendmeisterschaften, ist im besten Sinne ein Familienunternehmen, ihre Leistungen sind ein Kraftakt dreier Generationen. "Ohne unsere gemeinsame Unterstützung wäre es nicht möglich", sagt Großmutter Christel Kießlich. Die 61-Jährige arbeitet halbtags in einer Personalabteilung - und halbtags für ihre Enkelin: als Fahrerin, Beraterin und manchmal auch als Seelentrösterin. Was Turnerinnen bisweilen einstecken müssen, davon zeugen gerade dicke Klebestreifen am Knie ihrer Enkelin. Das Gelenk ist gereizt, weil ihm die ausgetretene Sprungbahn im Leistungszentrum an der Angerstraße zusetzt. "Aber das geht schon", versichert Jennifer.

Sie hat gelernt, sich zu arrangieren mit den nicht immer günstigen Bedingungen in ihrer Heimatstadt: mit dem schwierigen Spagat zwischen Ganztagsschule und Training, der veralteten und viel zu engen Trainingshalle und damit, dass ihr Trainer Alexander Palnau nicht immer Zeit für sie hat. Die Stadt ist angeblich gewillt, das Leistungszentrum zu einem Stützpunkt auszubauen. Auch ein hauptamtlicher Landestrainer soll wieder eingestellt werden. Im Oktober verstärkt der Russe Waldemar Koop als zusätzlicher Nachwuchscoach den Stab der HT 16. "Seit fünf Jahren bewegt sich wieder etwas im Spitzensport", sagt Petra Schulz, die Leistungssportbeauftragte des Verbands für Turnen und Freizeit.

142 000 Mitglieder zählt der VTF, er ist damit der größte Fachverband der Stadt. Nur 50 bis 70 von ihnen turnen aktiv an den olympischen Geräten. Der klassische Schulsport befindet sich seit Jahren auf dem Rückzug von den Lehrplänen. Christel Kießlich kann das nicht verstehen: "Turnen ist für die Entwicklung jedes Kindes wichtig." Sie selbst hatte einst keine große Auswahl. "Es gab nur Fußball, Schwimmen, Leichtathletik - und Turnen." Die HT 16 war damals eine der besten Adressen in Deutschland, die Wochenschau berichtete im Kino über die erfolgreiche Gruppe um Christel Kießlich.

Ihre Tochter konnte schon nicht mehr bei norddeutschen Meisterschaften starten, weil es zu wenig Teilnehmer gab. Das technische Niveau aber sei seither noch einmal enorm gestiegen - und damit die Anforderungen an Trainingsfleiß, Disziplin und nicht zuletzt den Körper. Tatjana Kießlich weiß noch, wie sie als 13-Jährige darunter gelitten hat, nicht wie die Schulfreundinnen bedenkenlos in die Chipstüte greifen zu können: "Manchmal machte es wirklich keinen Spaß." Tochter Jennifer gönnt sich alle zwei Tage ein Stück Schokolade. Seit Kurzem hält sie sich an das Ernährungskonzept GRS, mit dem der Körperfettanteil reduziert wird. Bei 1,48 Meter Größe bringt sie jetzt etwa 38 Kilogramm auf die Waage. Viel mehr geht nicht, wenn sie ihr Ziel erreichen will: die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. 2012 hat sie das Mindestalter von 16 Jahren noch nicht erreicht.

Nicht nur Jennifer Kießlich wird einen langen Atem haben müssen. Der Verband für Turnen und Freizeit bezuschusst zwar ihre Fahrtkosten. Seit ihrer Aufnahme in den bundesdeutschen C-Kader werden auch zusätzliche Trainerstunden finanziert, dazu kommt die Unterstützung der Sporthilfe. Ein Autohaus stellt der HT 16 Fahrzeuge zur Verfügung, das spart Zeit auf dem Weg von der Schule zum Training. Meist übernimmt die Großmutter den Fahrdienst. "Aber man muss schon zulegen", sagt Christel Kießlich. Ein Turnanzug kostet zwischen 80 und 130 Euro - Jennifer hat 16 davon in ihrem Schrank. Eine Rolle Sporttape: acht Euro. Und so geht es weiter.

Für Christel Kießlich ist es gut angelegtes Geld. Wenn gerade keiner zuschaut, geht sie selbst noch manchmal an ihr einstiges Paradegerät, den Barren. Ihre Tochter muss lachen, wenn sie daran denkt: "Wir hängen da wie Mehlsäcke." Trotzdem spürt sie, dass ihr der Turnsport bis heute durchs Leben hilft: "Man ist koordinativ und motorisch einfach besser. Und den Bewegungsdrang legt man nie mehr ab." Er hat sie zur professionellen Fitnesstrainerin gemacht.

Auch ihr Sohn Marvin, 11, ist ein guter Turner. Kürzlich hat er aber den Fußball für sich entdeckt, seither geht er nur noch einmal die Woche an der Angerstraße an die Geräte. "Fußball macht mir mehr Spaß", gibt er zu. Tatjana Kießlich ist darüber nicht traurig: "So bin ich nicht immer nur in der Turnhalle, sondern auch mal an der frischen Luft."