HSV-Handball-Meistertrainer

Schwalb: „Unser Verein fühlt sich an wie ein Spieleparadies“

| Lesedauer: 12 Minuten
Maximilian Bronner, Rainer Grünberg und Alexander Laux
Martin Schwalb (58) führte den HSV Hamburg als Trainer zur deutschen Meisterschaft und zum Champions-League-Sieg.

Martin Schwalb (58) führte den HSV Hamburg als Trainer zur deutschen Meisterschaft und zum Champions-League-Sieg.

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Martin Schwalb, einst Meistertrainer und jetzt Vizepräsident des HSV Hamburg, über die Pläne des Handball-Bundesliga-Aufsteigers.

Hamburg. Martin Schwalb lächelt, als er zum Treffen mit dem Abendblatt im Restaurant Stock’s in Lemsahl-Mellingstedt erscheint, er wirkt entspannt, gut gelaunt, voller Tatendrang. Nichts lässt er sich anmerken von den Sorgen um seinen Sohn Maximilian (19), bei dem am 4. Mai dieses Jahres Typ-1-Diabetes diagnostiziert wurde. „Sein ganzes Leben wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf, vieles plötzlich infrage gestellt“, sagt Schwalb. „Was wird aus seinem Studium, kann er Handball weiter als Leistungssport betreiben, wie lässt sich Diabetes in den Alltag eines jungen Mannes integrieren, wie kommt er damit zurecht?“

Im Februar hatte Schwalb (58) entschieden, am Saisonende als Cheftrainer des Handball-Bundesligaclubs Rhein-Neckar Löwen aufzuhören. Er wollte wieder öfter bei seiner Familie sein, die in Hamburg wohnen geblieben war, und er wollte die Entwicklung des Handball Sport Vereins Hamburg (HSVH) weiter als Vizepräsident begleiten und vorantreiben. Das Ehrenamt hatte er während seiner Tätigkeit in Mannheim anderthalb Jahre lang ruhen lassen.

Schwalb gehörte mit dem heutigen Präsidenten Marc Evermann im Frühjahr 2016 zu den Initiatoren des Neuanfangs des Vereins, der damals in der viertklassigen Oberliga Hamburg-Schleswig-Holstein um den Aufstieg in die 3. Liga Nord warf. Nur fünf Jahre später sind die Handballer in die Bundesliga zurückgekehrt, am Sonntag (16 Uhr, Sporthalle Hamburg/Sky) gegen den punktlosen Tabellenletzten GWD Minden soll der nächste Wurf Richtung Klassenerhalt gelingen. 2800 Karten sind für das Spiel verkauft. Es gelten die 2G-Regeln. Die Tageskasse öffnet um 14.30 Uhr.

Herr Schwalb, viele im Club rechneten nach dem schweren Auftaktprogramm mit einem Saisonstart in der Bundesliga mit 0:12 Punkten. Jetzt sind es 7:7. Wie überrascht sind Sie?

Martin Schwalb: Der bisherige Saisonverlauf übertrifft alle Erwartungen, die Mannschaft begeistert alle im Verein, vor allem auch unsere Fans. Mit einem solchen Auftritt konnte niemand rechnen. Das wirkt manchmal schon richtig abgezockt. Dabei sind viele Spieler noch dabei, die vor drei Jahren für uns in der Dritten Liga aufgelaufen sind.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Unser Verein fühlt sich an wie ein Spieleparadies. Wir können experimentieren, jeder darf sich entfalten, sich etwas trauen, ohne bei Misserfolg gleich Konsequenzen fürchten zu müssen. Das fördert Kreativität, Zusammenhalt, Teamgeist. Wir haben keinen Druck. Wir spielen mutig, mit Selbstvertrauen, was für einen Aufsteiger eher ungewöhnlich ist. Wir wollen sportlichen Erfolg, wir sind ein Leistungsportverein, wir wollen den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffen, wir werden ihn auch schaffen. Aber: Sollten wir wider Erwarten absteigen, dann steigen wir eben wieder auf. Wir wollen auch noch in 20 Jahren Spaß am Handball haben. Das ist unser Ziel.

Das klingt romantisch.

Natürlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Und die stimmen. Unsere Fans sind einzigartig und der Rückhalt des Vereins. Aber auch jeder im Präsidium, allen voran Marc Evermann, der unheimlich viel Energie investiert; jeder auf der Geschäftsstelle, jeder in der Mannschaft hat in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Job gemacht. Trainer Torsten Jansen hat die Mannschaft sportlich weiterentwickelt, Stefan Schröder überzeugt als Jugendvorstand, Geschäftsführer Sebastian Frecke und sein Team haben mit ihrer Sponsorenakquise die finanziellen Grundlagen geschaffen. Florian Gehre als zweiter Geschäftsführer, unser Wirtschaftsprüfer Stephan Harzer, der im Präsidium sitzt, achten täglich darauf, dass wir nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen. Sven Hielscher, unser Urgestein im Präsidium, unterstützt uns zusätzlich in Wohnungsfragen für unsere Jungs. Ergänzend dazu haben unsere Aufsichtsräte und Förderer ein großes Netzwerk gesponnen. Hamburg kennt uns. Heute muss niemand bei uns mehr schlaflose Nächte haben.

Ist der HSV Hamburg also bereits ein Bundesligaverein?

Wir lernen täglich dazu und entwickeln uns weiter. 2016 haben wir beim Neubeginn an unserer Geschäftsstelle festgehalten, bei der Jugendarbeit nicht zurückgesteckt, sind damit große Risiken gegangen. Heute profitieren wir davon. Alles ist solide, die Schatten der Vergangenheit sind verflogen. Dennoch leugnen wir diese nicht, sie bleiben Teil unserer Geschichte wie die Erfolge: deutscher Meister 2011, Champions-League-Sieger 2013, deutscher Pokalsieger 2006 und 2010, Europapokalsieger der Pokalsieger 2007, ausverkaufte Hallen. Darauf werde ich heute immer noch angesprochen.

Hanseatisch, bodenständig, zielstrebig, jung, aus Leidenschaft – so beschreibt sich Ihr Verein auf seiner Homepage. Das klingt schon nach einem Paradigmenwechsel.

Der ist auch beabsichtigt. Wir schreiben jetzt eine neue Geschichte, übrigens schon seit fünf Jahren!

Welche Rolle spielen Sie dabei?

Öffentlichkeitsarbeit, Menschen, Sponsoren für uns zu gewinnen, Partner an uns zu binden, das möchte ich neben meinem sportlichen Netzwerk einbringen. Ich war immer ein Teamplayer, das macht mir Spaß. Wir sind eine hervorragende Gemeinschaft, ein spannender Verein, bei dem jeder mit seinen Fähigkeiten, Kontakten und Überzeugungen zum Erfolg beiträgt, niemand Alleingänge unternimmt. Ich bin das erste Mal in meinem Berufsleben kein Angestellter. Ich bin frei, unabhängig. Das fühlt sich sehr gut an.

Vermissen es Sie nicht, im Mittelpunkt zu stehen? Als Spieler und Trainer schienen Sie diese Rolle als „Rampensau“ geradezu genossen zu haben.

Beim HSV Hamburg gibt es keine „Schwalb-Show“. Wir stehen in unserem Verein alle gemeinsam auf der „Showbühne“.

Sie wirken trotz der familiären Sorgen weit gelassener als früher, ausgeglichener, mit sich im Reinen. Schaffen Sie es, sich während des Spiels zurückzuhalten, wenn etwas Ihrer Meinung nach schiefläuft? Als langjähriger Trainer auf höchstem Niveau dürfte Ihnen das doch sehr schwerfallen.

Beim Spiel gegen die SG Flensburg (27:33) am vergangenen Sonntag hatte ich fast Ruhepuls.

Am Sonntagnachmittag gegen Minden wird das womöglich anders sein.

Wahrscheinlich. Wenn wir das Spiel gewinnen sollten, wäre das ein nächster wichtiger Schritt Richtung Klassenhalt. Minden wird aber von der ersten Minute an alles reinhauen. Mit dem ehemaligen Nationaltorwart Carsten Lichtlein steht bei ihnen jemand zwischen den Pfosten, der auch mal 27 Bälle abfangen kann. Deshalb werde ich wohl etwas aufgeregter sein, obwohl ich absolutes Vertrauen in unsere Jungs habe.

Und das zu Recht. Die Mannschaft scheint sportlich in der Bundesliga überraschend schnell angekommen zu sein.

Moment mal! Wir haben gerade mal sieben Begegnungen in dieser Saison absolviert. Ob jemand bundesligatauglich ist, entscheidet sich nicht nach sieben Spielen, nicht mal nach einer Saison. Wir leben momentan auch von dem Überraschungseffekt, dass wir als Aufsteiger vielleicht unterschätzt wurden, keiner genau wusste, was die Stärken eines Leif Tissiers, Thies Bergemanns oder Jan Forstbauers sind. Inzwischen jedoch wird jeder Schritt, jeder Hüftwackler, jeder Wurf von ihnen detailliert analysiert. Erst wenn sie auch in drei Jahren in der Bundesliga noch Erfolg haben, obwohl alle wissen, wie sie spielen, was sie machen, dann sind sie in der Ersten Liga angekommen.

Werden Sie auch mal in die Kabine gehen und das Wort ergreifen, wenn es nicht so laufen sollte, wie Sie es sich vorstellen?

Sollte „Toto“ (Trainer Torsten Jansen, die Red.) das wünschen, komme ich. Das gilt genauso für unseren Präsidenten Marc Evermann. „Toto“ passt mit seiner unprätentiösen Art perfekt zu dieser Mannschaft. Wir lassen ihn alle in Ruhe arbeiten.

Reden Sie mit Jansen dennoch gelegentlich über seine Taktik?

Natürlich tauschen wir uns aus und diskutieren die ein oder andere Entscheidung. Wir sind uns da sehr einig. Ohnehin wäre der Beweis schwer zu führen, dass es andernfalls anders gelaufen wäre.

Wird es Verstärkungen im Winter nach der EM-Pause im Januar geben, falls das Ziel Klassenerhalt in Gefahr geriete?

Darüber werde ich hier nicht spekulieren. Das würden wir im Fall der Fälle gemeinsam besprechen, welche Risiken wir eingehen, welche Hebel wir dafür in Bewegung setzen würden. Grundsätzlich wären wir wohl in der Lage zu reagieren.

Sie haben nach dem Aufstieg im Sommer sechs neue Spieler verpflichtet und sind jetzt schon auf der Suche nach Verstärkungen für die nächste Saison. Wann spielt der HSV Hamburg wieder um die deutsche Meisterschaft?

Das geht mir jetzt viel zu schnell, aber diese Frage musste ja kommen. Die Entwicklung einer Mannschaft ist ein dynamischer Prozess, da wird es, da muss es regelmäßig Ergänzungen, Anpassungen geben. Daran arbeiten wir. Wenn es etwas zu vermelden gibt, werden Sie von uns hören.

Unbefriedigend bleibt Ihre Hallensituation. Die Barclays Arena am Volkspark ist teuer, die Sporthalle Hamburg bietet nur 3570 Zuschauenden Platz. Für den Elbdome wiederum, den die Basketballer der Hamburg Towers planen, wird weiter ein Standort gesucht. Was sind Ihre Pläne?

Die Barclays Arena ist eine großartige Spielstätte, aber abgesehen davon, dass sie nicht ganz billig ist, steht sie uns auch kaum zur Verfügung, weil sie mit anderen Veranstaltungen gut gebucht ist. Wir brauchen eine eigene Heimat, eine eigene Halle für rund 7000 Leute, in der wir unser eigener Herr sind, möglichst mit einem Leistungszentrum nebenan. Das ist unsere Vision für die nächsten zehn Jahre. Noch ist nichts spruchreif. Dass es in Hamburg äußerst schwierig ist, dafür ein geeignetes Grundstück zu finden, das halbwegs bequem erreichbar ist, keine Nachbarn stört und die entsprechende Größe hat, erleben die Towers gerade. Für mich wäre auch die Sporthalle Hamburg in Winterhude ein passender Standort, wenn sie denn ausgebaut werden könnte. Zunächst aber sind wir froh, dass wir dort nach dem Dachschaden überhaupt wieder spielen dürfen.

Die Hallenfrage stellt sich derzeit in Hamburg auf allen Ebenen, für den Breiten- wie für den Spitzensport, obwohl die Stadt für die Verbesserung der sportlichen Infrastruktur mehr Geld als jemals zuvor und mehr Geld als jeder andere deutsche Kommune ausgibt. Der selbst gewählte Anspruch als Sportstadt wird daher von vielen infrage gestellt, auch von Ihnen?

Da muss man differenzieren. Die Sportbegeisterung in Hamburg ist riesengroß, die Leute haben Lust auf Sport, treiben ihn selbst oder schauen ihm zu. Zumindest vor Corona war das so. Auch die Stadt engagiert sich. Dennoch sage ich: Der Sport spielt gesellschaftlich und in der Wirtschaft bislang eine eher untergeordnete Rolle. Kulturelle, ökologische und soziale Projekte finden wesentlich leichter ihre Förderer als sportliche. Das sind alles wichtige Themen, keine Frage, ich würde mir jedoch mehr Unterstützung für den Sport wünschen. Sport vereint schließlich alles, Kultur, Ökologie, Soziales. Sport ist der Kitt in unserer Gesellschaft, die auseinanderzudriften droht. Einer wie Alexander Otto hat das erkannt, unterstützt seit Jahren Breiten-, Nachwuchs-, Behinderten- und Spitzensport. Es müsste nur mehr Ottos in dieser Stadt geben.