HSV Handball

Jan Forstbauer: Vom Aussortierten zum Shootingstar

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Maximilian Bronner
Jan Forstbauer warf nach Niklas Weller bisher die zweitmeisten Tore (33) für den HSVH.

Jan Forstbauer warf nach Niklas Weller bisher die zweitmeisten Tore (33) für den HSVH.

Foto: WITTERS

In Melsungen erhielt der heute 29-Jährige keine Chance. Erst in Hamburg reifte der Rückraumrechte zum Bundesligaprofi.

Hamburg. Dass Handballer nicht gerade zu Zimperlichkeit neigen, ist keine neue Erkenntnis. Dass sich Spieler aber so durchbeißen, wie es Jan Forstbauer seit etlichen Jahren macht, ist dann aber doch nicht alltäglich. „Natürlich habe ich schwere Beine, es war eine intensive Phase. Ich fühle mich aber eigentlich ganz okay“, sagt der Rückraumrechte des HSV Hamburg (HSVH) nach dem Saisonstart in der Handball-Bundesliga.

Weil Positionspartner Nicolai Theilinger seit Juni verletzt fehlt, gehört der 29 Jahre alte Linkshänder vor dem Spiel gegen Abstiegskandidat GWD Minden an diesem Sonntag (16 Uhr/Sky) in der Sporthalle Hamburg zu den Spielern mit den meisten Einsatzminuten.

HSVH: Steht Theilinger am Sonntag wieder auf dem Feld?

Umso mehr dürfte er sich freuen, dass HSVH-Coach Torsten Jansen dem Team einen trainingsfreien Freitag gönnt. Jammern wolle er aber nicht, betont Forstbauer. So wie im Pokalspiel gegen die Füchse Berlin in der vergangenen Woche, als er sich trotz Übelkeit eine Halbzeit lang für die Mannschaft durchschleppte, ehe er sich in kurz nach der Pause in der Kabine übergeben musste.

„Andere Spieler wie Leif haben auch sehr viel gespielt. Durch den Ausfall von Theile ging es aber nicht anders“, sagt Forstbauer. Mittlerweile trainiert Theilinger wieder mit der Mannschaft, soll vielleicht schon am Sonntag eine Option für den Kader sein. „Ich freue mich natürlich, dass er bald wieder da ist und uns verstärken kann. Das wird uns nur besser machen“, sagt Forstbauer.

Forstbauer spielt schon seit 2016 für Hamburg

Anders als Neuzugang Theilinger zählt der Rückraumschütze zum festen Mannschaftskern des HSVH, spielte mit dem Verein bereits 2016 in der Dritten Liga. Nachdem er mit 24 Jahren beim Bundesligaclub MT Melsungen aussortiert worden war und nach Hamburg wechselte, schien die Erste Liga weit weg. Hinter Michael Müller und Malte Schröder war der frühere U-21-Weltmeister in Melsungen nur dritte Wahl, erzielte in der gesamten Saison nur 13 Tore. „Damals hat es in Melsungen nicht für mehr Spielanteile gereicht. Das war schade und traurig, hat mich im Nachhinein dann aber nach Hamburg auf diesen Weg geführt“, sagt Forstbauer.

Plötzlich hieß der Gegner am Wochenende nicht mehr THW Kiel, sondern VfL Fredenbeck. Forstbauer begann Politikwissenschaft an der Universität Hamburg zu studieren, sich ein zweites Standbein aufzubauen. Fünf Jahre später hat sich der Umweg gelohnt, in der laufenden Saison steht der gebürtige Stuttgarter bereits bei 33 Toren in nur sieben Spielen. Damit ist er aktuell nicht weniger als der torgefährlichste Spieler der gesamten Liga. In der Torschützenliste liegen vor ihm zwar noch zehn Spieler – allerdings ausschließlich Akteure, die ihr Torekonto als Siebenmeterschützen in die Höhe treiben. Forstbauer hingegen braucht keine Siebenmeter. Im aktuellen Kader der MT Melsungen kommen übrigens nicht einmal die Siebenmeterschützen an ihn heran.

Forstbauer: „Es war ein weiter Weg"

„Es war ein weiter Weg von 2016 bis heute. Dass alles so läuft, hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Ich hätte mir nur erträumt, noch einmal so weit oben Handball spielen zu können. Dass es funktioniert hat, ist eine sehr schöne Geschichte.“ Eine schöne Geschichte, die ohne seine harte Arbeit niemals geschrieben worden wäre. Auch im fortgeschrittenen Profialter machte Forstbauer immer wieder entscheidende Entwicklungsschritte, gewann an Erfahrung und Spielintelligenz.

Auch die beiden HSVH-Kapitäne Niklas Weller und Lukas Ossenkopp waren bereits zu Drittligazeiten dabei, zählen mit jeweils 28 Jahren zur Kategorie Spätentwickler. Warum ausgerechnet der HSVH wie ein handballerisches Gewächshaus zu wirken scheint, wisse er auch nicht, sagt Forstbauer. „Wir haben eine gute Mentalität in der Mannschaft, viele Leute, die hart an sich arbeiten. Alle wollen immer besser werden. Das haben wir alle geschafft, auch Toto hat als Trainer noch einen Schritt gemacht.“

Am 31. Oktober trifft Forstbauer auf seinen alten Verein

Ob es als Aufsteiger ein Vorteil sei, in der Liga noch weitestgehend unbekannt zu sein, könne er nicht beurteilen. „Natürlich kann das ein Vorteil sein. Trotzdem nimmt jeder in der Liga jeden ernst. Wenn wir überhaupt unterschätzt wurden, ist es jetzt auf jeden Fall vorbei damit“, sagt der 1,90 Meter große Athlet. Mit 7:7 Punkten ist der HSVH im Spiel gegen den punktlosen Tabellenletzten erstmals in dieser Saison der Favorit.

Bei Minden, das im Sommer unter anderem den Abgang von Spielmacherjuwel Juri Knorr zu den Rhein-Neckar Löwen verkraften musste, brennt es hingegen bereits nach sechs Spielen lichterloh. Erst am vergangenen Wochenende gab es im Lokalderby gegen Aufsteiger TuS N-Lübbecke eine 18:23-Heimpleite. „Es sieht zumindest auf dem Papier so aus“, sagt Forstbauer über die Favoritenrolle. „Ich habe mir über die Ausgangslage keine großen Gedanken gemacht.“

Mehr Gedanken dürfte sich der ehemals Aussortierte in zwei Wochen machen. Der Gegner am 31. Oktober ist ein alter Bekannter: die MT Melsungen.