Trainer Jansen klärt auf

„Herausfordernd“: Wie der HSVH mit den Corona-Fällen umgeht

Voll konzentriert auf das Spielgeschehen: Ex-Weltmeister Torsten Jansen (43), Cheftrainer des HSV Hamburg. Neben ihm wartet A-Jugend-Bundesligaspieler Thore Feit (17) auf seinen Einsatz.

Voll konzentriert auf das Spielgeschehen: Ex-Weltmeister Torsten Jansen (43), Cheftrainer des HSV Hamburg. Neben ihm wartet A-Jugend-Bundesligaspieler Thore Feit (17) auf seinen Einsatz.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Kaum eine Mannschaft ist so hart vom Coronavirus betroffen wie der HSV Hamburg. Trainer Torsten Jansen gewährt Einblicke.

Hamburg.  Zwölf Spiele müssen die Handballer des HSV Hamburg (HSVH) noch bis zum Jahresende in der 2. Bundesliga bestreiten – ein Mammutprogramm, eine extreme körperliche und mentale Herausforderung für eine junge Mannschaft, die sich vor Kurzem noch in häuslicher Quarantäne befand, als neun infizierte Spieler nicht mal ins Treppenhaus gehen durften.

Trainer Torsten Jansen (43) blickt daher ungern zurück auf die unnötige erste Saisonniederlage am Sonntag beim Tabellenführer und Aufstiegsfavoriten VfL Gummersbach (25:26), sein Fokus liegt schon auf dem Spiel am Mittwoch (20 Uhr, Sportdeutschland.tv von 19.15 Uhr an mit Vorberichten) in der Sporthalle Hamburg gegen Aufsteiger Fürstenfeldbruck (bei München). Zuschauer sind nicht zugelassen, die Begegnung wird das erste Geisterspiel des Vereins. Ein Gespräch über Corona und die Folgen.

Hamburger Abendblatt: Herr Jansen, gestatten Sie noch eine Frage zum Spiel in Gummersbach. Wie ärgerlich war diese knappe Niederlage?

Torsten Jansen: Wenn wir das abgeliefert hätten, was wir gewöhnlich abliefern, hätten wir das Spiel wahrscheinlich gewonnen. Wir haben uns immer wieder selbst Knüppel zwischen die Beine geschmissen. In einigen Passagen haben wir sehr gut gespielt, die richtigen Entscheidungen getroffen, in anderen unerklärlich schwach.

HSV-Handballer von Corona gebeutelt

Corona, die schwierigen Gesamtumstände sind keine Erklärung für Sie?

Jansen: Die Bedingungen sind für alle Mannschaften schwierig. Wir suchen nicht nach Ausreden, sondern nach Lösungen.

Was sind Ihre derzeit größten Herausforderungen bei der täglichen Trainingsarbeit?

Jansen: Die Planbarkeit ist verloren gegangen. Du weißt nie, wie viele Spieler zum Training kommen, mal fehlen drei, mal vier, zwischenzeitlich hat der gesamte Betrieb für zwei Wochen geruht. Jeder, der nur das geringste Krankheitsanzeichen hat, soll zu Hause bleiben. Da helfen keine ausgeklügelten Trainingspläne, da ist ständiges Improvisieren angesagt. Flexibilität ist das Gebot der Stunde.

Welche Folgen hat das für die Wettbewerbsfähigkeit Ihrer Mannschaft?

Jansen: Bisher sind wir ja ganz gut durch die Saison gekommen. Inzwischen ist die Mannschaft auch fast wieder komplett. Natürlich fehlen die Grundlagen aus der plötzlich unterbrochenen Vorbereitungszeit, das trifft andere Teams aber ähnlich. Unser Vorteil sind die hervorragenden Trainingsbedingungen mit einer super Halle und vielen Nebenräumen.

Was hat sich am stärksten verändert gegenüber der Vor-Corona-Zeit?

Jansen: Wahrscheinlich der Umfang der internen Kommunikation. Früher war ich regelmäßig auch vormittags beim Krafttraining dabei, jetzt bleibe ich lieber zu Hause, schaue mir Spielvideos an, um unnötige Kontakte zu vermeiden. Meine Kinder gehen zur Schule, und keiner weiß schließlich genau, wie ansteckend sie im Infektionsfall sein könnten.

Wie hat sich die Stimmung in der Kabine verändert?

Jansen: Außerhalb des Trainings herrscht bei uns Maskenpflicht, in der Kabine, bei der Videoanalyse, im Mannschaftsbus. Die Spieler sind angehalten, sich so kurz wie möglich in der Umkleide aufzuhalten. Geduscht wird, wenn nicht zu Hause, in Kleingruppen. Das ist gerade für eine junge Mannschaft, die sich gut versteht und gewöhnlich in bestimmten Gruppen viel miteinander unternimmt, schon eine herausfordernde Situation.

HSV Hamburg: Wie kam es zu den vielen Corona-Fällen?

Gibt es unterschwellig Vorwürfe an jene neun Spieler, die sich in den vergangenen Wochen infiziert hatten, dass diese sich nicht an die Regeln gehalten und damit den gemeinsamen Erfolg gefährdet hätten?

Jansen: Ein klares Nein. Momentan sind die Übertragungswege, wie wir wissen, zu 75 Prozent im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar. Bei fünf Spielern, die gemeinsam nach einem Testspiel einen Abend verbracht haben, gibt es eine Vermutung, wo sie sich angesteckt haben könnten, bei den anderen nicht. Es fällt jungen Menschen, die noch keine Familie haben, natürlich schwer, dass sie jetzt weitgehend auf soziale Kontakte verzichten sollen. Das verstehe ich gut. Ich habe meine Eltern seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Ich treffe sie nicht, weil ich sie nicht gefährden will. Fast jeder kennt inzwischen jemanden, bei dem Corona einen ernsthaften Verlauf genommen hat. Handball-Nationalspieler Juri Knorr aus Minden ist das jüngste Beispiel, 20 Jahre alt, ihn hat das Virus mit voller Wucht getroffen. Ein Freund von mir ist Arzt, Mitte vierzig, vorher gesund und vital, jetzt muss er im Krankenhaus beatmet werden, hat nicht mal Luft zum Telefonieren.

Drücken solche Erfahrungen auf die Stimmung, droht die Motivation verloren zu gehen? Verliert Handball da an Bedeutung?

Jansen: Den Eindruck habe ich nicht, im Gegenteil. Nehmen die Spieler ihre Maske ab, geben sie sofort Vollgas, im Spiel und im Training. Es ist wie eine kurze, vorübergehende Rückkehr in die früher gewohnte Normalität, ein kleiner Akt der Befreiung, für den wir alle dankbar sind. Wir haben alle gelernt, das einzuordnen, was mir machen, dass es eben im Leben weit wichtigere Dinge gibt, als Handball zu spielen. Das macht uns alle ein Stück demütig. Normalerweise spazieren wir im Leben auf einer breiten Straße voller Vielfalt, jetzt ist die Straße enger und eintöniger. Das müssen wir akzeptieren, und ich denke, wir haben es akzeptiert.

Dennoch könnten Gedanken aufkommen, dass sich diese Ausnahmesituation für Profisportler nicht beliebig lange fortschreiben lässt. Denkt der eine oder andere bei Ihnen über sein Karriereende nach?

Jansen: Nein. Aber: Die Lage ist nicht nur bei uns, sie ist in unzähligen Berufen ähnlich kompliziert. Natürlich kann sich jetzt jeder viele negative Gedanken machen, sie sind weder hilfreich noch lösungsorientiert. Ich versuche mich und die Mannschaft mit Arbeit abzulenken, uns auf das Hier und Jetzt, auf das Wesentliche zu fokussieren. Das können wir beeinflussen und bei allem Ernst der Lage auch noch Spaß haben. Das ist unser Privileg.