HSV Handball

Martin Schwalb: „Das wird eine brutale Saison“

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Rainer Grünberg
Martin Schwalb (57) trainiert seit Februar den Bundesliga-Spitzenclub Rhein-Neckar Löwen. Sein Amt als Vizepräsident des HSV Hamburg ruht seitdem.

Martin Schwalb (57) trainiert seit Februar den Bundesliga-Spitzenclub Rhein-Neckar Löwen. Sein Amt als Vizepräsident des HSV Hamburg ruht seitdem.

Foto: imago images/wolf-sportfoto

Der Erfolgstrainer des HSV Handball spricht über Corona, Belastungen, Gehaltsverzicht und die Leidenschaft für seinen Beruf.

Mannheim.  Am Dienstagabend hatte Martin Schwalb (57) mit den Rhein-Neckar Löwen gegen den dänischen Spitzenclub Tvis Holstebro die Gruppenphase der European League erreicht, am Mittwochmorgen begann für ihn die Vorbereitung auf die neue Handball-Bundesligasaison, die heute startet. Die Mannheimer sind am Sonntag gegen den TVB Stuttgart erstmals gefordert. Im Abendblatt-Interview blickt der Erfolgstrainer des HSV Handball (2005 bis 2011 und 2012 bis 2014) auf „die wohl schwierigste Spielzeit“ seiner Karriere voraus.

Hamburger Abendblatt: Herr Schwalb, in Zeiten wie diesen, ist da bei Ihnen die Freude auf die neue Saison ungetrübt?

Martin Schwalb: Die Freude ist da, wie immer. Wir sind Spielkinder, und man hatte uns monatelang unser Spielzeug weggenommen. Wir sind froh, dass wir uns und unsere Sportart wieder präsentieren können, auch wenn die Umstände gewöhnungsbedürftig werden.

Die Bundesliga mit 20 Mannschaften, Europapokal, im Januar die WM in Ägypten, im März die Olympia-Qualifikation, im Juli/August Olympische Spiele. Die Belastungen für die Spieler sind enorm, Kritiker sprechen von vorsätzlicher Körperverletzung.

Schwalb: Es ist der Wahnsinn. Beim deutschen Meister THW Kiel könnten in dieser Saison vier Final4 dazukommen: Champions League alte und neue Saison, dasselbe im nationalen Pokal. Es ist hoffentlich eine einmalige Situation, die sich in dieser brutalen Form nicht wiederholen darf. Die Verletzungsgefahr ist enorm. Es sind aber nicht nur die Spiele, die Reisen kommen hinzu. Wir waren zum Europapokalspiel in Dänemark von Mannheim aus mit dem Bus unterwegs. Das fördert nicht gerade die Regeneration. Die Fußballer wissen schon, warum sie von Stuttgart nach Basel fliegen. (Schwalb bittet an dieser Stelle um ein Smiley.)

Wie reagieren Sie als Trainer darauf?

Schwalb: Mit entsprechender Belastungssteuerung im Training und im Spiel. Wir werden die Einsatzzeiten vor allem der Nationalspieler dosieren müssen, die Spielanteile stärker auf den gesamten Kader verteilen. Aber es passieren ja nicht nur Verletzungen aufgrund zu hoher Belastungen. Handball ist ein intensiver Kontaktsport, da kommt es auch zu Unfällen wie jetzt bei unserem Nationalspieler Jannick Kohlbacher, als sein Gegenspieler ihm in den Arm griff und er sich die Bänder im Ellenbogen riss.

Gewöhnungsbedürftig wird es sicherlich auch sein, vor leeren oder kaum besetzten Rängen zu spielen. Die Rhein-Neckar Löwen müssen in ihrer SAP-Arena erst mal ganz ohne Publikum auskommen.

Schwalb: Das war anders nicht machbar, auch weil die meisten Hallenmitarbeiter noch in Kurzarbeit sind. Ohne oder fast ohne Zuschauer zu spielen ist eine weitere Herausforderung. Der Heimvorteil, im Handball ein noch größerer Faktor als etwa im Fußball, fällt dadurch weg. Da ist dann keine Kulisse, die dich pusht, die Druck auf die Schiedsrichter macht, indem sie zum Beispiel „Zeitspiel“ ruft.

Welcher Typ Mannschaft wird damit gut umgehen können?

Schwalb: Alle Teams, die einfach Spaß am Handballspielen haben, die charakterfest sind, die keine Motivation von außen brauchen. Wir spielen weiter für unsere Gemeinschaft, für unsere Fans, egal, wo sie uns zuschauen: in der Halle, im Fernsehen, im Livestream oder bei YouTube.

Die Motivation wird auch nicht darunter leiden, dass alle Spieler diese Saison auf 20 Prozent ihres Gehaltes verzichten müssen?

Schwalb: Das Thema ist bei uns geklärt und damit erledigt, auch wenn es schmerzlich bleibt, für mehr Arbeit, die in dieser Saison ja ansteht, weniger Lohn zu erhalten. Aber es ist alternativlos. Den Vereinen fehlen große Teile ihrer Einnahmen. Wir sind alle froh, dass wir überhaupt wieder antreten dürfen.

Bei den Rhein-Neckar Löwen hatten sich im März/April acht Spieler und Sie mit dem Coronavirus infiziert. Spüren Sie irgendwelche Spätfolgen? Kann die Mannschaft wieder voll belastet werden?

Schwalb: Mir persönlich geht es wieder sehr gut, auch allen Spielern. Die Infektionen sind jetzt fast ein halbes Jahr her. Der eine oder andere klagt allerdings noch manchmal darüber, dass sein Geschmackssinn nicht wieder völlig intakt sei. Wir haben alle Spieler mehrmals gründlich untersucht, auch Lungenfunktionstests gemacht, bisher haben unsere Mediziner keine Auffälligkeiten oder Spätfolgen feststellen können.

Beim HSV Hamburg, bei dem Sie gerade Ihr Amt als Vizepräsident ruhen lassen, sind jetzt fünf Spieler infiziert. Wie wird sich das auf die Saison in der 2. Liga auswirken?

Schwalb: Natürlich müssen diese Spieler ganz langsam wieder an die normalen Belastungen herangeführt werden. Aber der Verein hat eine hervorragende medizinische Abteilung, da mache ich mir keine Sorgen; auch über die Saison nicht. Die Mannschaft wirkt sehr stabil, gefestigt und hat sich hervorragend weiterentwickelt.

Sie arbeiten nach fast sechs Jahren Pause wieder als Trainer. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Schwalb: Ich war und bin Trainer aus Leidenschaft, und wenn dann ein Angebot eines solchen Vereins wie der Rhein-Neckar Löwen kommt, ist das auch eine große Ehre. Der Job macht mir weiter unheimlich viel Spaß, und ich habe hier eine tolle Mannschaft.

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Die was in dieser Saison erreichen kann?

Schwalb: Meister Kiel und Vizemeister Flensburg werden wieder um den Titel werfen. Ich hoffe, dass wir mit den Füchsen Berlin und der MT Melsungen, die sich beide gut verstärkt haben, und dem SC Magdeburg in die Rolle des Herausforderers schlüpfen können. Das gelingt aber nur, wenn alle in den nächsten Monaten gesund und von schwerwiegenden Verletzungen verschont bleiben. Darauf kommt es diese Saison in erster Linie an.