Enthüllung

Der Aufstieg und der Fall der HSV-Handballer

2011 wird der
HSV zum ersten
und einzigen Mal
deutscher Meister.
Am 5. Juni
lässt sich das
Team (v. l. Hans
Lindberg, Torwart
Per Sandström,
Marcin
Lijewski) auf dem
Rathausbalkon
von Tausenden
Fans feiern

2011 wird der HSV zum ersten und einzigen Mal deutscher Meister. Am 5. Juni lässt sich das Team (v. l. Hans Lindberg, Torwart Per Sandström, Marcin Lijewski) auf dem Rathausbalkon von Tausenden Fans feiern

Foto: Witters

Was sich jenseits des Spielfeldes in der Führung abgespielt hat – eine Tragödie aus Eitelkeiten, Misstrauen und Selbstüberschätzung.

Hamburg. Das ist die Geschichte des Handball-Sport-Vereins (HSV) Hamburg. Es ist lange Zeit eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Der Club wird 2011 deutscher Meister, gewinnt 2013 die Champions League, wird zuvor zweimal deutscher Pokalsieger (2006 und 2010), holt 2007 den Europapokal der Pokalsieger. Mehr als 10.000 Zuschauer sehen in den Hochzeiten im Saisondurchschnitt die Heimspiele in der Arena am Volkspark, das ist Ligarekord. Das Abendblatt zeichnet den HSV viermal als Hamburgs Mannschaft des Jahres aus.

Die Geschichte dieses Vereins ist untrennbar verbunden mit dem Wirken seines langjährigen Präsidenten, Hauptsponsors und Mäzens Andreas Rudolph, 61. Ohne ihn wäre der Verein 2005 pleitegegangen, ohne ihn hätte es keinen der folgenden Triumphe gegeben. Rudolph schafft aber ein Kon­strukt, das ohne seine Millionen nicht bezahlbar ist. Zwischen Einnahmen und Ausgaben klafft nach jeder Saison eine Lücke im siebenstelligen Bereich – und sie wird immer größer. Ohne Rudolphs Geld und seine Darlehen ist der Verein nicht überlebensfähig. Das scheint von ihm auch so gewollt. Wahrscheinlich mehr als 50 Millionen Euro kostet ihn in elf Jahren sein Engagement. Die genaue Summe kennt nur er.

Als Rudolph im Herbst 2015 endgültig die Lust an seinen Handballern verliert, ist die Party schnell vorbei. Der HSV Hamburg ist insolvent und stellt den Spielbetrieb ein. Wie konnte es dazu kommen? Die Chronologie eines einzigartigen Niedergangs.

Sommer 2009

Sportchef Christian Fitzek entwickelt das Modell 10+4. Statt aus 14 oder mehr Weltklassespielern soll der HSV-Kader nur noch aus zehn bestehen, ergänzt um vier talentierte Nachwuchskräfte. Damit ließe sich nach Fitzeks Einschätzung immer noch um die deutsche Meisterschaft und den Champions-League-Titel spielen. Der Gehaltsetat könnte von 6,5 auf fünf Millionen Euro gesenkt werden.

Rudolph segnet mit dem Präsidium die Vorlage ab. Er selbst hat ein Sparkonzept gefordert. Denn das Finanzamt beginnt sich für seine Zuwendungen zu interessieren. Rudolph hat pro Saison bis zu fünf Millionen Euro investiert, um die Handballer nach der ersten Insolvenz im Jahr 2005 wieder flottzukriegen. Und er will maximalen Erfolg: die deutsche Meisterschaft gewinnen und die Champions League. Diese Ziele hat er schon kurz nach Amtsantritt in einem Strategiepapier festschreiben lassen. Dafür scheut der Ahrensburger Medizintechnikunternehmer keine Kosten. Zahlen interessieren ihn lange nicht, der sportliche Erfolg geht ihm über alles. Nach Niederlagen kündigt er aber immer wieder seinen Rückzug an. Zum Glück verliert das Team nur selten.

Dann aber zeigt sich: Von der Steuer absetzbar als Betriebs- oder Werbungskosten ist nur ein Teil von Rudolphs Investment, der Umfang des Sponsorings muss markt- und branchenüblich sein. Höhere Ausgaben stuft das Finanzamt nach drei Jahren als Liebhaberei ein, wenn bis dahin mit dem Geschäftsbetrieb kein Gewinn erzielt wurde oder dieser absehbar ist.

Mit Handball ist kein Gewinn zu machen. Für Rudolph heißt das: Privates, bereits versteuertes Geld, das er in den Club schießt, muss er ein zweites Mal versteuern in fast der gleichen Höhe. Rückwirkend fordert das Finanzamt einen hohen einstelligen Millionenbetrag. Einigen können sich beide Seiten später auf eine wesentlich kleinere Summe.

30. Mai 2010

Rudolph hat die Mannschaft vor dem letzten Saisonspiel wieder einmal für drei Tage auf seine Finca eingeladen. Er ist kein geiziger Mensch, im Gegenteil, er ist äußerst großzügig, hilfsbereit, und er lädt gern ein, im Sommer nach Mallorca, im Winter zum Skifahren nach Ischgl. Für seine Spieler tut er alles. Er hilft dem dänischen Rechtsaußen Hans Lindberg, der bei Immobiliengeschäften einem windigen Anlageberater aufgesessen ist. Für andere Spieler schuldet er schon mal Kredite zu günstigeren Konditionen um.

Auch Präsidiums- und Aufsichtsratsmitglieder sind der Einladung nach Mallorca gefolgt. Rudolph eröffnet ihnen, dass er die Zusammenarbeit mit Trainer Martin Schwalb („Mit ihm werden wir nie Meister“) aufkündigen werde. Als Rudolph von dem Gespräch zurückkehrt, bleibt Schwalb noch ein Jahr im Amt, danach soll er Geschäftsführer des Vereins werden. Einen Nachfolger als Trainer zum 1. Juli 2011 hat der Präsident bereits gefunden: den Schweden Per Carlén von der SG Flensburg-Handewitt. Die Personalie hält Rudolph erst einmal geheim.

28. August 2010

Der Saisonstart misslingt. Der HSV verliert gleich das erste Spiel bei Frisch Auf Göppingen 30:32. Am Abend rechnet Rudolphs Bruder Matthias an der Hotelbar im privaten Kreis mit der Mannschaft, Trainer Schwalb und allen Präsidiums- und Aufsichtsratsmitgliedern ab („Von denen kommt schon seit Jahren nichts“). Der Apotheker, später Präsident und Hauptgesellschafter der HSV Handball Betriebsgesellschaft, dringt auf Schwalbs Rauswurf („Das hätte mein Bruder längst machen müssen“), beklagt die fehlende Klasse des Teams. Man habe wieder einmal die falschen Leute eingekauft und die auch noch viel zu gut bezahlt.

Andreas Rudolphs Reaktion fällt anders aus als von seinem Bruder erwartet. Radikale Maßnahmen, fürchtet er, würden die Mannschaft weiter verunsichern, den Traum vom Titel zerstören. Alles soll beim Alten, das Wohlfühlklima bestehen bleiben. Das Modell 10+4 und Kündigungen sind ebenso vom Tisch wie Gehaltskürzungen von 15 Prozent. Die Verträge mit den französischen Publikumslieblingen und Topverdienern Bertrand und Guillaume Gille werden um zwei Jahre verlängert – entgegen internen Absprachen zu denselben Konditionen.

Der Erfolg gibt Andreas Rudolph später recht. Doch der Preis für den Meistertitel ist hoch. Das Delta zwischen Einnahmen und Ausgaben, das Rudolph bislang immer ausgeglichen hat – zum größten Teil mit Darlehen –, wird größer, obwohl der Verein Rekorderträge verzeichnet. Sponsoren- und Zuschauereinnahmen belaufen sich ohne Rudolphs Alimente und das Geld seiner Firmen auf rund 7,5 Millionen Euro. Die Ausgaben betragen fast 11,5 Millionen Euro.

Die Pläne über strukturelle Änderungen verschwinden in der Schublade. „Gehaltsanpassungen“ mit den Profis sind mit ihm nicht zu machen. In diesen Jahren ist das Prozedere wie folgt: Der jeweilige Sportchef bietet einen neuen Vertrag zu geringeren Konditionen an. Der Spieler lehnt ab, geht zu Rudolph und erhält am Ende mehr Geld. Das spricht sich im Team schnell herum. Kapitän Pascal Hens hofft auf einen neuen Zweijahresvertrag – und erhält einen über fünf. Den Vertrag mit Rechtsaußen Lindberg verlängert Rudolph gleich um sieben Jahre bis 2017.

26. Dezember 2010

Rudolph lässt Sportchef Fitzek zum 30. Juni 2011 kündigen – um zu sparen, wie es heißt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Wolf muss Fitzek die Nachricht nach dem 30:25-Sieg gegen Göppingen am zweiten Weihnachtstag überbringen. Rudolph hintertreibt zudem den Plan, den bisherigen Vizepräsidenten Dierk Schmäschke im Sommer 2011 zu seinem (bezahlten) Nachfolger als Präsident zu machen. Rudolph sagt: „Das muss der Aufsichtsrat entscheiden.“ Der Aufsichtsrat sagt: „Das muss Rudolph entscheiden.“ Schmäschke, der seit 2005 ein Sponsorennetzwerk für den HSV aufgebaut hatte, kehrt daraufhin zur SG Flensburg-Handewitt zurück. Fitzek wird später Geschäftsführer beim Zweitligaclub Bad Schwartau.

11. Mai 2011

Viertletzter Bundesliga-Spieltag, der HSV empfängt den VfL Gummersbach. Als die Spieluhr in der O2 World abgelaufen ist, regnet es Lametta vom Hallendach, Feuerwerkskörper werden gezündet. Die Hamburger sind erstmals deutscher Meister. Rudolph und Schwalb, der scheidende Präsident und der scheidende Trainer, liegen sich freudetrunken in den Armen, umtost vom Lärm der 13.296 Fans auf den Rängen. Beide haben ihre Mission erfüllt.

Rudolph lädt die Mannschaft spontan auf sein Anwesen auf Mallorca ein. Die Meistersause geht auf Kosten der Champions-League-Endrunde gut zwei Wochen später, bei der der HSV im Halbfinale sang- und klanglos scheitert.

14. Dezember 2011

Schwalb, inzwischen Präsident und Geschäftsführer, und sein Vorgänger ­Andreas Rudolph stehen während des Pokalspiels bei den Rhein-Neckar Löwen direkt hinter der HSV-Bank. Schwalb ruft Spielzüge („Lemgo links!“), erteilt den Torhütern Anweisungen. Der HSV rettet sich über die Verlängerung ins Viertelfinale. Per Carlén aber, der neue Trainer, ist de facto schon entmachtet. Die Meistermannschaft fremdelt mit Trainingsmethoden und Spieltaktik, die Führungsspieler beklagen sich bei Rudolph über den Schweden. Rudolph gesteht schon Anfang Oktober Vertrauten: „Wir haben einen großen Fehler gemacht.“

Carlén wird am 28. Dezember entlassen, klagt später erfolgreich auf 600.000 Euro Abfindung. Co-Trainer Jens Häusler übernimmt zunächst. Ende März 2012 gibt Schwalb dem Drängen nach und sein Comeback auf der Trainerbank. Sein Präsidentenamt gibt er auf. Der Meistercoach, den die Rudolph-Brüder zwei Jahre zuvor vom Hof jagen wollten, ist plötzlich wieder in der Rolle des Hoffnungsträgers. Das Aus im Achtelfinale der Champions League gegen die Füchse Berlin kann auch Schwalb nicht verhindern, in der Bundesliga reicht es nur zu Platz vier. Auch die wirtschaftlichen Sorgen wachsen. Rund 800.000 Euro fehlen am Saisonende. Die Verbindlichkeiten nimmt die Spielbetriebsgesellschaft mit in die nächste Saison. Andreas Rudolph hat zwar kein Vereinsamt mehr, doch weiterhin geht nichts ohne ihn.

2. Januar 2012

Das Abendblatt berichtet über neuen Ärger mit dem Finanzamt. Diesmal geht es um kostenloses Essen und Trinken nach den Heimspielen für die Spielerfrauen im VIP-Raum der Arena, um Ehrenkarten, Freikarten für Präsidium und Aufsichtsrat, Trainingsanzüge für die Profis. Das sei alles geldwerter Vorteil, sagen die Beamten. Der deutsche Meister soll rund eine halbe Million Euro nachversteuern.

1. September 2012

Der neue Präsident Matthias Rudolph verteidigt im Abendblatt-Interview seinen Plan, die Spielergehälter um 20 Prozent zu kürzen: „Wenn der Weg nicht mitgetragen wird, bekommen wir ein Problem.“ Die Mannschaft rebelliert zunächst, zeigt sich später kompromissbereit. Kreisläufer Igor Vori will sich als Einziger dem Verzicht nicht anschließen. Es kommt zu keiner Einigung. Im November verkündet Geldgeber Andreas Rudolph: Die Gehälter bleiben, wie sie sind.

2. Juni 2013

Champions-League-Finale in Köln. Dem HSV, der in der Bundesliga so enttäuscht hat, gelingt die Sensation. Nach dem furiosen 39:33-Erfolg im Halbfinale gegen Kiel besiegt der Außenseiter im Finale vor 19.000 Fans auch den FC Barcelona 30:29 nach Verlängerung.

Gefeiert wird der bislang größte Triumph gegenüber der Lanxess-Arena im Restaurant Henkelmännchen bis in den frühen Morgen. Andreas Rudolph lädt Fans und Spieler ein und verrät im kleinen Kreis: „Ich bin wieder voll dabei.“ Präsident Matthias Rudolph sagt: „Das ist erst der Anfang. Wir wollen noch viele große Titel holen.“

12. August 2013

Der HSV hat zur Pressekonferenz geladen. Frank Rost, der frühere HSV-Fußballtorhüter und neue HSV-Handball-Geschäftsführer, sitzt auf dem Podium. Er gibt sich wortkarg, wirkt seltsam abwesend, aber was er sagt, lässt aufhorchen: „Gemessen an unserem Saisonetat müssten wir die Titel nur so reinholen.“ Was nur wenige ahnen: Rost hat am Morgen seinen Rücktritt beschlossen, nach nur 42 Tagen im Amt.

Andreas Rudolph hat sich von Rost Impulse bei der Sponsorenakquise und für die Arbeit der Geschäftsstelle erhofft, mit der er seit Jahren unzufrieden ist. Rost will die Abhängigkeit des Vereins von Rudolph zurückfahren, fordert von ihm dafür einen Dreijahresplan und eine Ausstiegsstrategie. Was Rost nicht ahnt: Damit hat er sein Aus als Geschäftsführer praktisch selbst besiegelt. Rudolphs Wunsch, sich zurückzuziehen, wird sich noch öfter als Lippenbekenntnis erweisen.

Auch Rosts Versuch, auf der Geschäftsstelle neue, effizientere Strukturen zu schaffen, scheitert, weil er für die richtige Ziele mit den falschen Worten kämpft. Als Präsident Matthias Rudolph mit dem Montenegriner Zarko Markovic unabgesprochen den 19. Profi verpflichtet, obwohl der Saisonetat längst ausgeschöpft ist, wertet Rost das als bewusste Brüskierung. Ein derartiges Geschäftsgebaren könne er nicht guten Gewissens vertreten.

Als der Aufsichtsrat, der Einzelausgaben von mehr als 100.000 Euro absegnen muss, Andreas Rudolph fragt, wie der aufgeblähte Kader finanziert werden soll, antwortet der: „Das geht euch gar nichts an, das ist meine Aufgabe.“ Rudolphs Gleichung lautet: Mit dem Erfolg kommen Sponsoren und Zuschauer. Sie geht nicht auf. Der sportliche Umbruch nach dem Champions-League-Sieg misslingt. Sechs Spieler gehen, sieben neue kommen. Mit dem vermutlich besten Kader der Vereinsgeschichte werden die Hamburger in der Bundesliga Vierter und scheitern in der Champions League bereits im Achtelfinale an Vardar Skopje.

18. Februar 2014

Andreas Rudolph, nach dem Rücktritt seine Bruders seit November 2013 wieder Präsident, hat zu einer folgenschweren Pressekonferenz geladen. Er will wachrütteln, die Hamburger Wirtschaft zu mehr Engagement beim HSV Handball animieren, doch mit einem Satz konterkariert er alle seine Bemühungen: „Der HSV Hamburg ist ein Sanierungsfall.“ Abgesprochen ist dieses Statement nicht. Pressesprecher Michael Freitag wirkt geschockt.

Zuvor hat Rudolph auf der Geschäftsstelle alle Mitarbeiter zum Saisonende entlassen und den stets loyalen Geschäftsführer Christoph Wendt fristlos gekündigt. Uwe Schwenker, einstiger Manager des Konkurrenten THW Kiel und Gegenspieler Rudolphs, lehnt am Morgen des Tages dessen Angebot ab, Wendts Nachfolge anzutreten. Nach dem Medientermin gibt sich Rudolph gegenüber den Mitarbeitern wieder versöhnlich, lädt sie nach Ischgl ein. Diesmal aber kommt niemand.

5. März 2014

Rudolph präsentiert einen neuen Geschäftsführer, seinen „Traumkandidaten“: Dr. Holger Liekefett, ehemaliger Manager der Carlsberg-Brauerei. Und das Beste: Liekefett verzichtet bis auf Weiteres auf ein Gehalt.

6. April 2014

Nach dem Champions-League-Aus gegen Vardar Skopje kann der Verein die am 5. April fälligen März-Gehälter nicht bezahlen. Liekefett bereitet einen Insolvenzantrag vor. Rudolphs Anwälte halten ihn zunächst davon ab, drohen ihn zu verklagen, weil er Vermögenswerte ihres Klienten vernichten würde.

10. April 2014

Liekefett muss jetzt handeln, will er sich nicht der Insolvenzverschleppung schuldig machen. Er informiert Rudolph, dass er am Mittag zum Amtsgericht fahre. „Nimm dein Handy mit!“, erwidert Rudolph am Telefon. Als Liekefett kurz vor 13 Uhr am Sievekingplatz eintrifft, meldet sich Rudolph: „Die Überweisung ist unterwegs.“ Liekefett kehrt zur Geschäftsstelle zurück.

15. April 2014

Vor dem Bundesligaspiel des HSV in Magdeburg erklärt Rudolph im TV-Sender Sport1: „Es gibt keine Probleme. Alles wird bezahlt.“ Das avisierte Geld kommt nicht, zumindest nicht in dem benötigten Umfang. Nach der 25:33-Niederlage geht Rudolph in die Kabine, staucht die Mannschaft zusammen. Eine halbe Stunde später lädt er die Führungsspieler zum Osterurlaub nach Mallorca ein. Wieder kommt niemand.

8. Mai 2014

Rudolph tritt zum zweiten Mal als Präsident zurück. 22 Stunden zuvor hat ihn Liekefett noch einmal mit der aktuellen Finanzsituation konfrontiert. Den Grund seiner Demission verrät Rudolph später Vertrauten: Gegen ihn werde im Verein im Hintergrund intrigiert, sein Sturz vorbereitet. Maßgebliche Strippenzieher sollen Meistertrainer Schwalb und Vizepräsident Frank Spillner sein. Spillner, wie Rudolph erfolgreich in der Medizintechnikbranche tätig, versucht in den nächsten Monaten als Interimspräsident zu retten, was zu retten ist.

Ein Plan von Sportsenator Michael Neumann, Rudolph für sein Engagement mit einer Medaille oder Urkunde zu ehren und den HSV auf diese Weise zu unterstützen, ist damit hinfällig.

Rudolphs Rücktritt trifft den Verein im Lizenzierungsverfahren für die Spielzeit 2014/15 hart. Ohne Rudolphs schriftliche Garantie, die Lücke zwischen Ein- und Ausgaben zu schließen, hat der HSV keine Chance, die Spielberechtigung zu erhalten. Rudolph bleibt bei seiner Linie: Jetzt sollen andere in die Bresche springen. Die Handball-Bundesliga (HBL) verweigert am 15. Mai in erster und am 3. Juni in zweiter Instanz dem HSV die Lizenz.

Vor allem Matthias Rudolph, dem sein Bruder im Januar 2013 seine HSV-Mehrheitsanteile übertragen hat, will das nicht akzeptieren. Er mobilisiert alle Kräfte, engagiert den Münchner Sportrechtler Dr. Thomas Summerer. Der fordert 20.000 Euro Vorschuss für die Übernahme des Mandats. Niemand aus Präsidium und Aufsichtsrat kann oder will die Summe auslegen. Matthias Rudolph erklärt sich schließlich dazu bereit, aber er fordert als Pfand den „Goldenen Arm“, die Champions- League-Trophäe von 2013. Spillner legt sein Veto ein: „Die bleibt hier. Die ist Vereinseigentum, die gehört nicht der Betriebsgesellschaft.“ Matthias Rudolph engagiert Summerer trotzdem.

25. Juni 2014

Das Schiedsgericht der HBL erklärt nach einer siebenstündigen Sitzung in Minden den Lizenzentzug für unrechtmäßig, weil dem HSV keine Fristen eingeräumt wurden, die Mängel in seinen Unterlagen zu beheben. Bis zum 1. Juli hat der Verein jetzt Zeit, um seinen Lizenzantrag nachzubessern.

1. Juli 2014

Matthias Rudolph wartet in Dortmund auf der Geschäftsstelle der Handball-Bundesliga auf die Verpflichtungserklärung seines Bruders über 4,459 Millionen Euro. Um 17 Uhr läuft die Frist ab. Um 16.56 Uhr treffen die Dokumente ein. Um 17.46 Uhr teilt die HBL mit, die Papiere seien in Ordnung. Der HSV bleibt erstklassig.

3. Juli 2014

Andreas Rudolph fordert von Liekefett die Entlassung Schwalbs. Der Trainer, damals noch ein starker Raucher, erleidet am Tag nach der fristlosen Kündigung in seinem Haus einen schweren Herzinfarkt. Im Krankenhaus Heidberg werden ihm in einer Notoperation vier Bypässe eingesetzt. Das Arbeitsgericht Hamburg erklärt später die Kündigung für unwirksam und spricht Schwalb 294.000 Euro zu.

21. Juli 2014

Ein neuer Trainer, der Franzose Christian Gaudin, tritt sein Amt an. Die Vorbereitungszeit ist nach dem Lizenzhickhack kurz, das Team nach den Abgängen von sieben Weltklassespielern, darunter der Wechsel von Welthandballer Domagoj Duvnjak zum THW Kiel, nur noch Mittelmaß. Gaudin wird am 15. Dezember entlassen, Co-Trainer Häusler übernimmt erneut. Am Saisonende wird der HSV Neunter und erreicht das Finale um den europäischen EHF-Pokal, verliert dies bei Gastgeber Füchse Berlin mit 27:30. Die Zuschauerzahlen gehen weiter zurück.

6. August 2014

Nach dem Rücktritt Liekefetts kehrt der einstige Sportchef Christian Fitzek als Geschäftsführer zum HSV zurück. Er und Andreas Rudolph verabreden: Ein Jahr Konsolidierung der Finanzen, danach wird wieder angegriffen. Die bilanzielle Verschuldung der Betriebsgesellschaft ist auf 2,5 Millionen Euro angewachsen, die Liquidität dank Rudolphs Verpflichtungserklärung aber gesichert. Der Hauptsponsor und Mäzen macht in einem Schreiben an den Verein aber eine Gegenrechnung auf. Seine Garantien vermindern sich demnach um jene Summen, die der HSV in dieser Saison einspart oder zusätzlich einnimmt, insgesamt bis zu 4,5 Millionen Euro. Rudolph soll nur dann zur Kasse gebeten werden, wenn andere Maßnahmen nicht greifen. Präsidium und Aufsichtsrat erfahren lange Zeit nichts von dieser Verabredung.

23. Oktober 2014

Der Reiseunternehmer Karl Gladeck aus Kleinostheim bei Aschaffenburg wird neuer Vereinspräsident. Er gilt als Strohmann der Rudolph-Brüder, sie haben ihm über Jahre große Aufträge gesichert. Gladeck kündigt an, er werde für eine Million Euro neue Sponsoren akquirieren. Entsprechende Abschlüsse folgen indes nicht. Unterm Strich verliert der HSV mehr Partner, als dass er neue hinzugewinnt.

2. Juli 2015

Erster Arbeitstag des neuen Trainers Michael Biegler. Der erfahrene Bundesligacoach, der im Hauptamt die polnische Nationalmannschaft betreut, formt aus zehn Neuzugängen mit HSV-Ikonen wie Torhüter Johannes Bitter, Rechtsaußen Lindberg und Kapitän Hens eine schlagkräftige Mannschaft, die nach Startschwierigkeiten attraktiven und erfolgreichen Handball spielt und sich in der Bundesliga bis auf Platz vier vorwirft. Der Gehaltsetat (inklusive Geschäftsstelle) ist mit 3,3 Millionen Euro nur noch halb so hoch wie in der Meistersaison 2010/2011.

Die Zuschauerzahlen aber gehen nochmals zurück, auf unter 5000 pro Spiel. Erst als der HSV um seine Existenz kämpft, steigen sie wieder auf mehr als 10.000. Die Sponsoringeinnahmen sind auf 2,1 Millionen Euro gefallen, den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren. Die bilanziellen Schulden der Betriebsgesellschaft betragen zu Saisonbeginn 3,3 Millionen Euro – neuer Höchststand. Die Lizenz von der Handball-Bundesliga erhält der HSV nur aufgrund einer Verpflichtungserklärung von Andreas Rudolph über 2,5 Millionen Euro.

August 2015

Schon zu Saisonbeginn plagen den Verein Liquiditätsprobleme. Die Einnahmen aus dem Dauerkartenverkauf sind wie in der Vergangenheit zur Deckung des vorigen Saisonetats genutzt worden. Zahlreiche Rechnungen aus der Vergangenheit, wie die Mieten für Barclaycard- und Volksbank-Arena, sind offen. Geschäftsführer Fitzek sieht keinen anderen Ausweg, als Rudolphs Verpflichtungserklärung einzufordern. Rudolph droht am Telefon, berichten Ohrenzeugen: „Wenn du das machst, gibt es künftig keinen Cent mehr von mir.“ Fitzek schreibt Rudolph einen Brief, fordert schriftlich das Geld an. Rudolph sagt später öffentlich: „Ich wusste damals nicht, wie es um den Verein steht. Die Verpflichtungsermächtigung hat sich der Club bei mir erschlichen.“

13. September 2015

Die Mannschaft hat von den erneuten finanziellen Problemen erfahren. Sie fordert Aufklärung. Beim Auswärtsspiel in Gummersbach geht Matthias Rudolph in die Kabine und erklärt: „Die Saison ist gesichert.“ Der HSV gewinnt anschließend das Spiel mit 30:21.

September 2015

Das ehemalige Präsidiumsmitglied Spillner fordert ein Darlehen über 150.000 Euro zurück. Der Zahlungstermin ist überfällig. Rudolph entscheidet: Spillner bekommt sein Geld nicht, seine eigenen Darlehen seien schließlich auch nie beglichen worden. Spillner lässt darauf die HSV-Konten bei Haspa und Commerzbank pfänden. Der HSV ist in diesem Moment zahlungsunfähig. Die nächsten Gehälter können nur gezahlt werden, weil Rudolphs Sohn Thorsten mit einer Einlage von 200.000 Euro neuer Kommanditist der Betriebsgesellschaft wird.

Ende September 2015

Andreas Rudolph lädt den Mannschaftsrat – Kapitän Hens, Torhüter Bitter, Matthias Flohr und Piotr Gra­bar­czyk – sowie Geschäftsführer Fitzek zum Abendessen ins Restaurant Palazzo an der Rothenbaumchaussee ein. Seine Botschaft: Macht euch keine Sorgen. Wir kriegen das hin. Trotz aller Launen: Rudolph ist stets allen Verpflichtungen nachgekommen, oft mehr als das. Erst ganz am Schluss wird er wortbrüchig. Rudolph sieht das anders: „Was ich versprochen habe, habe ich immer eingehalten – bis zum Ende.“

12. November 2015

Geschäftsführer Fitzek hat eine Krisensitzung in den Geschäftsräumen einberufen, will die Gläubiger zum Verzicht oder zur Stundung ihrer Forderungen überreden. Rudolph ist grundsätzlich bereit zu helfen, wenn alle Gläubiger mitziehen. Eine Einigung kommt nicht zustande. Rudolph beklagt die geringen Zuschauerzahlen, das Fehlen neuer Sponsoren, er hält das ganze Projekt für gescheitert, sieht keine Perspektive mehr, will gutes Geld keinem schlechten hinterherschießen, wie er später sagt. Die sportlichen Erfolge versöhnen ihn nicht. Er fremdelt mit der neuen Mannschaft, die meisten Spieler kennt er kaum.

14. Dezember 2015

Fitzek sieht keinen Ausweg mehr, meldet beim Amtsgericht Hamburg die Insolvenz der HSV Handball Betriebsgesellschaft mbh & Co. KG wegen Überschuldung und fehlender Liquidität an. Fünf Tage zuvor ist sein letzter Rettungsversuch gescheitert. Rudolph sagt ein Treffen mit ihm ab. Der Rechtsanwalt Dr. Gideon Böhm wird – wie schon im Jahr 2005 – zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

20. Januar 2016

Die Handball-Bundesliga entzieht dem HSV die Lizenz. In den Unterlagen findet Böhm eine Erklärung Rudolphs an den Verein, die seine für die Lizenzvergabe entscheidende Verpflichtungsermächtigung über 2,5 Millionen Euro unter Vorbehalte stellt. Die HBL wertet das als Betrug. Böhm verzichtet auf eine Klage. Sie hätte Aussicht auf Erfolg gehabt. „Rudolph wollte im Innenverhältnis mit dem Club nur sicherstellen, dass seine Garantien allein dann in Anspruch genommen werden, wenn der HSV keine anderen Einnahmen generiert. Das ist völlig normal und keinesfalls ein Betrug“, sagt ein Anwalt dem Abendblatt.

25. Januar 2016

Alle Verhandlungen mit potenziellen Geldgebern haben sich zerschlagen, niemand ist bereit, sofort einzusteigen. Dem HSV fehlen rund 1,5 Millionen Euro, um die Saison zu beenden. Böhm meldet Insolvenz an und die Mannschaft vom Spielbetrieb ab und kündigt allen Mitarbeitern zum 30. April. Insgesamt 40 Arbeitsplätze sind verloren.

Die 17 Profis finden bis auf den verletzten Drasko Nenadic kurzfristig alle einen Job bei anderen Vereinen, die Mitarbeiter der Geschäftsstelle aber melden sich arbeitslos. In der Bundesligatabelle wird der HSV fortan mit null Punkten als Letzter geführt.

Die Liste der Gläubiger der Betriebsgesellschaft ist lang, ihre Forderungen belaufen sich auf rund 10,5 Millionen Euro. Böhm erkennt davon nur 2,5 Millionen an. Andreas Rudolph soll verklagt werden, weil „berechtigte Forderungen“ aus seinen Verpflichtungserklärungen bestünden, beschließt die Gläubigerversammlung am 13. April.

16. April 2016

Die U23 des HSV gewinnt beim TSV Ellerbek 27:24 und steigt als Meister der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein in die Dritte Liga Nord auf.

18. April 2016

Die Mitgliederversammlung des HSV e .V. wählt einen neuen Aufsichtsrat. Der bestimmt den Textilunternehmer Marc Evermann, 44, zum Präsidenten. Martin Schwalb wird Vizepräsident, zuständig für Sport und Kommunikation. Unternehmer Alexander Otto und Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube, gebürtiger Hamburger, sind bereit zu helfen. Uwe Schwenker, Präsident der Handball-Bundesliga, sagt auf der Versammlung: „Das sieht alles sehr seriös und vertrauenswürdig aus. Das Konzept überzeugt mich. Ich hoffe, dass wir den HSV 2019 wieder in der Bundesliga begrüßen können. Der Standort Hamburg ist für den Handball weiter hoch attraktiv.“ Und Evermann verspricht: „Wir geben künftig nur das Geld aus, das wir vorher eingenommen haben.“