HSV Handball

Drohender Lizenzentzug hat erste Auswirkungen auf HSV II

Kapitän Pascal Hens, 35, sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Ob er seine HSV-Karriere
in der Dritten Liga fortsetzen würde, ist offen

Kapitän Pascal Hens, 35, sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Ob er seine HSV-Karriere in der Dritten Liga fortsetzen würde, ist offen

Foto: Christian Charisius / dpa

Entscheidung der Bundesliga für Mittwoch erwartet. Kritik an Fitzek. Insolvenzveralter Böhm wird wohl heute alle Mitarbeiter entlassen.

Hamburg.  Ob er wirklich gebraucht wird, weiß Adrian Wagner nicht, aber der Hamburger Landestrainer will am Montag auf jeden Fall in die Volksbank-Arena kommen. In Vertretung von HSV-Chefcoach Michael Biegler, der die polnischen Handballer durch die Heim-EM führt, sollte er die verbliebenen Hamburger Profis auf die Restrunde der Bundesliga vorbereiten. „Ich biete allen, die kommen und trainieren wollen, etwas an“, sagt Wagner.

Groß wird der Bedarf nicht sein. Nachdem HSV-Insolvenzverwalter Gideon Böhm am Freitag ein düsteres Bild zeichnete („Ich gehe davon aus, die Mannschaft in Kürze vom Spielbetrieb abmelden zu müssen“), ist der deutsche Meister von 2011 und Champions-League-Sieger von 2013 in Auflösung begriffen. Die meisten Spieler stehen vor einem Vereinswechsel.

Torjäger Hans Lindberg, dem Angebote der Füchse Berlin und aus Veszprem (Ungarn) vorliegen, verabschiedete sich via Facebook von den Hamburger Fans: „Ich will mich bedanken für neun unglaublich schöne Jahre. Ich bin enttäuscht, stinksauer, traurig, fassungslos.“ In der dänischen Zeitung „Ekstra Bladet“ erhob er schwere Vorwürfe gegen Christian Fitzek: „Ich habe einen Geschäftsführer, der uns ins Gesicht gelogen hat. Er hat gesagt, wir sollten nichts überstürzen. Und dann erfährt man, dass es keinerlei Chance für das Überleben des Vereins gibt.“

Böhm wird wohl alle Mitarbeiter freistellen

Fitzek hatte sich mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens am Freitag zurückgezogen. Es wird erwartet, dass Böhm am Montag die meisten Mitarbeiter freistellt. Ihrem bisherigen Chef droht ein Verfahren wegen Insolvenzverschleppung. Zudem soll Fitzek – und mit ihm sein früherer Amtskollege Sven Fahrenkrug – für den offenbar unvollständigen Lizenzantrag des HSV verantwortlich sein. Ein Zusatzvertrag mit Mäzen Andreas Rudolph, der dessen Verpflichtungserklärung im Umfang von 2,5 Millionen Euro entscheidend einschränkt, war der Bundesliga nicht vorgelegt worden.

Böhm reichte das ominöse Schriftstück am Freitag nach. „Wir haben ihn und den HSV Hamburg e. V. als Lizenznehmer bis Mittwoch um Stellungnahme gebeten“, sagte Ligageschäftsführer Frank Bohmann dem Abendblatt. Alles spricht dafür, dass nach Ablauf der Frist die Lizenz entzogen wird. In diesem Fall dürfte der HSV zwar die verbleibenden 14 Punktspiele bestreiten, kommende Saison aber höchstens in der Dritten Liga antreten.

Flensburg sieht den HSV in der Pflicht

Einen sofortigen Rückzug fürchten vor allem jene sieben Konkurrenten, die noch ein Heimspiel gegen die Hamburger zu bestreiten haben. „Der HSV ist in der Pflicht, eine spielfähige Mannschaft an den Start zu bringen“, sagt Dierk Schmäschke, Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt. Er habe für das bereits ausverkaufte Derby am 10. Februar allerdings „einen Plan B in der Schublade“. Andere Vereine, aber auch Gläubiger könnten den HSV auf Schadenersatz verklagen.

Vergangene Woche hatte Böhm einen neuerlichen Versuch unternommen, Rudolph zum Einlenken zu bewegen. Demnach hätte der schwerreiche Medizintechnik-Unternehmer, der den HSV seit 2004 mit mehr als 50 Millionen Euro unterstützt haben soll, ein letztes Mal ausgeholfen – bis Saisonende fehlen laut Böhm zwei Millionen Euro. Bestes Argument für dieses Ausstiegsszenario: Rudolph, 60, wäre allein als Retter des HSV und nicht auch als dessen Totengräber in die Handballgeschichte eingegangen.

Er lehnte ab. „Andreas Rudolph hat sein Spielzeug einfach weggeschmissen“, klagt ein langjähriger Weggefährte. Auch einige etablierte Spieler sollen dem langjährigen Präsidenten zürnen. Rudolph hatte ihnen persönlich garantiert, für ihr Wohlergehen und ihre wirtschaftliche Sicherheit beim HSV zu sorgen. Obwohl nicht mehr in einem offiziellen Amt, hatte er bis zuletzt noch über Vertragsverlängerungen und Verpflichtungen befunden.

Welche Profis noch in Hamburg verbleiben und zu welchen Konditionen, ist nicht abzusehen. Ein Kernteam um Kapitän Pascal Hens, Stefan Schröder, Matthias Flohr und Johannes Bitter wäre, angereichert mit Spielern der U 23, halbwegs konkurrenzfähig. Böhm hat eine solche Billiglösung nicht ausgeschlossen. Weniger als eine Million Euro könnten schon reichen, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, womöglich in der Sporthalle Hamburg.

HSV II zieht um

Allerdings würde das nicht nur den Wettbewerb noch stärker verzerren als ein sofortiger Rückzug, bei dem alle Punkte annulliert werden. Es würde auch die einzige Zukunft gefährden, die der HSV noch hat: den Neuaufbau in der Dritten Liga. Die zweite Mannschaft hat den Aufstieg bei fünf Punkten Vorsprung vor Augen. Und dass es noch gelingt, für das Profiteam bis zum Stichtag am 1. März einen Erst- oder Zweitligaetat zusammenzubekommen, ist fast auszuschließen – unabhängig von der Lizenzentscheidung.

Das HSV-Präsidium um Karl Gladeck will am Montagnachmittag mit Böhm die Fortführungsmöglichkeiten ausloten. Einige Fans scheinen sich bereits mit der weniger glanzvollen Zukunft eingerichtet zu haben. Beim Oberliga-Spitzenspiel des HSV II gegen Neumünster am vorvergangenen Sonntag reichten die offiziell 150 Plätze in der Volksbank-Arena bei Weitem nicht aus. Das Spiel am nächsten Sonntag gegen Herzhorn soll deshalb in eine größere Halle verlegt werden.