Handball

Wer verlässt den HSV? Torwart flüchtet zum Liga-Rivalen

Insolventer Ex-Meister verabschiedet sich mit glanzvollem Sieg in die Ungewissheit. Die Mannschaft der HSV-Handballer wird kleiner.

Hamburg.  Das Spiel war bereits seit fast eineinhalb Stunden Geschichte, da brandete im Barclaycard Club noch einmal Jubel auf. Die Mannschaft des Handball-Sport-Vereins Hamburg betrat die Bühne, vor der Hunderte Fans ausgeharrt hatten. Viele trugen Trikots, viele zückten ihre Handys, um diesen Moment festzuhalten. Wer weiß schon, ob man das noch einmal erlebt?

Was die Fans von ihren Lieblingen zu hören bekamen, kann ihnen unmöglich gefallen haben: Es muss eine der schmerzhaftesten Interpretationen gewesen sein, die dem Weihnachtslied „O Tannenbaum“ in seiner 500-jährigen Geschichte angetan wurden. Tosenden Applaus gab es trotzdem.

Denn noch immer standen die Fans unter dem Eindruck der sehr viel harmonischeren Vorführung, die der HSV ihnen zuvor beim 36:24 (18:10) gegen Frisch Auf Göppingen dargeboten hatte. Zum siebten Mal hintereinander hatte die Mannschaft des insolventen Ex-Meisters nicht einfach nur gewonnen, sondern begeistert, diesmal 10.206 Zuschauer, so viele wie noch nie in dieser Bundesligasaison.

Hens appelliert an die Fans

Schon sechs Minuten vor dem Ende hatte sich der gesamte Unterrang der Barclaycard-Arena von den blauen Sitzen erhoben, mitgerissen vom Tempo und von der Leidenschaft, mit der die Spieler trotz fehlenden Gehalts und unsicherer Zukunft ihrer Arbeit nachgingen. „Das war eine Demonstration für den Handball“, schwärmte Ehrenrat Volker Kuntze-Braack.

Und das soll jetzt alles vorbei sein, kaum dass es richtig begonnen hat?

Pascal Hens, der Kapitän, richtete nach dem Spiel einen Appell via Lautsprecher an die Zuschauer: „Jeder von euch wird nach diesem Spektakel wiederkommen. Was wir hier erleben, ist einzigartig. Seht zu, dass ihr Leute mitbringt, damit wir hier weiter Handballfeste feiern können.“

Kommentar: Wirtschaft und nicht Politik muss dem HSV helfen

Die Entscheidung darüber liegt bei Gideon Böhm. Der vorläufige Insolvenzverwalter suchte nach dem Spiel das Team in der Kabine auf. Was er sagte, blieb geheim. Erst am 15. Januar, wenn mit Interimstrainer Adrian Wagner die Vorbereitung auf die Rückrunde beginnt, will er sich äußern. Böhms Gespräche mit Gläubigern sollen aber Anlass zum Optimismus geben, dass der HSV am 10. Februar bei der SG Flensburg-Handewitt antritt und am 20. Februar Aufsteiger TVB Stuttgart empfängt – in der Barclaycard-Arena.

Vortmann wechselt nach Leipzig

Die Frage ist allerdings, in welcher Zusammensetzung. Denn die Mannschaft des Jahres 2016 wird nicht mehr die des Jahres 2015 sein, so viel ist sicher. Adrian Pfahl wird künftig für die Göppinger spielen. Das Abschiedsspiel gegen seinen künftigen Club hat den Halbrechten offenbar überfordert. Pfahl wollte nichts gelingen.

Das fiel nicht ins Gewicht, weil Ersatzmann Dener Jaanimaa zumindest eine Halbzeit lang phänomenal aufspielte. Überhaupt ist es Trainer Michael Biegler offenbar gelungen, jeden Spieler in seiner neu zusammengestellten Mannschaft mit einer Aufgabe und viel Vertrauen auszustatten. Umso schwerer wiegt, dass er spätestens im Sommer nach dann nur einer Saison den HSV verlassen wird.

Geschäftsführer Christian Fitzek versuchte dennoch Optimismus zu verbreiten: „Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Wir haben noch Möglichkeiten im Kader, um Abgänge auszugleichen.“ Damit könnte zum Beispiel Torwart Justin Rundt gemeint sein. Denn Jens Vortmann, erst zu Saisonbeginn verpflichtet, wechselt mit sofortiger Wirkung zum Aufsteiger SC DHfK Leipzig (das Abendblatt berichtete), wo der 28-Jährige einen Vertrag bis 2018 erhält. „Ich habe mich für einen Wechsel nach Leipzig entschieden, da die Situation in Hamburg sehr unsicher ist“, meinte Vortmann.

„Mannschaft wird kleiner werden“

Torjäger Hans Lindberg, der gegen Göppingen wie auch Kreisläufer Ilija Brozovic mit acht Toren herausragte, ist mit den Füchsen Berlin im Gespräch. Weitere Abgänge könnten folgen – und auch notwendig sein, um ein Sanierungskonzept zum Tragen zu bringen.

Ob es dann noch Leistungen wie gegen Göppingen zu feiern gibt, ist fraglich. „Die Mannschaft wird ein bisschen kleiner werden“, ahnt Torwart Johannes Bitter. Niemand wolle diese Mannschaft, diese Stadt, diese Halle gern verlassen. „Aber klar ist auch, dass uns nur 15 Jahre bleiben, um mit dem Sport unser Geld zu verdienen.“ Wenn es doch weitergehe, dann sei das dieser Mannschaft zu verdanken: „Sie hat die Argumente geliefert.“

Die Statistik

Tore, HSV: Brozovic 8, Lindberg 8 (4 Siebenmeter), Jaanimaa 5, Nenadic 4, Mortensen 4, Feld 3, Schröder 2, Hens 2, Schmidt 1

Göppingen: Schiller 5 (1), Kraus 4, Kaufmann 4, Späth 4, Kneule 2, Halen 2, Kristensen 1, Sesum 1, Barud 1.

Schiedsrichter: Grobe/Kinzel (Braunschweig/Bochum)

Zuschauer: 10.206

Zeitstrafen: 1; 2