Der Präsident droht seinen Handballern

Nach der schmerzvollen Niederlage des HSV in Kiel geht Andreas Rudolph mit der Mannschaft des Champions-League-Siegers ins Gericht

Kiel/Hamburg. Was Andreas Rudolph unmittelbar nach der 24:35-Niederlage beim THW Kiel zu sagen hatte, das sagte der Präsident des HSV Hamburg hinter verschlossener Tür – in der Kabine der Sparkassen-Arena. Er habe eigens für dieses Spitzenspiel der Handball-Bundesliga die 1000 Kilometer weite Reise von seinem österreichischen Skiurlaubsort Ischgl auf sich genommen, ließ Rudolph die Profis dem Vernehmen nach wissen, und dann bekomme er vom Champions-League-Sieger einen derart blutleeren Auftritt serviert, dass er das schon als persönliche Beleidigung auffassen müsse.

All die 14 Spieler, die am Donnerstag auf der Platte gestanden hätten, müssten sich eigentlich bei den drei entschuldigen, die nur zuschauen durften. Aber damit nicht genug: Für einige Spieler sei die HSV-Karriere mit diesem Spiel beendet, soll Rudolph angedroht haben. Sie würden von ihm über Neujahr ein entsprechendes Schreiben erhalten. So erzählte man es sich hinterher beim HSV. Eine offizielle Stellungnahme ließ sich der Vereinsboss in Kiel nicht mehr entlocken.

Zurück in Ischgl, hörte sich am nächsten Tag alles schon moderater an. Die Mannschaft habe „keine Moral gezeigt“, sagte Rudolph. Dass er den Spielern mit dem Rauswurf gedroht habe, daran könne er sich nicht erinnern. Man werde sich vor Ende Februar nicht mit der Planung des Mannschaftskaders beschäftigen.

In diesem Punkt wich Rudolph von der bisherigen Sprachregelung ab. Demnach sollten die Vertragsgespräche während der sechswöchigen Pause stattfinden, die den Vereinen wegen der EM im Januar in Dänemark nun vergönnt ist. Davon aber wollte Rudolph am Freitag nichts mehr wissen: „Wir brauchen erst einmal Klarheit, was wir erreicht haben und was nicht.“

Ob sich das Ende Februar schon absehen lässt, ist allerdings fraglich. Aus dem DHB-Pokal hatte sich die Mannschaft von Trainer Martin Schwalb bereits zum Auftakt mit einer Heimniederlage gegen Göppingen verabschiedet. Jetzt muss auch die Meisterschaft abgehakt werden. Fünf Punkte Rückstand auf Titelverteidiger Kiel bei einer deutlich schwächeren Tordifferenz wird diese Mannschaft nicht wettmachen können, auch wenn Kiels Trainer Alfred Gislason den HSV nicht abschreiben wollte: „Man kann in dieser Saison vielleicht auch mit zwölf oder 14 Minuspunkten Meister werden.“

Dann aber dürfte sich der HSV keinen Ausrutscher mehr erlauben. Doch am Donnerstag hat er wieder einmal nachgewiesen, dass ihm auch im Schlechten alles zuzutrauen ist. Nur zwölf Tage nach dem rauschenden Heimsieg über die Rhein-Neckar Löwen ließen sich die Hamburger vom THW vorführen wie Lehrlinge. In der Abwehr stimmte die Abstimmung nicht, dem hochkarätig besetzten Rückraumangriff schienen sowohl die Ideen für Anspiele zu fehlen als auch die Kraft, um selbst aufs Tor zu gehen.

In dieser Verfassung wird es schwer genug, einen der drei sicheren Champions-League-Startplätze zu sichern. Das aber ist das verbliebene Ziel, das Rudolph ausgegeben hat. Ob es zu erreichen ist, wird Ende Februar noch nicht absehbar sein, sondern vielleicht frühestens am 4. Mai, wenn der HSV bei den Rhein-Neckar Löwen antritt, der nach Punkten gleichauf ist. So lange aber wird man die fälligen Personalentscheidungen kaum aufschieben.

Bei sieben Spielern ist der Verbleib über das Saisonende hinaus offen: Torsten Jansen, Matthias Flohr, Stefan Schröder, Blazenko Lackovic, Davor Dominikovic, Marcus Cleverly und Zarko Markovic. Die entscheidende Frage aber ist, wie der Abgang von Spielmacher Domagoj Duvnjak kompensiert werden soll, der nach Kiel wechselt. Kentin Mahé, dem diese Aufgabe eigentlich zugedacht war, durfte am Donnerstag nicht einmal mitspielen.

Dieses Problem zu lösen sei Schwalbs Aufgabe, sagte Rudolph. Der Trainer selbst stehe aber nicht infrage: „Das ist außerhalb jeder Diskussion. Es gibt gültige Verträge, und an die halten wir uns.“ Talant Dujshebaev, der einstige Wunschkandidat auf die Nachfolge, soll ohnehin vor einem Engagement bei Paris Saint-Germain stehen.

Schwalb verabschiedete sich am Freitag in den Skiurlaub nach Fiss (Österreich). Das geplante Lauftraining ließ er nach Rücksprache mit der Mannschaft auf der Rückfahrt von Kiel ausfallen. Die Vorbereitung auf den zweiten Saisonteil beginnt dann am 9.Januar. Ohne die bis zu sechs EM-Teilnehmer und Adrian Pfahl. Er wird am Donnerstag an seinem lädierten linken Ellbogen operiert.