HSV-Handballer zeigen Moral

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Rainer Grünberg

Im Hinspiel der Champions-League-Qualifikation schafft der Titelverteidiger ein 30:30 bei den Füchsen Berlin

Berlin. Als nach der Schlusssirene die HSV-Handballer in der Max-Schmeling-Halle ihren obligatorischen Kreis bildeten, sah man nur zufriedene Gesichter. Die Hamburger hatten im Hinspiel der Champions-League-Qualifikation nach wiederholt vier Toren Rückstand ein 30:30 (15:18) bei den Füchsen Berlin erkämpft und sich damit die Chance eröffnet, im Rückspiel gegen den Bundesliga-Konkurrenten am Freitag (19 Uhr, O2 World) den Sprung in die Königsklasse zu schaffen. Der Verlierer muss im europäischen EHF-Pokal antreten. An dem haben die Hamburger in ihrer elfjährigen Vereinsgeschichte noch nie teilgenommen. Zuletzt trat die Mannschaft sechs Jahre in Folge in der Champions League an.

„Es war das intensive Spiel, das wir alle erwartet haben“, sagte HSV-Trainer Martin Schwalb, „und wir wissen, dass noch ein ganz hartes Stück Arbeit vor uns liegt. Die Mannschaft hat große Moral gezeigt, und in vielen Phasen haben wir auch schon richtig guten Handball gespielt.“

Am Morgen nach dem Rückspiel gegen Berlin fliegt der HSV zur Vereins-Weltmeisterschaft nach Doha (Katar; 25.–30. August). Der Bundesligastart der Hamburger wurde deshalb auf den 4. September in Wuppertal bei Aufsteiger Bergischer HC verschoben.

Die sportliche Brisanz des Duells zwischen dem aktuellen Champions-League-Sieger und dem Vierten des Wettbewerbs 2012 war am Dienstag von den verbalen Attacken des Füchse-Präsidenten Frank Steffel, 47, zusätzlich angeheizt worden. Der CDU-Politiker hatte dem HSV wettbewerbsverzerrendes Mäzenatentum vorgeworfen. Entzündet hatte sich sein Zorn am Werben der Hamburger um Berlins 99-maligen Nationaltorhüter Silvio Heinevetter, 28, der im kommenden Jahr ablösefrei gewesen wäre. Als jedoch Steffel zum Rundumschlag gegen den HSV-Financier Andreas Rudolph, 58, ansetzte, war Heinevetters neuer Vertrag in Berlin längst unterschrieben. Der Lebensgefährte von ARD-„Tatort“-Kommissarin Simone Thomalla, 48, verlängerte bei den Füchsen bis zum 30. Juni 2018. Sein Monatsgehalt von zuletzt rund 12.000 Euro netto wurde zudem aufgestockt. „Ich fühle mich wohl in Berlin und sehe eine Menge Potenzial in dieser Mannschaft“, sagte Heinevetter. Er spielt seit Juli 2009 bei den Füchsen.

Gegen den HSV dauerte es allerdings 16 Minuten, bis die Berliner ihre Fähigkeiten offenlegten. 12:6 führten die Hamburger zu diesem Zeitpunkt, Petar Djordjic hatte mit seinem vierten Treffer den Sechstorevorsprung herausgeworfen und für Ruhe auf den Rängen gesorgt. Es war dann ausgerechnet der Wechsel auf der Torwartposition, der dem Spiel die Wende geben sollte. Heinevetter, von den Füchse-Fans vor dem Spiel noch stürmisch für sein Bleiben in Berlin gefeiert, räumte seinen Arbeitsplatz für Petr Stochl, der bis zur Halbzeit acht der zwölf HSV-Würfe auf sein Tor entschärfen konnte, insgesamt aber nur 13 von 29.

Auf der anderen Seite taten sich Johannes Bitter und Marcus Cleverly (24.–40. Minute) lange schwer, Hände oder Füße an die Bälle zu bekommen. Folgerichtig gelang Jesper Nielsen in der 23. Minute der Ausgleich zum 12:12 und drei Minuten später zum 14:13 die erste Berliner Führung, die die Füchse bis zur Halbzeit auf 18:15 ausbauten. Der HSV hatte zwischenzeitlich neun Minuten lang keinen Treffer erzielt, erst Hans Lindberg beendete in der 24.Minute die Torflaute mit einem zum 13:12 verwandelten Siebenmeter.

Als zum Anfang der zweiten Halbzeit einige HSV-Spieler schon über ihre Fehlpässe und Missverständnisse in Angriff und Abwehr den Kopf schüttelten, war es Kentin Mahé, der den Hamburgern neuen Mut machte. Dem Franzosen, der für Torsten Jansen Linksaußen spielte, gelang in der 36. Minute das 20:20 und in der 52. Minute das 26:26 (nach 21:25-Rückstand). Trainer Schwalb hatte Jansen auf der Bank gelassen, um ihn nicht den Pfiffen des Berliner Publikums auszusetzen. Der 36-Jährige hatte Ende Mai im Bundesligaspiel gegen die Füchse den Kroaten Ivan Nincevic schwer verletzt. Nincevic wechselte im Sommer nach Minsk.

Den Schlusspunkt setzte schließlich Stefan Schröder. Der Rechtsaußen glich 30 Sekunden vor dem Ende mit einem Heber über den in der 55. Minute ins Tor zurückgekehrten Heinevetter hinweg zum 30:30 aus.

Tore, Berlin: Igropulo 6 (1 Siebenmeter), Horak 6, Löffler 5, Jaszka 3, Romero 3, Nielsen 3, Richwien 3, Petersen 1; Hamburg: Lindberg 6 (2), Djordjic 4, Duvnjak 4, Pfahl 4, Mahé 4, Schröder 3, Toft Hansen 2, Canellas 1, Nilsson 1, Dominikovic 1. Schiedsrichter: Gousko/Repkin (Weißrussland). Zuschauer: 7128. Zeitstrafen: 2; 2.