Hamburg Towers

Max DiLeo: „Wir sind noch immer ein Underdog“

| Lesedauer: 11 Minuten
Alexander Berthold
Max DiLeo in der edel-optics.de Arena, der Heimspielstätte der Hamburg Towers.

Max DiLeo in der edel-optics.de Arena, der Heimspielstätte der Hamburg Towers.

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Vor dem Saisonstart in Ludwigsburg spricht Max DiLeo, Kapitän der Hamburg Towers, über Dreifachbelastung und seine Lehren aus Corona.

Hamburg. An diesem Sonnabend wird es für Kapitän Max DiLeo (28) und die Hamburg Towers ernst. Nach sechs Wochen Vorbereitung starten die Wilhelmsburger um 20.30 Uhr bei den Riesen Ludwigsburg in ihre dritte Saison in der Basketball-Bundesliga (BBL). Die externe Erwartungshaltung ist nach der erfolgreichen vergangenen Saison, die für die Towers in den Play-offs endete, riesig.

Im Abendblatt-Interview spricht DiLeo über die Herausforderungen der neuen Saison mit der Teilnahme an drei Wettbewerben, die Rolle der neuen Normalität in Corona-Zeiten und wem sein „Kult-Vokuhila“ zum Opfer fiel.

Herr DiLeo, sagt Ihnen der Name Uli Hoeneß etwas?

Max DiLeo: Lassen Sie mich nachdenken. Nicht wirklich.

Er ist Präsident des FC Bayern Basketball und war einer der erfolgreichsten Fußballmanager seiner Zeit. Er hat einst die These vertreten, dass es leichter sei, sportlich nach oben zu kommen, als oben zu bleiben. Auf die Towers heruntergebrochen: Wie viel Wahrheit steckt in diesen Worten?

Ich weiß, wie Herr Hoeneß es meint. Man kann immer mal ein gutes Jahr haben und eine gute Saison spielen. Aber das immer und immer zu wiederholen ist die Kunst. Dafür braucht es eine besondere Leistungskultur im Club. Wenn du etwas Gutes erreicht hast, so wie wir in der Vorsaison mit der Play-off-Teilnahme, hast du immer eine Zielscheibe auf dem Rücken. Die Gegner spielen ihren besten Basketball gegen dich, keiner unterschätzt dich mehr. Damit umzugehen ist eine große Herausforderung.

Sportdirektor Marvin Willoughby und Trainer Pedro Calles versuchen, die Erwartungen niedrig zu halten und weiter aus einer Underdog-Rolle zu agieren. Wie sehen Sie es als Führungsspieler?

Wir sind noch immer ein Underdog, weil wir in dieser Liga eine relativ unerfahrene und junge Organisation sind. Wir müssen immer noch beweisen, dass wir dauerhaft in die BBL gehören. Daran ändert auch eine erfolgreiche Saison nichts. Zumal die vorherige Spielzeit schwer zu bewerten ist, mit all den Corona-Fällen, den damit verbundenen Spielplananpassungen. Es war eine völlig merkwürdige Saison, die aber wichtig für uns war. Wir haben einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, hier eine gute Leistungskultur zu etablieren. Auf diesem Fundament bauen wir jetzt auf.

Deshalb erwarten ja Fans, Medien und Umfeld, dass der nächste Schritt auch tabellarisch und spielerisch erfolgt.

Erfolg bringt auch Schwierigkeiten mit sich. Natürlich feiern uns die Medien, die Fans und das Umfeld dafür, was wir geleistet haben. Wir haben für die Towers schließlich ein weiteres Kapitel in der Geschichte geschrieben, aber bei allem Respekt vor Ihrem Job als Reporter: Es ist wichtig, dass wir uns frei von Zeitungsartikeln, Internetforen oder sozialen Netzwerken machen.

Es ist unglaublich wichtig, in Erfolgsfällen nicht durchzudrehen und bei Misserfolgen nicht zu deprimiert zu sein. Wenn man so abgefeiert wird, birgt es das Risiko zu glauben, dass man die vermeintlich kleineren Teams in der BBL im Vorbeigehen weghaut. Das müssen wir verhindern und die Dinge nüchtern und sachlich bewerten.


In der neuen Saison kommt auf die Towers erstmals eine Dreifachbelastung mit nationalem Pokal, Liga und EuroCup zu. Sie haben das mit Rasta Vechta schon einmal erlebt. Was kommt auf Sie zu?

Auf uns kommt Freude und Frust zu. Wir Spieler spielen natürlich lieber als zu trainieren. Das sehen Trainer in der Regel anders. Wir werden coole Reisen machen, neue Städte und Arenen sehen, uns mit den besten Spielern des Kontinents messen. Aber die Belastung zehrt an einem. Wir können bis zu 70 Spiele haben in dieser Saison.

Hatte man früher einen freien Tag, wird in dieser Saison häufig ein Reisetag anstehen, der anstrengender sein kann als eine zweistündige Einheit. Darüber hinaus wird der Trainer die Einsatzminuten der Spieler steuern müssen, was dazu führen kann, dass einige weniger spielen, als sie es gewöhnt sind. Aber da müssen wir unsere Egos dem Teamgedanken unterordnen.

Wie wichtig wird es mental sein, Niederlagen im EuroCup schnell wegzustecken und nicht bis in die BBL nachwirken zu lassen?

Niederlagen müssen eine gewisse Zeit richtig wehtun. Wirken lassen, aber nicht zu lange. Das ist ein schmaler Grat, den es zu finden gilt. Aber das Gute an drei Wettbewerben ist: Man hat schnell die Chance, Niederlagen zu korrigieren. Das wird neu für uns sein.

Neu ist auch ein Großteil der Mannschaft. Acht neue Spieler, ein großer Umbruch. Wenn man in die Mannschaft hineinhört, schwärmen alle vom Zusammenhalt. Und das nach sechs Wochen Vorbereitung. Was ist das Geheimnis?

Das Geheimnis heißt Pedro Calles. Er hat die einzigartige Gabe, neue Spieler nach ihrem Charakter auszuwählen. Seit ich ihn kenne, hatten wir immer eine tolle Chemie im Team. Er schafft es, dass auch neue Spieler innerhalb kürzester Zeit für ihn durchs Feuer gehen und für die Aufgabe brennen. Das ist echt nicht normal.

Wir hatten uns im Vorgespräch über die langsame Rückkehr der Normalität unterhalten. Als Sie vor einem Jahr zu den Towers kamen, bestand Ihr Leben wegen des Lockdowns aus Training, Ligaspiel und allein in der Wohnung hocken. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Es war eine Extremsituation für alle. Die einzige Sache, auf die ich mich in der vergangenen Saison freuen konnte, war Basketball. Als es bei mir oder beim Team mal nicht so gut lief, gab es keine Möglichkeit, dem zu entfliehen. Man konnte nicht einfach mal etwas unternehmen, um den Kopf freizubekommen. Ich habe händeringend nach Ablenkung gesucht. Netflix, Malen, Playstation spielen, mit Freunden und Familie in den USA telefonieren.

Es gab Phasen in der vergangenen Saison, in der das Herunterbringen des Müllbeutels das Highlight meines Tages war. In der Zeit war ich häufig total unglücklich. Drei Freunde von mir, die auch Profibasketballer waren, sind an der Pandemie sportlich zerbrochen. Sie haben ihre Karriere beendet, weil sie der mentalen und körperlichen Belastung Tribut zollen mussten.

Gehen Sie also derzeit mit mehr Leichtigkeit durchs Leben?

Absolut, die Rückkehr der Normalität tut mental unheimlich gut. Durch die Corona-Impfung fühle ich mich viel sicherer. Ich mache mir jetzt nicht mehr die Sorgen, dass, wenn ich in ein Restaurant gehe, ich womöglich krank werde und so auch meinem Team Schaden zufüge.

Es ist einfach wieder schön, mit den Teamkollegen essen zu gehen und so auch als Mannschaft zusammenzufinden. Diese Saison wird es viel einfacher, eine Work-Life-Balance hinzubekommen. Und jeder Arbeitnehmer – egal in welchem Job – weiß, dass man die besten Leistungen bringt, wenn Beruf und Privatleben im Einklang sind. Meine Liebe zum Basketball ist jetzt wieder größer denn je.

Bei den Towers sind alle Spieler, Trainer und Betreuer vollständig geimpft. In dieser Woche hat die BBL bekannt gegeben, dass die Impfquote in der Liga bei 99 Prozent liegt. Was dachten Sie, als Sie diese beeindruckende Zahl gehört haben?

Es zeigt, dass die Basketball-Community sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Auch ohne Impfpflicht. Es geht darum, dass wir uns, aber auch andere Menschen schützen. Wir Spieler lieben diesen Sport und wollen, dass möglichst viele Menschen am Basketball teilhaben können. Ich denke, dass wir als Liga ein wichtiges Zeichen über den Sport hinaus gesetzt haben, dass Normalität eng mit dem Thema Impfung verbunden ist. Dass jetzt wieder Fans in die Arenen kommen können, ist fantastisch. Ich kann es kaum erwarten.

Sie schauen über den Tellerrand des Basketballs hinaus. Sie sind ein wichtiger Führungsspieler und wurden erneut zum Kapitän gewählt. Ihr Stellvertreter ist Neuzugang Seth Hinrichs.

Ich fühle mich total geehrt und dankbar, weiter Kapitän dieses Clubs zu sein. Auf dem Court werde ich an meinem Führungsstil nicht viel ändern. Ich werde weiterhin der lautstarke Max DiLeo sein, der mit gutem Beispiel vorangehen wird. Darüber hinaus bin ich die menschliche Brücke zwischen Trainerteam und Mannschaft.

In der vergangenen Saison hatten Sie mit Bryce Taylor einen BBL-Veteranen als Co-Kapitän. Welche Rolle spielte er bei der Interpretation der Kapitänsrolle?

Wir haben uns super ergänzt. Ich war der, der überall geredet hat, er war mehr der stille Beobachter. Wie er die Mannschaft zusammengehalten hat, wie er als Mentor für einzelne Spieler fungiert hat und wie er im Training vorangegangen ist, obwohl er viele gesundheitliche Wehwehchen hatte, das hat mich inspiriert. Wenn er im Training hart gefoult wurde und sich jeder Sorgen gemacht hat, ob er sich wieder verletzt hat, ist er blitzschnell aufgesprungen, hat so getan, als wäre nichts passiert, und sofort hat er sich wieder in den Dienst der Mannschaft gestellt. Ein absolutes Vorbild.

Apropos Vorbild. Sie waren frisurentechnisch das Gesprächsthema der vergangenen Saison. Jetzt ist Ihr „Vokuhila-Schnitt“, der Kultstatus in der BBL hatte, weg. Was ist passiert?

Mein bester Freund Ryan hat im Sommer seine Angela geheiratet, und ich wollte als guter Trauzeuge mit meiner Frisur nicht die Aufmerksamkeit aller Gäste stehlen. Auf den Hochzeitsbildern hätten sonst alle nur auf mich und nicht auf das Brautpaar gestarrt. Es war eine schöne Zeit mit dem Vokuhila, aber wer weiß, vielleicht kommt er ja wieder? Aber ich danke Ihnen, dass ich Ryan jetzt über die Medien die Schuld dafür geben kann, dass meine Kultfrisur Geschichte ist. Ich hoffe, er liest das Abendblatt.