Basketball

Hamburg Towers: Wundertüte oder Spitzenteam?

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Alexander Berthold
Für Jaylon Brown ist die Bundesliga neu (Archivbild).

Für Jaylon Brown ist die Bundesliga neu (Archivbild).

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Edu Del Fresno

Die Hanseaten versuchen, vor dem Bundesligastart am Sonnabend die Erwartungen zu dämpfen. Viele Änderungen im Kader seit Sommer.

Hamburg. Am Mittwoch erhielt Justus Hollatz einen Vorgeschmack darauf, dass den Hamburg Towers eine harte Saison bevorsteht. Im Training bekam der 20 Jahre alte Spielmacher einen Ellenbogen an die Schläfe, erlitt eine Platzwunde und durfte statt zur Saisoneröffnungspressekonferenz im VIP-Bereich der edel-optics.de Arena mit Turban zum Arzt gehen. Dort musste seine Wunde genäht werden.

Sein Einsatz am Sonnabend (20.30 Uhr/ MagentaSport live), wenn die Wilhelmsburger bei den Riesen Ludwigsburg in die neue Saison der Basketball-Bundesliga (BBL) starten, soll dennoch nicht gefährdet sein. „Ich verrate nicht, wer es war. Ich bin kein Snitch (Englisch für Petze, die Red.)“, scherzte Nationalmannschaftskollege Lukas Meisner (26), der den Medien anstelle Hollatz’ Rede und Antwort stand. Der Zusammenhalt stimmt offenbar nach sechs Wochen Vorbereitung.

Basketball: Neuer Kader bei Hamburg Towers

Dabei haben Sportdirektor Marvin Willoughby (43) und Trainer Pedro Calles (38) in der Sommerpause nahezu einen komplett neuen Kader zusammengestellt. Aus der erfolgreichen vergangenen Saison, in der nach Platz sieben in der Hauptrunde erstmals die Qualifikation für das Play-off-Viertelfinale (0:3 gegen Alba Berlin) gelang, befinden sich lediglich noch Maik Kotsar (24), Osaro Jürgen Rich Igbineweka (23), Spielmacher Hollatz (20) und der neue (und alte) Kapitän Max DiLeo (28) im Aufgebot.

Mit Kameron Taylor (26), den es zum EuroLeague-Topclub Maccabi Tel Aviv zog, Spielmacher T.J. Shorts (23), der künftig für Ligakonkurrent Crailsheim Merlins wirbelt, und Terry Allen (27), der bei Medi Bayreuth unterschrieben hat, sind gleich drei wichtige Stützen der vergangenen Spielzeit weggebrochen.

Willoughby blieb sich treu

Bei den Neuverpflichtungen blieb sich Willoughby treu. Neben den bundesligaerfahrenen Robin Christen (30), der von Bundesliga-Absteiger Rasta Vechta verpflichtet wurde, Topzugang Meisner, der in der abgelaufenen Saison bei den Löwen Braunschweig zu einem der besten Deutschen der Liga reifte, und Seth Hinrichs (28), der vor seiner Zeit in Spanien für Vechta und Ulm spielte, verpflichtete er unbekannte Spieler, die ihre BBL-Tauglichkeit noch unter Beweis stellen müssen.

Gerade auf der Point-Guard-Position müssen die Towers hoffen, dass ähnlich wie im Vorjahr T.J. Shorts einer der Profis positiv überrascht. Für Jabril Durham (27) und Jaylon Brown (27) ist die Bundesliga ebenso Neuland wie für die Forwards Zach Brown (25), Caleb Homesley (24) und Eddy Edigin (25). „Unsere Philosophie und Kultur werden sich nicht ändern. Vielleicht wird sich durch den Umbruch unser Angriffsspiel etwas verändern. Wir haben einige Spieler dazubekommen, die gute Dreipunktewerfer sind. Unser Spiel basiert auf drei Eckpfeilern: Aggressivität, Attraktivität und Effizienz. Ich denke, dass unser Kader tiefer ist als in der Vorsaison“, sagt Trainer Calles.

Hamburg Towers stellen Physiotherapeuten ein

Und diese personelle Tiefe ist auch notwendig. Die Towers tanzen in dieser Saison erstmals auf drei Hochzeiten. Neben dem Ligabetrieb stehen auch die Premiere im MagentaSport BBL-Pokal, da wartet im Achtelfinale Bayreuth, sowie die Teilnahme am EuroCup auf dem Programm. Um den körperlichen Belastungen standzuhalten, haben die Towers mit Nikolai Stempel erstmals einen hauptamtlichen Physiotherapeuten eingestellt. In der neuen Saison planen die Hamburger mit einem Etat zwischen 4,5 und fünf Millionen Euro. Das ist knapp eine halbe Million Euro mehr als 2020/21 und ein ähnlicher Wert wie vor Beginn der Pandemie.

Ein Großteil soll durch die Rückkehr der Zuschauer refinanziert werden. Bei der Einreichung der Lizenzunterlagen haben die Towers - wie alle anderen Clubs auch - vorsichtig mit einer 50-prozentigen Auslastung kalkuliert. Doch die Corona-Situation hat sich inzwischen geändert. Für das erste Heimspiel am kommenden Mittwoch (18.30 Uhr) gegen die Chemnitz Niners planen die Hamburg Towers mit 2600 Fans. Nach Abendblatt-Informationen hoffen die Geschäftsführer Willoughby und Jan Fischer (40) aber vom darauffolgenden Heimspiel an, 17. Oktober gegen Bayreuth, mit einer Vollauslastung der edel-optics.de Arena (3400 Plätze).

Basketballspiele in Hamburg mit 2G

In der BBL werden die Partien in Hamburg mit 2G absolviert. Dafür wird der Ordnungsdienst von 25 auf 50 Personen, die alle geimpft sein müssen, aufgestockt. Auch bei der Cateringfirma und der TV-Crew von Magenta Sport, die alle BBL-Spiele live übertragen, haben die Towers nachgefragt, ob sie in der Lage sind, ausschließlich geimpfte Personen zu den Spielen der Towers zu schicken. Die Antworten waren positiv.

„Mit den Fans kehren das Herz und die Seele in die Halle zurück, aber natürlich ist es auch wirtschaftlich sehr wichtig für uns“, sagt Fischer. Für die neue Saison haben die Towers 800 von 1000 Dauerkarten verkauft. Anders sieht die Zuschauersituation bei den Heimspielen des EuroCups aus, bei dem auf und um das Spielfeld 3G (geimpft, genesen, getestet) erlaubt wird.

Impfquote bei Spielern in BBL bei 99 Prozent

Während in der BBL die Impfquote bei Spielern, Trainern und Mitarbeitern bei 99 Prozent liegt, fällt sie im Ausland deutlich ab. In Griechenland haben 26 Prozent der Spieler und 17 Prozent der Trainer einen vollständigen Schutz. Auch Frankreich (48/39) und Litauen (55/40) melden größeren Nachholbedarf.

Bleibt die Frage, was denn nun sportlich drin ist in der „Wilhelmsburger Wundertüte“. Israel Gonzalez (46), der neue Cheftrainer von Titelverteidiger Alba Berlin, ist sicher, dass die Hamburger ein Wort um den Titel mitsprechen. „Ich mag und respektiere ihn sehr, kann ihm aber bei der Pro­gnose nur widersprechen“, sagt Landsmann Calles.

Hamburg Towers: Willoughby dämpft Erwartungen

Und auch Willoughby versucht seit Wochen, die Erwartungshaltung zu dämpfen, weil auch er vernommen hat, dass der Maßstab die erfolgreiche Vorsaison sein wird. „Das kann ein Problem für uns werden“, erklärt Willoughby: „Die BBL ist und bleibt unser wichtigster Wettbewerb, in dem wir uns weiterentwickeln wollen, Play-off- oder Meisterambitionen werden wir aber nicht formulieren. Im EuroCup wollen wir lernen, es kommt eine neue Belastung auf uns zu. Das kann den Jungs auch mal körperlich und mental wehtun.“